# taz.de -- Die IM-Liste von Halle: Geheimnis nach über 30 Jahren gelüftet
       
       > Im Sommer 1992 gelangte eine Liste mit 4.500 inoffiziellen Mitarbeitern
       > der Stasi an die Öffentlichkeit. In einer MDR-Doku treten die
       > Whistleblower ans Licht.
       
 (IMG) Bild: Stasi Leaks: Ulrich Schlademann, Henning Schaarschmidt, Thea Ilse, Wieland Berg, Matthias Waschitschka (v.l.)
       
       Das war ein einzigartiger Skandal. 1992 veröffentlichten Unbekannte 4.500
       Namen von inoffiziellen Mitarbeiter:innen (IM) der Stasi. Die Liste
       benannte geheime Spitzel, die von 1986 bis 1989 im damaligen Bezirk Halle
       erfasst wurden. Noch heute erinnern sich viele Menschen, nicht nur in
       Sachsen-Anhalt, an diesen Eklat.
       
       Anonyme hatten über 100 Seiten mit Name, Deckname, Wohnort und
       Einsatzbereich an 30 Vertreter:innen aus Politik, Verwaltung und Medien
       verschickt. Im Juli 1992 veröffentlichten erst das Neue Forum, dann die
       Bild-Zeitung in Halle (Saale) die geleakten Daten des Ministeriums für
       Staatssicherheit (MfS). Dem Boulevardblatt brachte das die dreifache
       Auflage. Schnell zeigte sich: Die Informationen waren echt, aber nicht
       vollständig. Bis jetzt blieb die Urheberschaft im Dunkeln.
       
       Mit der investigativen Doku „Der große Stasi-Leak – Helden oder Verräter“
       treten über 30 Jahre später fünf der sieben [1][Whistleblower] ans Licht.
       Dazu gehören der ehemalige Leiter der Hallenser
       Stasi-Unterlagen-Außenstelle Ulrich Schlademann, der Leopoldina-Archivar
       Wieland Berg, der lange von der Stasi verfolgte Umweltaktivist Matthias
       Waschitschka, die evangelische Pfarrerin Thea Ilse und der
       Druckereibetreiber Henning Schaarschmidt.
       
       ## Was wurde aus Betroffenen?
       
       Sie hatten entscheidenden Posten inne, um die Aktion durchzuführen. So
       stolperte Schlademann eines Tages über sogenannte „Krebse“, wasserdichte
       Behälter, die Mikrofilme mit zahlreichen Akten enthielten. Nur hier waren
       Klarname und Deckname von IM zusammengeführt. Aus Angst, die brisanten
       Informationen könnten in den turbulenten Wendejahren verloren gehen,
       sicherte die Gruppe die Daten in einer heimlichen Aktion.
       
       Die MDR-Dokumentation, die [2][schon jetzt in der ARD-Mediathek zu sehen]
       ist, geht dieser ungeklärten Geschichte endlich auf den Grund. Im
       True-Crime-Stil wird der Fall dramatisch aufgerollt. Schade nur, dass die
       einstündige Doku, trotz gründlicher Recherche, viele Fragen offen lässt.
       
       Sicher wäre ein ausführlicher Mehrteiler angebracht gewesen. So fallen
       einige Hintergrundinformationen dem Schnitt zum Opfer. Beispielsweise
       kommen zwar ehemalige IM, sowie Bild und das Neue Forum zu Wort, aber keine
       Person, die gegen die Veröffentlichung Klage einreichte, denn die erwiesen
       sich letztlich alle als erfasste Spitzel. Was wurde aus Gegner:innen und
       Betroffenen dieser Aktion?
       
       Bereits wenige Tage vor Öffnung der Mauer begann die Staatssicherheit
       selbst, Akten zu zerstören. Für die Bürgerbewegung war klar: Hier muss
       gehandelt werden. Im Januar 1990 stürmten Aktivist:innen die Zentrale
       des MfS in Berlin. Zuvor war es an vielen Orten – so auch in Halle – zu
       Besetzungen gekommen, um die Vernichtung der wichtigen Unterlagen
       aufzuhalten.
       
       ## Zu kurz geraten
       
       Schließlich entstand unter Pastor [3][Joachim Gauck] die sogenannte
       Gauck-Behörde. Der spätere Bundespräsident sprach sich gegen die
       Veröffentlichung der 4.500 IM-Namen aus: „Meine Art der
       Vergangenheitsbearbeitung ist eine andere.“
       
       Die sieben Aktivist:innen beschlossen, Namen ohne Kontext zu
       veröffentlichen, um eine Aufarbeitung der Vergangenheit zu starten. Sie
       erlebten hautnah, wie neue Posten in der Stadt mit alten Kadern besetzt
       werden sollten. Nur traf das mitunter auch Namensdoppelgänger:innen
       oder Menschen, die zur Mitarbeit gezwungen wurden.
       
       Was wiegt schwerer: das öffentliche Interesse oder die
       Persönlichkeitsrechte? Das ist bei Leaks immer die Frage. Erst 2000
       entschied das Bundesverfassungsgericht in letzter Instanz, dass die
       Auslegung der Listen rechtmäßig war – höchste Zeit, dass auch die
       Urheber:innen Stellung beziehen. Eine überfällige Doku, die leider viel
       zu kurz geraten ist.
       
       6 Nov 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Whistleblower/!t5008036
 (DIR) [2] https://www.ardmediathek.de/film/der-grosse-stasi-leak/Y3JpZDovL21kci5kZS9zZW5kZXJlaWhlbi8wYWRhOGZmYy1mMjMyLTQxZTAtYmJhMy1jMDA0YjNmMzdhMTcgbWRyLXByb2dyYW0tNTY2OTU2
 (DIR) [3] /Joachim-Gauck/!t5008026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dana Müller
       
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