# taz.de -- Lehren aus der Coronakrise: Virus frisst Ideologie
       
       > Wer die aktuellen Zumutungen nicht für Änderungen nutzt, wird umsonst
       > gelitten haben. Ein Rückfall wäre gefährlich.
       
 (IMG) Bild: Yamraj, der Hindugott des Todes: abschreckende Verkleidung als Coronaaufklärung in Delhi
       
       Wer heute über die Zukunft spricht, tut dies aufgrund zweier stark
       divergierender Annahmen: Wir lebten vor Ausbruch der Pandemie entweder in
       einer funktionierenden, zufriedenstellenden Normalität oder in zerrütteten
       Verhältnissen. Von dieser grundsätzlichen Haltung hängt die Reaktion auf
       die brüchige Gegenwart ab. [1][Entweder erwarten wir das Schlimmste oder
       wir schöpfen neue Hoffnung]. Selten waren Dystopie und Utopie [2][so nahe
       beieinander], genau gesagt 1,5 Meter voneinander entfernt.
       
       Krise, gewiss das Wort des Jahres 2020, bedeutet in der griechischen Urform
       krísis laut Duden „Entscheidung, entscheidende Wendung“. Eine Chance somit:
       Wer die jetzigen Zumutungen und Herausforderungen nicht für grundsätzliche
       Verbesserungen nutzt, der wird umsonst gelitten haben. Ein Rückfall in den
       alten Status quo wäre die gefährliche Folge einer rückwärtsgewandten
       Lethargie. Denn ein Land, ein Weltsystem, das von einem Virus so schnell in
       die Knie gezwungen werden kann, war schon davor krank.
       
       Diese Diagnose ist nicht einmal gewagt oder umstritten. Das, was sich
       Wohlstand nennt, basiert auf einer noch nie dagewesenen Ausbeutung von
       Natur und Mensch. Sowohl die ökologischen Zerstörungen als auch das extreme
       Anwachsen der Ungleichheit, vielfach dokumentiert und analysiert, sind
       allgemein anerkannt, nur nicht in Kreisen von Realitätsleugnern und
       systemrelevanten Ideologen.
       
       Letzteren macht die Krise nun den Garaus. Viel ist geschrieben worden über
       die Einschränkung der Grundrechte im Hauruckverfahren, weniger darüber,
       dass fast alle neoliberalen Prinzipien über Nacht über Bord geworfen
       wurden: der vielgerühmte freie Markt, das oft beschworene Prinzip
       gesellschaftlicher Freiwilligkeit (bei Produktion und Konsum wohlgemerkt)
       und das ewige Heil im Wirtschaftswachstum.
       
       Die Apologeten des freien Markts sind verstummt, denn wir haben im
       Belastungstest sein Versagen erlebt. Länder oder Regionen, die ihr
       Gesundheitssystem nach profitorientierten Kategorien umgebaut haben
       (Beispiel Lombardei), haben sich tödlich umstrukturiert. Und obwohl
       Pandemien regelmäßig auftreten, haben sie für diesen Fall nicht angemessen
       vorgesorgt, weil Gemeinwohl nicht profitabel ist. Dem freien Markt gelingt
       es nicht einmal, selbst Monate nach dem Ausbruch, Masken in ausreichender
       Zahl zu produzieren.
       
       Schon wenige Tage nachdem das Virus Teile der Wirtschaft unvermeidlich zum
       Erliegen gebracht hat, ertönten Kassandrarufe, weil eine Rezession von 3
       Prozent (neuerlich korrigiert auf 6 Prozent) abzusehen ist. Wie soll man
       einen Organismus bezeichnen, der in seiner Existenz bedroht ist, weil er um
       3 oder 6 Prozent schrumpft?
       
       Als Lösung wird mit nicht existierendem Geld gegossen, keineswegs nach dem
       Gießkannenprinzip – weltweit geben die Staaten Milliarden aus zur „Rettung“
       jener Wirtschaftsteilnehmer, in deren Händen Vermögen ohnehin bereits stark
       konzentriert ist. Die folgende Verschuldung wird nur durch starkes
       Wirtschaftswachstum zu überwinden sein, was wiederum zu weiterer
       Umweltzerstörung und Ungerechtigkeit führen wird.
       
       Kaum war die Epidemie zur Pandemie ausgewachsen, wurden weltweit
       dirigistische Instrumente eingesetzt, die öffentliche Hand war gefordert,
       die Konzerne verkrochen sich (oder [3][versuchten sich à la Adidas mit
       erhöhter Asozialität durchzumogel]n). Allerorten wurde staatliche
       Unterstützung oder Verstaatlichung gefordert. Was einen doch sehr erstaunen
       muss, waren doch diese Instrumente zuvor allesamt als ineffektiv und
       schädlich abgetan worden.
       
       Verblüffend ist, dass jene Menschen, die eine höhere Steuer auf SUVs als
       unerträglichen Eingriff in ihre Freiheit ablehnten, nun bereit sind,
       ordnungspolitische Einschnitte zu akzeptieren, etwa, dass sie ohne
       zwingenden Grund gar nicht Auto fahren dürfen. Was passiert wohl, möchte
       man so einem Homo Eintagsfliege zurufen, wenn uns ein ökologisches Desaster
       ereilt? Es wird mit Einschränkungen reagiert werden, gegen die kaum jemand
       protestieren wird, weil es sich schlecht gegen die Faktizität der
       Katastrophe argumentieren lässt. Abgesehen von solchen politischen Ironien
       haben die Ereignisse der letzten Wochen klar aufgezeigt, wieso Gefährdung
       (die heutige Bedeutung von „Krise“) zur Wendung führen muss.
       
       Wir müssen die Grundlagen unseres Systems infrage stellen. Wir waren nicht
       so gesund, wie viele von uns sich eingebildet haben. Wir haben das
       menschliche Leben unter- und Waren überbewertet. Nun sehen wir uns einer
       gesamtgesellschaftlichen Triage gegenüber, bei der wir entweder Gesundheit
       oder Wohlergehen opfern müssen. So wie die Menschen im Globalen Süden, die
       täglich zwischen Überleben und Leben hin und her geworfen werden.
       
       Wir werden diese Misere ohne eine mutige Neugestaltung der Weltwirtschaft
       nicht mit Würde überstehen. Wir müssen uns vom Diktat des
       Wirtschaftswachstums befreien, wir müssen alles, was lebenswichtig ist, in
       Gemeinschaftsvermögen überführen. Und wir benötigen einen globalen
       Lastenausgleich, eine weltweite Sozial- und Gesundheitsversorgung, denn
       hinter der gegenwärtigen Krise lauern viele andere, etwa die drohende
       Hungersnot in Ostafrika.
       
       Fangen wir an mit dem hoffentlich bald entwickelten Impfstoff gegen
       Covid-19. Er sollte nicht der Pharmaindustrie überlassen werden. Impfstoffe
       gegen Diphtherie, Tetanus und Masern sind von der öffentlichen Hand
       hergestellt und verteilt worden. Als Jonas Salk, der Erfinder des
       Polio-Impfstoffs, gefragt wurde, wer das Patent besitze, antwortete er:
       „Alle Menschen. Es gibt kein Patent. Können Sie die Sonne patentieren?“
       Leider leben wir in einem System, das sich bislang anmaßt, die Wunder der
       Natur zu privatisieren, während es diese gleichzeitig zerstört. Höchste
       Zeit zu erkennen, wie krank das ist!
       
       29 Apr 2020
       
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