# taz.de -- Psychologin über Tat in Idar-Oberstein: „Das sind keine besorgten Bürger“
       
       > Für Sozialpsychologin Pia Lamberty kam der Angriff des Maskenverweigerers
       > nicht überraschend. Sie fordert eine neue Einschätzung der
       > Bedrohungslage.
       
 (IMG) Bild: „Die Maske wurde zum politischen Symbol für den ‚Maulkorb‘, ‚die Unterdrückung‘“, so Lamberty
       
       taz: Frau Lamberty, Sie forschen zu Verschwörungsideologien. Wie sehr haben
       sich die Coronaproteste inzwischen radikalisiert? 
       
       Pia Lamberty: Die Proteste waren in den vergangenen Wochen weniger
       sichtbar. Die großen Aktionen sind ausgeblieben. [1][Doch schon bei den
       Demonstrationen war die Gewalt gegenüber Gegendemonstrant:innen,
       Journalist:innen und Polizist:innen gegenwärtig.] Im Alltag
       erfolgten bereits vor dem Mord Anschläge auf Impfzentren, Menschen bedürfen
       Personenschutz. Die ideologische Aufladung der Feindbilder schürte
       Gewalttätigkeit, die nun auch bei dem Mord anscheinend eine Rolle spielte.
       
       Der Täter wollte ein Zeichen setzen? 
       
       Wie und ob sich der Täter in der Szene bewegte, wird noch recherchiert. In
       der verschwörungsideologischen und rechtsextremen Szene wurde die Maske zum
       Feindbild. In den Telegram-Kanälen, aber auch bei den Aktionen wurde die
       Maske zum politischen Symbol für „den Maulkorb“, „die Unterdrückung“.
       
       War eine solche Tat wegen des Maskentragens zu erwarten? 
       
       Ja, das war zu befürchten. Aber solch eine Tat? Um 19.45 Uhr begann der
       Konflikt, nach 21 Uhr kommt er wieder, die Kleidung gewechselt mit einer
       Waffe, um zu töten. Der Täter handelte vermutlich nicht im Affekt. Das
       Maskentragen führt im Alltag aber immer wieder zu Auseinandersetzungen, in
       der Bahn, auf der Straße, im Supermarkt, auch mit körperlichen Übergriffen.
       
       Die Corona-Protestbewegung ist äußerst heterogen. Ist in einem Spektrum die
       Radikalisierung besonders vorangeschritten? 
       
       Die Radikalisierung ist in der gesamten Bewegung gestiegen. Sie beeinflusst
       auch die Mitte der Gesellschaft. Die verschiedenen Verschwörungserzählungen
       werden weitergetragen. Das kennen alle, die sich kritisch zu der Bewegung
       äußern. Ich erlebe das auch.
       
       „Querdenken“ arbeitet mit dem rechtsextremen Compact-Magazin zusammen.
       Befeuerte diese Zusammenarbeit die Enthemmungen? 
       
       Die rechtsextreme Szene, sogenannte Reichsbürger:innen und
       Holocaustleugnende, waren von Anbeginn Teil Bewegung. Corona ist für sie
       ein Vehikel, um ihre Ideologie weiter zu verbreiten, mehrheitsfähiger
       werden zu lassen. Die Compact hat sich zu dem Zentralorgan für
       Verschwörungserzählungen entwickelt.
       
       Sind die Betreibenden der Telegram-Kanäle mitverantwortlich für den Schuss? 
       
       Sie sind mitverantwortlich für ein gesellschaftliches Klima der Bedrohung,
       sie schaffen den Nährboden für Gewalt, die sich gegen Impfpersonal und
       Virolog:innen, Presse und Polizei wie auch gegen Wissenschaftler:innen
       und Jüd:innen richtet.
       
       Ist mit dem staatlichen Druck auf Nicht-Geimpfte eine weitere Eskalation
       wahrscheinlicher? 
       
       Wenn weitere Maßnahmen beschlossen werden, ist eine weitere Eskalation
       möglich. Umso notwendiger ist es, die Maßnahmen besser zu kommunizieren.
       Umso notwendiger ist jedoch auch, endlich das Bedrohungspotenzial zu
       benennen. Mir scheint, die aggressiven Reaktionen aus der Szene sind in der
       Politik nicht so Thema, wie es sein müsste.
       
       Das BKA hat vor Angriffen auf Personen und Institutionen gewarnt. Wie kann
       dieser Bewegung entgegengewirkt werden? 
       
       Es gibt bei gesellschaftlichen Entwicklungen nicht die eine Maßnahme. Mir
       fehlt aber eine klare Distanzierung zu dieser Bewegung. Sie sind keine
       besorgten Bürger:innen. Doch dieser Minimalkonsens ist nicht gegeben. Wir
       brauchen auch eine genaue Erfassung der Straf- und Gewalttaten, um ein
       klares Handeln zu entwickeln. Im Bundestagswahlkampf ist diese bedrohliche
       Situation allerdings kaum Thema.
       
       22 Sep 2021
       
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