# taz.de -- Kommt mir bloß nicht zu nahe: Die Corona-Hochzeit
       
       > Mein Sohn Mehmet heiratet. Endlich. Leider tut er es in der Coronazeit-
       > und das hat fatale Folgen.
       
 (IMG) Bild: Ein Albtraum: Heiraten in Corona-Zeiten
       
       Mein jahrelanger Traum ist endlich wahr geworden! Mein Sohn Mehmet
       heiratet! Aber weshalb der Idiot gerade in dieser Coronazeit heiratet, wo
       ich mich nicht mal vor die Tür wage und völlig verlassen und ausgestoßen
       wie Donald Trump lebe, ist mir schleierhaft.
       
       Wenn ein Mensch sich mehr als fünf Meter unserem Briefkasten nähert, wasche
       ich alle Briefe sofort mit kochendem Desinfektionsmittel, bevor ich sie
       lese. Aber der ewige Student heiratet eine wildfremde Frau und lädt zu der
       Hochzeit auch noch tausend Leute ein, nur um mich fertigzumachen!
       
       „Eminanim, ich haue ab! Wie kann ein Mensch immer alles zur falschen Zeit
       tun, verdammt?“, sage ich zu meiner Frau und zupfe nervös an meinem
       Mundschutz, den ich natürlich passend zu meiner Krawatte genäht habe:
       grün-weiß wie Werder.
       
       „Osman, soweit ich mich erinnere, wolltest du doch immer, dass er
       heiratet!“, zischt die zweitgrößte Nervensäge des Mittleren Orients
       gestresst.
       
       „Aber soweit ich mich erinnere, wollte ich nicht, dass er mich bei seiner
       Hochzeit umbringt! Alle Leute hier sind mit Sicherheit durch und durch
       verseucht!“
       
       Ich stülpe mir eine Plastiktüte über den Kopf und flüchte erst mal
       blitzschnell in den Waschraum – und lande in der Damentoilette!
       
       „Hilfeeee! Ein Perverser!“, kreischen die Frauen hysterisch. „Hilfeeee!
       Lauter Coronas!“, kreische ich noch hysterischer und renne wieder raus.
       
       „Osman, bedeckt dich doch!“, brüllt meine Frau quer durch den Saal. „Hab
       ich doch! Ich kriege kaum noch Luft wegen der Plastiktüte auf meinem Kopf!“
       
       „Ich meine, du sollst dich untenrum bedecken. Zieh deine Hose hoch!“
       
       Oh, ist das peinlich! Aus langjähriger Gewohnheit muss ich wohl automatisch
       meine Hose aufgemacht haben, als ich mich der Toilette näherte.
       
       „Mehmet, ich glaube, ich will dich doch nicht heiraten“, heult Mehmets
       Braut los. „Claudia, das darfst du nicht! Ich geb’s ja zu, mein Vater ist
       megapeinlich! Aber eigentlich läuft er schon mit Hose und Unterhose rum.“
       
       „Du wirst in einigen Jahren genauso aussehen wie dein Vater. Guck doch, wie
       es bei ihm alles wabbelt und schlackert. Iiii-giiiittt!“
       
       „Ich bitte die Eltern des jungen Hochzeitspaares zusammen auf die
       Tanzfläche, hopp, hopp“, brüllt der talentlose Sänger der talentlosen
       Lärmgruppe.
       
       „Neeiiinn! Die beiden sollen mir bloß nicht zu nah kommen, die tragen ja
       nicht mal Mundschutz“, wehre ich sie ab und renne Richtung Ausgang.
       
       „Ich will mit dir auch nichts zu tun haben, du Exhibitionist?“, brüllt der
       Vater der Braut hinter mir her.
       
       Plötzlich wird mir schwarz vor Augen. Zehn Minuten ohne Sauerstoff sind
       nicht jedermanns Sache. Als ich nach meiner Wiederbelebung die Augen
       aufmache, wünsche ich mir, ich wäre tot! Der alte, hässliche Hausmeister
       macht mir Mund-zu-Mund-Beatmung – ohne Mundschutz! „Jetzt habe ich 1.000
       pro Corona“, schreie ich panisch – und wache endlich schweißgebadet auf!
       
       3 Jun 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Osman Engin
       
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