# taz.de -- Nach gescheitertem Abschiebeflug: Ruanda steht zum Geflüchtetendeal
       
       > Aus Großbritannien sollten für die Geflüchtetenaufnahme 150 Millionen
       > Euro nach Ruanda fließen. Man wolle damit „die Bedürftigsten besser“
       > versorgen.
       
 (IMG) Bild: Mit diesem Flugzeug sollten die Migrant:innen nach Ruanda abgeschoben werden
       
       Kampala taz | „Alles ist vorbereitet für die Ankunft der britischen
       Asylsuchenden und Migranten“, titelte noch am Mittwoch morgen die
       ruandische [1][Tageszeitung New Times]. Es gab Fotos vom Hostel, in welchem
       die Asylsuchenden zunächst für einige Monate untergebracht werden sollten:
       „Hostel der Hoffnung“ – ein ehemaliges Waisenhaus für Kinder und
       Jugendliche, deren Eltern während des Völkermordes 1994 umkamen. Später
       wurde es vom Verband der Völkermordüberlebenden genutzt.
       
       Die Einrichtung für rund 200 Menschen hatte der Überlebendenverband
       hergerichtet, um Asylsuchende aus Großbritannien aufzunehmen. Mit den
       Einnahmen daraus wollte der Verband seine Aktivitäten finanzieren.
       Bettwäsche, Handtücher und blaue Flip-Flops lagen in den Zweibettzimmern
       bereit.
       
       Daraus wird nun nichts. Der Flug aus London, der am Mittwochmorgen in
       Ruandas Hauptstadt Kigali landen sollte, [2][wurde abgesagt]. Doch „wir
       lassen uns von diesen Entwicklungen nicht beirren“, sagt Ruandas
       Regierungssprecherin [3][Yolande Makolo] der taz. Ruanda setze sich
       weiterhin „voll und ganz dafür ein, dass diese Partnerschaft funktioniert“.
       
       Makolo erinnert daran, dass die Migration aus Afrika gen Europa weitergehe.
       „Es gibt ein riesiges globales Ungleichgewicht in der Chancengleichheit auf
       dieser Welt“, hatte sie in einer Pressekonferenz in Kigali am Tag zuvor
       gesagt. „Die derzeitige Situation von Menschen, die gefährliche Reisen
       unternehmen, kann so nicht weitergehen, da sie so vielen Menschen
       unsägliches Leid zufügt.“
       
       ## Afrika „ist auch ein Ort für Lösungen“
       
       Ruandas Präsident Paul Kagame habe zugesagt, bis zu 30.000 Geflüchtete
       aufnehmen zu können. Afrika sei nicht nur ein „Ort der Probleme“, wie es
       oft in den Medien dargestellt werde: „Es ist auch ein Ort für Lösungen“, so
       Makolo: „Wir sind stolz darauf, Teil eines innovativen Programms zu sein,
       das eine Lösung für ein schwieriges Problem bietet.“ Ruanda sei weiterhin
       bereit, Migranten „Sicherheit und Chancen in unserem Land zu bieten“.
       
       Abgesehen von dem im April unterzeichneten Migrations-Deal mit
       Großbritannien arbeitet Ruanda an einem [4][ähnlichen Abkommen mit
       Dänemark], das jedoch noch nicht finalisiert ist. Auch mit dem
       UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR läuft bis 2023 ein 2019 gestartetes Programm
       weiter, Geflüchtete und Migranten aus [5][Internierungslagern in Libyen zu
       befreien] und nach Ruanda zu bringen. Nach Angaben des
       UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR sind bislang unter diesem Programm 824
       Flüchtlinge nach Ruanda gekommen und 462 davon in Drittländer
       weitergeschickt worden.
       
       Nach dem vorläufigen Aus für das Programm mit London bleibt nun einiges
       ungeklärt. So war vorgesehen, dass die „Verletzlichsten“ unter den
       Flüchtlingen, die in Ruanda registriert sind und zumeist in
       Flüchtlingslagern leben – Ende 2021 waren das laut UNHCR rund 127.000, die
       meisten davon aus der Demokratischen Republik Kongo –, eine Option
       erhalten, nach Großbritannien transferiert zu werden – quasi ein
       Flüchtlingstausch.
       
       Die Regierungssprecherin bleibt hier vage: Es gebe nur „sehr wenige“
       verletzliche Flüchtlinge in Ruanda und man wisse nicht, wie viele. Generell
       sei die Idee gewesen, mit den Geldern, die Ruanda für die Aufnahme von
       Flüchtlingen aus London erhalten sollte – umgerechnet rund 150 Millionen
       Euro –, Kapazitäten auszubauen, um „auch die Bedürftigsten besser versorgen
       zu können“.
       
       15 Jun 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.newtimes.co.rw/
 (DIR) [2] /Gericht-stoppt-Abschiebeflug-nach-Ruanda/!5861457
 (DIR) [3] https://twitter.com/YolandeMakolo
 (DIR) [4] https://www.reuters.com/world/africa/denmark-talks-with-rwanda-transfer-asylum-seekers-2022-04-20/
 (DIR) [5] https://www.unhcr.org/rw/17295-first-evacuation-flight-of-2022-from-libya-to-rwanda-brings-over-100-asylum-seekers-to-safety.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Simone Schlindwein
       
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