# taz.de -- Kommentar Grünen-Parteitag in Leipzig: Wunschdenken schadet nicht
       
       > Ihr Programm könnte den Staatenbund tatsächlich nach vorne bringen. Die
       > Grünen feiern auf ihrem Parteitag Europa – und sie tun gut daran.
       
 (IMG) Bild: Berauscht vom Europawahlkampf: Annalena Baerbock, Ska Keller, Sven Giegold und Robert Habeck
       
       Die Grünen sind ganz bei sich. Was auf dem Parteitag in Leipzig zu spüren
       war, ist heitere Gelassenheit, viel Selbstbewusstsein und Lust aufs
       Gestalten. [1][Sven Giegold, der Spitzenkandidat für die Europawahlen],
       betont, dass man die Erfolge Europas wertschätzen und loben müsse, um es zu
       verbessern. Das ist der richtige Akzent, um Menschen für die oft als
       abstrakt empfundene EU zu interessieren. Gerade von links hört man oft die
       These, die neoliberale EU müsse abgerissen werden, bevor sie
       wiederaufgebaut werden könne. Die Grünen feiern Europa, und sie tun gut
       daran.
       
       Sie beweisen einmal mehr, dass sie sich nicht mehr wegen Kleinkram
       ineinander verbeißen. Manchmal kippt der grüne Pragmatismus allerdings ins
       Absurde. Beispiel Winfried Kretschmann: Der grüne Ministerpräsident aus
       Baden-Württemberg provozierte in Abwesenheit mit harschen Interviewaussagen
       zur Flüchtlingspolitik: [2][„Junge Männerhorden“ gehörten in die Pampa
       geschickt]. Spitzengrüne deuteten Kretschmanns Verachtung fürs
       Parteiprogrammatik kurzerhand zum Plädoyer für dezentrale Unterbringung um.
       Nichts darf die schöne Geschlossenheit stören.
       
       Dennoch: Das grüne Europaprogramm könnte den Staatenbund – würde es
       Wirklichkeit – nach vorne bringen. So wirbt die Partei etwa für einen
       Klimapass. Industriestaaten, die für den Klimawandel verantwortlich sind,
       sollen Geflüchtete aus Staaten aufnehmen, die durch steigende Meeresspiegel
       bedroht sind. Diese Logik ist einfach, aber richtig. Dass
       Industriestaaten die Folgen ihres immensen Ressourcenverbrauchs bis heute
       ignorieren, ist ein fortgesetzter Skandal.
       
       Es reicht längst nicht mehr, Konzepte zu fordern, die die Erderwärmung
       abbremsen. Politik muss die realen Folgen managen. Die Grünen sind die
       einzige Partei in Deutschland, die sich dieser Aufgabe ernsthaft stellt.
       Nun kann man immer zynisch sagen, dass solche Beschlüsse nicht umsetzbar
       sind. Aber Resignation bedeutete das Ende fortschrittlicher Politik. Ein
       bisschen Wunschdenken, das haben die Grünen verstanden, schadet nicht.
       
       11 Nov 2018
       
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