# taz.de -- Russischer Angriff auf Pryluky: 22 Tote, darunter 5 Kinder
       
       > In der Kleinstadt Pryluky beschossen russische Streitkräfte ein
       > Wohngebiet mit sechs Marschflugkörpern. Die Stadt galt bislang als
       > relativ sicher.
       
 (IMG) Bild: In dem zerstörten Wohngebiet von Pryluki nach dem russischen Luftangriff mit mehreren Toten
       
       Mehrere Mädchen im Teenageralter warten seit mehr als zehn Stunden in der
       Nähe von Trümmern auf Nachrichten über ihre Freundin. Sie ist unter den
       Resten eines eingestürzten Hauses verschüttet. Seit Mittwochmorgen sitzen
       sie auf einem Metallgeländer gegenüber einem fünfstöckigen Wohnhaus in
       Pryluky. Dort sind seit Mittwochmorgen durch einen russischen Angriff zwei
       Hauseingänge vollständig zerstört worden. Angespannt verfolgen die
       Jugendlichen den Einsatz der Rettungskräfte.
       
       „Ich glaube nicht, dass sie überlebt hat, denn sie liegt dort seit mehr als
       zehn Stunden. Aber wir müssen warten – zumindest um zu wissen, dass wir sie
       beerdigen und uns von ihr verabschieden können“, sagt die 14-jährige
       Schülerin Anna Skytsko. „Sie heißt Ira und ist 13 Jahre alt. Wir wollen
       glauben, dass sie einfach geschlafen hat und nicht leiden musste“, fügt
       Anna hinzu und hält ihre Freundinnen fest an den Händen.
       
       Am 7. Oktober wurde Pryluky – eine Kleinstadt mit rund 50.000 Einwohnern in
       der Region Tschernihiw, etwa 150 Kilometer östlich der ukrainischen
       Hauptstadt Kyjiw gelegen – Ziel eines russischen Raketenangriffs. Die
       Raketen schlugen gegen sechs Uhr morgens in Wohngebiete ein, während die
       Menschen noch schliefen. Chaos und Leid sind über das Wohnviertel der Stadt
       hereingebrochen, dabei gilt Pryluky eigentlich als relativ sicheres Gebiet.
       
       Spielzeug, Kleidung, Bilder und Vorhänge aus den zerstörten Wohnungen
       wurden durch die Druckwelle in den Bäumen des gesamten Viertels verstreut.
       Noch vor Mittag strömen Einwohner von Pryluky aus der ganzen Stadt herbei,
       um die Einsatzkräfte des Katastrophenschutzes dabei zu unterstützen,
       Menschen aus den Trümmern zu retten. Freiwillige bilden eine Menschenkette
       und reichen sich Beton- und Metallteile weiter, unter denen ihre Nachbarn
       und Angehörigen gefangen waren.
       
       ## Vor Kummer erstarrt
       
       „Russische Streitkräfte haben Pryluky mit sechs Marschflugkörpern
       beschossen – ersten Erkenntnissen zufolge handelte es sich um
       Ch-101-Raketen. Wir haben Hilfsstellen eingerichtet. Dort werden die
       Betroffenen identifiziert. Natürlich stehen Wasser sowie alle anderen
       notwendigen Dinge zur Verfügung“, erklärt Wjatscheslaw Tschaus, Leiter der
       Militärverwaltung des Gebietes Tschernihiw, gegenüber Journalisten am Ort
       des Geschehens.
       
       Hin und wieder wird die harte Arbeit der Rettungskräfte durch den Ruf eines
       Mitarbeiters des Katastrophenschutzdienstes unterbrochen: „Ein
       Krankenwagen, sofort!“ Das bedeutet, dass eine weitere Person gefunden
       wurde. Sanitäter eilen mit einer roten Trage zu den Trümmern, während
       Dutzende von Angehörigen unter Tränen und völlig erstarrt auf Neuigkeiten
       warten.
       
       ## Aus dem vierten Stock geschleudert und verschüttet
       
       „Die Wucht der Explosion war so gewaltig, dass eine Mutter mit ihrem Kind
       aus dem vierten Stock geschleudert und von herabstürzenden Gebäudeteilen
       verschüttet wurden. Die Rettungskräfte hatten schon eine Schweigeminute
       angeordnet. Da hörten sie eine Frau um Hilfe rufen. Es war die Mutter des
       Kindes. Sie teilte mit, dass sich auch ihre Tochter dort befinde. Beide
       wurden gerettet“, sagt Nina Lutsenko, Pressesprecherin des Staatlichen
       Dienstes für Notfälle (GSChS) des Gebietes Tschernihiw, zu dem Pryluky
       gehört. Sie steht neben den Rettungskränen, die gerade zerstörte
       Betonplatten von den oberen Stockwerken abtragen.
       
       Ein Sanitäter trägt die dreijährige Zlata durch Trümmer und Staubwolken auf
       den Armen, ihren Kopf mit seinem Helm bedeckt. Zlata lebt. [1][Fast
       umgehend wird sie von einem Rettungswagen fortgebracht].
       
       ## 22 Tote, 54 Verletzte
       
       Binnen eines Tages konnten Rettungskräfte des Staatlichen
       Katastrophenschutzdienstes 15 Menschen aus den Trümmern bergen. Bis zum
       Morgen des 8. Oktober stieg die Zahl der Todesopfer jedoch auf 22. Weitere
       54 Menschen wurden verletzt.
       
       „Wir schliefen gerade, als draußen plötzlich alles rot leuchtete und man
       drei Explosionen hören konnte. Wir haben uns mit den Kindern im Badezimmer
       versteckt; die Fenster sind zerbrochen, die Türen waren blockiert. Zum
       Glück sind wir noch am Leben“, sagt die 36-jährige Anna Korolewa, während
       sie ihr Gesicht mit den Händen bedeckt.
       
       „Hier wohnt auch eine befreundete Familie, unsere Töchter sind
       Klassenkameradinnen. Das Kind liegt im Krankenhaus, und die ganze Familie
       ist unter den Trümmern begraben.“ Nur mühsam hält Anna die Tränen zurück.
       „Das ist ein Wohnviertel, hier gibt es keine Militäreinrichtungen oder
       Fabriken. Was haben die hier nur gemacht?“
       
       Besonders schwer wiegt bei der Tragödie von Pryluky die hohe Zahl getöteter
       und verletzter Kinder. Das kommt auch daher, dass das attackierte Gebiet
       dicht besiedelt ist. Dort befinden sich Schulen, Kindergärten und
       Sportanlagen.
       
       ## Bewusste Entscheidung für den Terror
       
       „Die Russen wissen gut, [2][dass sie ganz normale Städte angreifen, in
       denen ganz gewöhnliche Menschen leben]. Und der fortgesetzte Einsatz von
       Raketen gegen die Ukraine, gegen unsere Menschen, unsere Kinder – das ist
       eine absolut bewusste Entscheidung für den Terror. [3][Genau dafür
       entscheidet sich Moskau] entgegen all unseren Bemühungen, gemeinsam mit
       unseren Partnern näher zu einem Friedensschluss zu kommen“, schrieb der
       ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf seinem Telegram-Kanal als
       Kommentar zum Angriff auf Pryluky.
       
       In der Stadt wurde für den 7. bis 9. Oktober eine dreitägige Trauer für die
       Opfer des russischen Angriffs ausgerufen.
       
       „Wir sind alle gemeinsam zu den Tanzkursen im Studio hier in der Nähe
       gegangen. Wir haben unsere Freundin Ira am Dienstag noch gesehen, sie war
       fröhlich und machte Witze. Wir möchten, dass alle wissen: Ira war ein guter
       Mensch, sie hat niemandem etwas Böses getan“, sagt Anna Skytsko. Sie und
       ihre Freundinnen verlassen den Ort der Tragödie erst, als es langsam dunkel
       wird.
       
       Aus diesem Grund haben die Mädchen nicht mehr miterlebt, wie Rettungskräfte
       später in der Nacht im Licht der Scheinwerfer den Leichnam ihrer
       13-jährigen Freundin aus den Trümmern bargen. Ira war das fünfte Kind, das
       in Pryluky ums Leben kam. Sieben weitere Kinder wurden verletzt.
       
       Aus dem Russischen Barbara Oertel und Gaby Coldewey
       
       8 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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       ## TAGS
       
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 (DIR) Zivilisten
       
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