# taz.de -- 20 Jahre Windkraft: Eine Branche im Aufwind
> Im August 1987 ging der erste kommerzielle Windpark ans Netz. Was von
> vielen belächelt wurde, hat sich bis heute zu einer leistungsfähigen
> Industrie entwickelt.
(IMG) Bild: Einst ein Fall für Ökoenthusiasten, heute Konkurrenz für AKW.
Noch diesen August werden Windräder in Deutschland eine höhere Leistung
haben als Atomkraftwerke. AKWs, so der Informationskreis Kernenergie,
wiesen Anfang dieses Jahres eine Nennleistung von 21.366 Megawatt aus. Nach
einer Erhebung des Deutschen Windenergie-Instituts waren Ende Juni
Windräder mit einer Leistung von 21.283 Megawatt am Netz. Seitdem sind noch
mal 100 Megawatt, so der Bundesverband Windenergie, hinzugekommen, sodass
jetzt die Gesamtleistung der Windenergie mit 21.383 Megawatt die der
Atomstromer übertrifft.
Allerdings ist nicht allein die installierte Leistung von Bedeutung,
sondern die produzierte Strommenge. Wind bläst unregelmäßig, weshalb nicht
jedes installierte Megawatt auch tatsächlich und jederzeit abrufbar Strom
produziert. "Atomkraftwerke liefern ja aber auch nicht immer zuverlässig
Strom, wie wir jüngst wieder bestätigt bekamen", kontert Ralf Bischof,
Geschäftsführer des Bundesverbandes Windenergie (BWE).
Nach Berechnungen des Instituts für Solare Energieversorgungstechnik
speisten Windräder in Deutschland am 30. Juli 226 Millionen Kilowattstunden
Strom ins Netz ein. Den Angaben nach standen dem 270 Millionen
Kilowattstunden Atomstrom gegenüber. Konkurrieren die Windmüller also auf
Augenhöhe mit den Atomstromern?
Ganz so weit ist es noch nicht: Erstens bescherte jener Julitag den
Windmüllern eine ungeahnt starke Brise. Zweitens standen fünf der 17
deutschen Atomkraftwerke wegen Pannen oder Revisionen still. Aber dennoch:
Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass aus einzelnen Windmüllern der
prosperierendste Wirtschaftszweig Deutschlands wird?
Am 24. August 1987 ging der erste Windpark Deutschlands ans Netz. An der
Nordseeküste im Ditmarschen Kreis (Schleswig-Holstein) drehten sich 32
Windräder. Windkraftanlagen konnte man diese noch nicht nennen: Ihre
Leistung betrug zwischen 10 und 25 Kilowatt. Heute sind moderne Anlagen
200-mal so leistungsfähig.
Enthusiasten am Werk
"Es waren Enthusiasten, die vor 20 Jahren die Erfolgsgeschichte der
Windenergie begründeten", sagt Peter Ahmels - selbst ein solcher
Enthusiast. Anfang der 90er-Jahre stellte er zwei Windräder auf seinem
friesischen Bauernhof auf - eine 200-Kilowatt- und eine
300-Kilowatt-Maschine. "Wir sind damals ein sehr hohes ökonomisches Risiko
eingegangen", sagt der Landwirt. Und natürlich musste man "Geld übrig"
haben - keine Bank der Welt sei damals auf die Idee gekommen,
Windkraftanlagen finanzieren zu wollen.
"Die Zeit arbeitet für die Windmühlen." Diese Aussage stammt von Heinz
Riesenhuber, der Ende der 80er-Jahre Bundesforschungsminister war. Der
CDU-Politiker warnte damals schon vor der Klimakatastrophe, weshalb er auch
die Atomenergie deutlich auszubauen gedachte. Aber eben nicht nur: Unter
Riesenhuber wurde ein 250-Megawatt-Programm aufgelegt. Technisch war die
Windkraftbranche so weit, 250-Kilowatt-Anlagen bauen zu können. Das
Programm Riesenhubers sah vor, dass 1.000 solcher Anlagen gefördert werden
sollten.
"Ein enorm wichtiger Meilenstein", urteilt Peter Ahmels. Das Programm
entpuppte sich nämlich für den Mittelstand als Initialzündung: Fortan
lohnte es sich, die Windradfertigung zu industrialisieren. Ahmels: "Die
Faustregel lautet: Eine Verdopplung der Produktion bringt über
Automatisierung und technologische Lerneffekte eine Kostenersparnis von 20
Prozent." Riesenhubers Programm sorgte für deutlich mehr als eine
Verdopplung der Produktion. Windräder wurden schlagartig deutlich billiger.
Und dann erließ das Kabinett Kohl 1991 das Einspeisegesetz: Fortan waren
die Energieversorgungsunternehmen verpflichtet, regenerativ erzeugten
Windstrom in ihre Netze aufzunehmen und zu einem Preis von 16,5 Pfennig je
Kilowattstunde zu vergüten - "der nächste wichtige Meilenstein", wie Ahmels
urteilt.
Mitte der 90er-Jahre wurde Ahmels zum Gründungspräsidenten des
Bundesverbandes Windenergie berufen, dem er dann auch zehn Jahre lang
vorstand. Und in diesen zehn Jahren erlebte er eine beispiellose
Erfolgsgeschichte. 1997 änderte die Regierung Kohl das Baurecht und
erleichterte den Bau von Windanlagen im Außenbereich. Die Hersteller
entwickelten rasend schnell immer größere Anlagen. Pro Höhenmeter steigt
die Stromernte um ein Prozent wegen der höheren Windgeschwindigkeiten.
Außerdem entwickelten sich rund um die Windkraft Finanzdienstleister, wie
etwa die Bremer Firma WPD: Über Fonds sammelten sie Geld ein, um größere
Projekte zu finanzieren. Das steigerte wiederum die Nachfrage nach
Windkraftanlagen, was dann die Kosten reduzierte. Dann verabschiedete die
rot-grüne Bundesregierung auch noch das Erneuerbare-Energien-Gesetz: Ab
sofort wurde der Ausbau der Windkraft über eine Umlage finanziert. Zwei
Prozent des Strompreises flossen direkt den Betreibern zu - aktuell
mindestens 5,5 Cent je Kilowattstunde Windstrom.
"Binnen 15 Jahren hat sich das Wachstum der Branche verfünfzehnfacht", sagt
Ralf Bischof vom Bundesverband Windenergie. Die Windradproduktion trug 2006
mit 6 Milliarden Euro zum Umsatz des deutschen Maschinenbaus bei. Ein
solches Wachstum ist in der neueren deutschen Wirtschaftsgeschichte
einzigartig. "70.000 Menschen leben von der Windkraft-Industrie", sagt
Thorsten Herdan vom "Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau". Neben
28.000 Jobs im Maschinenbau seien auch das Arbeitsplätze in Planungsbüros,
bei Finanzdienstleistern und Wartungspersonal.
Doch der Boom hat seinen Zenit in Deutschland erreicht. Zwar ist
Deutschland immer noch Weltmeister bei der installierten Leistung.
Bilanziert man aber die Zahl der neu aufgestellten Windräder, landet die
Bundesrepublik nur noch unter "ferner liefen". Märkte wie die USA, Spanien,
Indien oder China hingegen explodieren gerade.
Der Windkraftanlagenbauer Nordex aus Norderstedt im Süden
Schleswig-Holsteins, ein im Öko-DAX-notierter Konzern, vermeldete gestern
einen Gewinnsprung von 28 Prozent. Grund dafür ist das Auslandsgeschäft,
das bei Nordex mittlerweile 82 Prozent ausmacht. Der Weltmarktführer Vestas
aus Dänemark prognostiziert, dass der deutsche Markt im nächsten Jahr nur
noch 3 Prozent ausmachen wird. Statt sich mit Deutschland aufzuhalten,
exportieren die Dänen lieber massiv in die USA. Ein Auftrag über 182
Windräder mit 300 Megawatt Leistung, wie ihn gerade BP Alternative Energy
erteilte, ist in Deutschland völlig undenkbar. Oder RePower aus Hamburg:
Deutschlands zweitgrößter Windradhersteller wurde im Frühjahr kurzerhand
geschluckt - vom indischen Konkurrenten Suzlon.
"Verkehrte Welt", nennt BWE-Geschäftsführer Bischof diese Entwicklung und
warnt: "Deutschland muss aufpassen, dass es den Anschluss nicht verpasst."
Denn nicht die Standorte - wie immer behauptet - würden knapp, sondern der
politische Wille, den Ausbau der Windkraft zu forcieren. "Brandenburg hat
beispielsweise 1,3 Prozent seiner Landesfläche als potenzielle
Windrad-Standorte ausgewiesen, in Mecklenburg-Vorpommern sind es nur 0,5
Prozent." Einen vernünftigen Grund, warum die Nordostdeutschen fast dreimal
weniger ausweisen, gebe es nicht. Allenfalls einen politischen: "Hessen hat
deutlich unter 0,1 Prozent seiner Fläche der Windkraft zugewiesen", sagt
Bischof. Ergo sei dort in den vergangenen acht Monaten kein einziges
Windrad aufgestellt worden.
Dabei trägt die Branche einen Großteil der Verantwortung für diese
Entwicklung: Zum ersten Mal nämlich hat sie Ziele formuliert, die nicht
erreichbar waren. So sollte in diesem Jahr der Offshore-Boom kommen -
riesige Windparks in Nord- und Ostsee. Viele Firmen entwickelten für dieses
Geschäft große 5-Megawatt-Windräder. Aber die technischen und
planungsrechtlichen Herausforderungen waren größer als erwartet. "Wir
brauchen allein zwei Jahre, um den Fisch- und Vogelzug für unser
Nordsee-Projekt zu untersuchen", sagt Christian Schnibbe von der Firma WPD.
Er hofft, dass jetzt 2009 mit dem Ostsee-Offshore-Park Baltik 1 - 13
Kilometer vor dem Darß - begonnen werden kann.
Größter Windpark Dänemark
Tatsächlich sind die Genehmigungshürden in anderen Ländern niedriger als in
Deutschland. Von Finnland über Schweden, Großbritannien und Frankreich ist
die Einsicht gewachsen, dass ohne Offshore die europäischen Klimaziele -
unter anderem 20 Prozent regenerativer Strom bis 2020 - nicht zu schaffen
sind. So ist nicht verwunderlich, dass - während in Deutschland noch
geplant wird - 2006 in Dänemark der größte Windpark der Welt ans Netz ging.
Dass die Branche stark im Wandel ist, kann man auch am Branchenverband
sehen. Viele Jahre hat sich der Präsident Peter Ahmels dafür eingesetzt,
dass jedes Mitglied im Bundesverband Windenergie das gleiche Stimmrecht
hat, "egal, ob es sich um einen kleinen Windparkbetreiber oder einen großen
Windradkonzern handelt". Ahmels versuchte so den Pioniergeist von einst im
Verband zu verankern - gegen die Widerstände der Großen, die mehr
Stimmrecht forderten. Seit April ist Ahmels Privatier, und die Großen haben
jetzt mehr Einfluss.
24 Aug 2007
## AUTOREN
(DIR) Nick Reimer
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