# taz.de -- Drohnenjagd auf Menschen in Cherson: „Ich hatte Angst, dass mir niemand hilft“
       
       > Ein Elfjähriger überlebt einen Angriff durch eine russische Drohne. Immer
       > wieder werden in der ukrainischen Hafenstadt gezielt Menschen attackiert.
       
 (IMG) Bild: Immer wieder werden Wohnhäuser von russischen Drohnen getroffen, Cherson, 3. 6. 2026
       
       Als eine russische FPV-Drohne in den Innenhof eines mehrgeschossigen
       Hochhauses im südukrainischen Cherson stürzte, war der 11-jährige Andrij
       dort allein unterwegs.
       
       „Ich denke, die Russen habe mich durch die Drohnenkamera gesehen. Als ich
       die Drohne gehört habe, hab mich erst mal zehn Minuten im Treppenhaus
       versteckt. Als ich wieder in den Hof kam, ist die Drohne direkt neben mir
       eingeschlagen. Meine Beine sind weggeknickt und dann hab ich nur noch eine
       Blutfontäne gesehen“, erzählt der Junge, der nach der Operation jetzt
       wieder zu Hause ist. Andrijs Mutter, die 43-jährige Yuliia Spitsa, ist
       davon überzeugt, dass der russische Drohnenpilot wusste, dass er Jagd auf
       ein Kind gemacht hat. Doch das hat ihn nicht gestoppt.
       
       „Wir leben in Cherson mit dem ständigen Terror. [1][Russen machen
       Drohnenjagden auf alte Frauen, Gemüseverkäufer, Kinder und zivile Autos].
       Sie tun nicht einmal mehr so, als kämpften sie nur gegen militärische
       Ziele“, sagt Yuliia. Von dem Stress nach dem Angriff auf ihr Kind hat sie
       sich noch nicht erholt.
       
       Andrij hat Verletzungen von Drohnensplittern am Bein. Gerettet wurde er von
       ukrainischen Armeeangehörigen, die gerade vorbeifuhren. Sie legten einen
       Druckverband an und brachten den Jungen zunächst zu seiner Mutter, später
       ins Krankenhaus. Jetzt kann der 11-Jährige schon wieder laufen. Seine
       Familie meint, im Vergleich zu anderen Opfern russischer Drohnenangriffe in
       Cherson habe Andrij ziemlich viel Glück gehabt.
       
       ## Drohnen-Gefahren-Zone
       
       Nach Angaben von Human Rights Watch wurden zwischen Mai und Dezember 2024
       in Cherson 30 Zivilisten durch russische Drohnen getötet, mindestens 500
       wurden verletzt. Im Januar 2025 waren laut Angaben der Vereinten Nationen
       Drohnen mit geringer Reichweite, insbesondere FPV-Drohnen, für 70 Prozent
       aller Opfer unter der Zivilbevölkerung in dem von der Ukraine
       kontrollierten Teil des Gebietes Cherson verantwortlich.
       
       Die Hafenstadt Cherson wird fast täglich beschossen. Die Stadt am rechten
       Ufer des Flusses Dnipro wurde im November 2022 von ukrainischen Truppen
       befreit. Heute leben hier nach Angaben örtlicher Behörden noch etwa 60.000
       Menschen, im Januar 2022 waren es noch 279.000.
       
       Je näher die Stadtteile am Dnipro liegen, an dessen linken Ufer die
       russischen Besatzer positioniert sind, desto gefährlicher ist es dort. Die
       Straßen sind mit langen Tunneln aus Anti-Drohnen-Netzen geschützt. Selbst
       Straßenlaternen, Geldautomaten und Bushaltestellen sind mit solchen Netzen
       geschützt. Zahlreiche Tankstellen auf der Strecke Mykolajiw–Cherson sind
       durch russischen Beschuss zerstört. Und am Ortseingang von Cherson warnt
       ein großes gelbes Plakat „Achtung! Gefahr! Feindliche Drohnen!“
       
       „Drohnen-Safaris“ sind gängige Praxis in Cherson. Zuerst wurde angekündigt,
       dass sie die „rote Zone“ beschießen, das Gebiet direkt am Dnipro. Aber
       jetzt verletzen und töten ihre Drohnen Menschen in weit entfernt liegenden
       Stadtteilen“, sagt Oleksandr Tolokonnikov, stellvertretender Leiter der
       Militärverwaltung des Gebietes Cherson, gegenüber der taz.
       
       ## Metallsplitter im Bein
       
       Und tatsächlich wurde der 11-jährige Andrij im nördlich des Stadtzentrums
       gelegenen Plattenbaugebietes Tawriyskji getroffen, das als eines der
       sichersten und am dichtesten besiedelten gilt. Dort gibt es noch Geschäfte,
       Banken, einen kleinen Markt und sogar Cafés. Die Schulen in Cherson
       hingegen sind alle geschlossen, und die Krankenhäuser arbeiten überwiegend
       in Luftschutzräumen.
       
       „Ich habe Metallsplitter im Bein. Das hat nicht sehr wehgetan. Aber geweint
       habe ich auch nicht vor Schmerzen, sondern aus Angst, dass mir keiner
       hilft“, erzählt Andrij. „Ich wollte zu einem Freund, es war fünf Uhr
       nachmittags, und um die Zeit sind die Straßen in Cherson leer“, so der
       Junge, der seit Beginn des russischen Großangriffs nur noch
       Onlineunterricht kennt. Er kann verschiedene russische Waffenarten an ihren
       Geräuschen erkennen, sein Spielplatz ist von Luftabwehr umgeben.
       
       Zehn Tage war Andrij zusammen mit seiner Mutter Yuliia im Krankenhaus,
       davon fast die ganze Zeit in Luftschutzräumen. Dorthin gehen die Patienten,
       wenn in Cherson Lenkbomben angekündigt werden.
       
       „Die Ärzte haben einen Splitter in Größe einer Münze aus seinem Bein
       geholt, einige andere Splitter sind noch in seinem Körper, man bekommt sie
       aktuell nicht heraus“, erzählt Yuliia. In den ersten Tagen sei ihr Sohn auf
       einen Rollstuhl angewiesen gewesen, später konnte er an Krücken gehen.
       „Aber Andrij ist ein lebensfroher Junge. Er läuft schon wieder herum und
       versucht sogar, Fahrrad zu fahren“, sagt Yuliia lächelnd. Doch dann fügt
       sie traurig hinzu, dass ihr Sohn jetzt Angst habe, draußen zu sein, wo er
       wieder unter Beschuss geraten könne.
       
       ## „Sie versuchen, das zu zerstören, was ihnen nicht zusteht“
       
       Ein Soldat der Grenzschutzabteilung von Cherson, der 35-jährige
       Drohnenpilot Oleh, Kampfname „Santa“, setzt wie gewohnt seine Pilotenbrille
       auf und startet seine Drohne. Mit deren Hilfe kann er die russischen
       Stellungen und den besetzten Teil des Gebietes Cherson beobachten.
       
       „Als Pilot musst du immer unterscheiden: Sind es Zivilisten oder nicht?
       Einmal schwebte meine Drohne über einem Auto und ich sah einen Mann mit
       einer älteren Frau aus dem Auto steigen. Sie hatte kranke, geschwollene
       Beine. Also lenkte ich meine Drohne weg von dort. Russische Drohnenpiloten
       können genauso erkennen, ob sie Ziegen hütende Omas oder Kinder attackieren
       wollen – oder nicht. Wenn sie es dennoch tun, ist das Absicht“, sagt der
       Mann in Tarnkleidung und Schutzweste.
       
       Der kleine Andrij wurde am 31. August attackiert. Und nur weniger als einen
       Monat zuvor war im Internet ein Video aufgetaucht, [2][in dem ein
       Gemüsehändler versucht, vor einer ihn verfolgenden russischen Drohne zu
       fliehen], die schließlich in seiner Nähe explodiert und den Mann verletzt.
       
       „Santa“, der ukrainische Soldat, hat sich dieses Video mehrmals angeschaut
       und versucht, die Handlung des russischen Drohnenpiloten zu analysieren.
       
       „Das war kein Üben und auch kein Fehler. Der Mann war kein Anfänger – er
       hat einfach kaltblütig einen Zivilisten gejagt. Den Russen ist klar, dass
       sie Cherson nicht mehr einnehmen können. Und sie versuchen einfach zu
       zerstören, was ihnen nicht zusteht, was sie nicht bekommen können“, sagt
       der Mann, der seit den ersten Tagen des großen Krieges seine Heimatstadt
       verteidigt.
       
       Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
       
       9 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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