# taz.de -- Protokoll aus Cherson: „Unser ganzes Leben ist hier“
       
       > Der Elektriker Andrij ist 48 und hat sein ganzes Leben in Cherson
       > verbracht. Er will bleiben, weil er von seiner Familie und der Stadt
       > gebraucht wird.
       
 (IMG) Bild: Cherson: Drohnennetze überspannen die Straße
       
       Ich gehe nicht weg, weil ich meine Mutter nicht allein lassen kann. Sie ist
       76 Jahre alt, leidet an einer schweren Form von Multipler Sklerose und kann
       sich überhaupt nicht mehr fortbewegen. Wohin sollte ich auch gehen? Unser
       ganzes Leben ist hier. Meine Frau, meine Tochter und ich, wir kümmern uns
       gemeinsam um meine Mutter. In der Stadt werde ich gebraucht, denn ich bin
       Elektriker. Wenn alle weggingen, die Leitungen reparieren und den Strom
       wieder zum Fließen bringen können, [1][würde Cherson in Dunkelheit
       versinken].
       
       Als Elektriker sage ich: Die Mitarbeiter unserer Versorgungsbetriebe sind
       Heilige – ganz im Ernst. [2][Sie arbeiten unter ständigem Beschuss und
       Drohnenangriffen]. Manchmal ist die Stadt aufgrund von Angriffen auf die
       Energieinfrastruktur komplett ohne Strom, so wie das Mitte September der
       Fall war. Ohne Strom sinkt der Wasserdruck in den Leitungen und die meisten
       Bewohner haben dann kein Wasser.
       
       Also muss man zu den Trinkwasserasgabestellen gehen oder darauf warten,
       dass die Generatoren an den Pumpstationen in Betrieb genommen werden.
       
       Die Reparaturtrupps rücken sofort aus, sobald die Angriffe nachlassen. Auch
       den Gaswerkern müsste man eigentlich ein Denkmal bauen. Es gibt keine
       Stabilität, aber wir sind immer gewappnet – mit Wasservorräten und
       geladenen Powerbanks.
       
       ## Völlig von der Außenwelt abgeschnitten
       
       Ein weiteres Problem ist die Kommunikation. Die Mobilfunkabdeckung ist sehr
       instabil. Es gibt Tage mit völligem Blackout, an denen man gänzlich von der
       Außenwelt abgeschnitten ist und nicht einmal einen Krankenwagen rufen oder
       in Erfahrung bringen kann, ob Bekannte am anderen Ende der Straße noch am
       Leben sind. Einen Zugang zum Internet gibt es vor allem dort, wo
       Generatoren und Satellitenkommunikationsterminals stehen.
       
       Die Krankenhäuser sind in Betrieb und es gibt Mediziner, doch es herrscht
       ein katastrophaler Mangel. Viele Fachärzte sind weggezogen. Der
       Rettungsdienst leistet Übermenschliches – die Einsatzkräfte fahren auch
       dann zu Notfällen, wenn Drohnen in der Luft sind.
       
       Die Situation mit meiner Mutter ist schwierig. Sie braucht spezielle
       Medikamente, die in normalen Apotheken kaum zu finden sind. Oft muss ich
       sie über Freiwillige bestellen, die die Arzneien aus anderen Regionen
       heranschaffen. Für eine bettlägerige Patientin braucht man Windeln und
       spezielle Nahrung. Manche dieser Dinge kann ich besorgen, andere nicht.
       
       Mir scheint, einerseits habe ich schon vergessen, wie es ist, [3][ohne
       Drohnen über dem Kopf zu leben] – ohne dieses Gefühl der Gefahr. Wir leben
       in einer ständigen Anspannung. Andererseits haben meine Familie und ich uns
       damit abgefunden und versuchen zu überleben – irgendwie.
       
       Aus dem Russischen Barbara Oertel
       
       9 Oct 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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