# taz.de -- Hubert Aiwanger gestorben: Er war so frei
       
       > Hubert Aiwanger fischte als Chef der Freien Wähler unverhohlen am rechten
       > Rand. Aber er machte seine Partei auch zu einer regierungsfähigen Kraft.
       > Ein Nachruf.
       
 (IMG) Bild: Hubert Aiwanger ist im Alter von 55 Jahren gestorben
       
       „Streitbar“ – es ist das Adjektiv, auf das sich alle in ihren Reaktionen
       auf den Tod von Bayerns stellvertretendem Ministerpräsidenten Hubert
       Aiwanger nach dem ersten Schock einigen können. Vom baden-württembergischen
       Ministerpräsidenten Cem Özdemir (Grüne) bis zu seinem
       nordrhein-westfälischen Amtskollegen Hendrik Wüst (CDU), vom
       CSU-Fraktionschef im Bayerischen Landtag, Klaus Holetschek, bis zu dessen
       SPD-Amtskollegen Holger Grießhammer, sie alle belegen den Verstorbenen mit
       dieser Vokabel.
       
       Fragt sich natürlich, was das heißen soll: streitbar. Ist das einer, der
       den Streit sucht? Einer, mit dem man gut streiten konnte? Über dessen
       Ansichten sich streiten ließe? Oder ist es nur eine Umschreibung für ein
       weniger freundliches Adjektiv – umstritten? Es ist nicht gewagt, zumindest
       zu vermuten, dass die Floskel der Politiker etwas Distanz zum Ausdruck
       bringen soll, ohne den nötigen Anstand angesichts der menschlichen Tragödie
       missen zu lassen.
       
       Denn natürlich war es ein Schock, als die Nachricht am Mittwochabend
       bekannt wurde, dass der Politiker in einem Hotelzimmer in Berlin leblos
       aufgefunden worden war. Aiwanger war gerade erst 55 Jahre alt, über größere
       gesundheitliche Beschwerden war nichts bekannt. Mit seiner Partnerin, der
       Regensburger Landrätin Tanja Schweiger, hatte er zwei Söhne im Schulalter.
       
       ## Enfant terrible der Staatsregierung
       
       Aufgewachsen ist Aiwanger auf einem Bauernhof im Landkreis Landshut in
       Niederbayern, den er noch lange – auch noch während seiner aktiven
       Politikerlaufbahn – gemeinsam mit den Eltern bewirtschaftete. Er engagierte
       sich in der Katholischen Landjugendbewegung, sein politisches
       Weck-Erlebnis, wie er es nannte, war Tschernobyl. In die aktive Politik
       ging er erst mit 30, dann ging es aber umso rasanter: Zunächst übernahm er
       für die Freien Wähler kommunale Ämter, 2003 die Organisation des
       Landtagswahlkampfs, 2006 den Landesvorsitz. 2008 zogen die Freien Wähler
       schließlich mit ihm als Galionsfigur in den Landtag ein, 10 Jahre später
       auch in die Staatsregierung, in der er selbst den Posten des
       Wirtschaftsministers und des stellvertretenden Ministerpräsidenten
       übernahm. Und gerne auch den des Enfant terrible. Oder anders formuliert:
       des Streitbaren.
       
       Unter den Überbegriff des Streitbaren muss dann wohl auch so etwas
       subsumiert werden wie die Flugblattaffäre, die mitten im bayerischen
       Landtagswahlkampf 2023 die politische Landschaft erschütterte. Dabei war es
       gar nicht so sehr das Flugblatt an sich, das Aiwanger als Schüler bei sich
       getragen hatte. Sosehr einen der menschenverachtende Antisemitismus des
       Pamphlets auch abstoßen musste, so konnte man es als eine Jugendsünde
       verbuchen, Aiwanger zugutehalten, dass er in seiner Zeit als erwachsener
       Politiker niemals mit irgendwelchen antisemitischen Äußerungen aufgefallen
       war. Doch den trotzigen Umgang mit der Affäre, den – letztlich sogar
       erfolgreichen – [1][Versuch, damit im Wahlkampf Kapital zu schlagen], hat
       man ihm nicht nur beim Koalitionspartner CSU schwer verübelt.
       
       Schon vor dieser Flugblattaffäre hatte Grünen-Fraktionschefin Katharina
       Schulze ihn als „astreinen Rechtspopulisten“ bezeichnet, und Innenminister
       Joachim Herrmann (CSU) verglich ihn mit Querdenkern, Reichsbürgern und
       Klimaklebern.
       
       ## „Mei, der Hubsi“
       
       Schon vor der Affäre hatte Aiwanger in diesem Wahlkampf damit begonnen,
       immer unverhohlener am rechten Rand zu fischen. Besonders in Erinnerung
       blieb er mit seinem Auftritt auf der von der – nun ja, mehr als streitbaren
       – ehemaligen Kabarettistin Monika Gruber organisierten Demonstration gegen
       das als Heizungsgesetz berühmt gewordene Gebäudeenergiegesetz der Ampel in
       Erding. Dort rief er der Menge zu, man müsse sich die Demokratie
       zurückholen. Eine bemerkenswerte Aussage für den zweithöchsten
       Repräsentanten der demokratisch gewählten bayerischen Staatsregierung.
       
       Ein paar Monate nach der Wahl schließlich versuchte sich Aiwanger an die
       Spitze der Bauernproteste zu stellen – auch dies sehr zum Missfallen der
       CSU, die ihm „Demo-Hopping“ und die Vernachlässigung seines Hauptjobs als
       Wirtschaftsminister vorwarf.
       
       Trotz allem konnte sich der Politiker dabei immer einer gewissen, ihm qua
       Amt eigentlich nicht zustehenden Narrenfreiheit bedienen. Wie? Er nahm sie
       sich einfach, die Freiheit. „Mei, der Hubsi“, hieß es dann. Und ein paar
       Tage später lief eine andere Sau durchs Dorf.
       
       ## Die Probleme der kleinen Leute
       
       Was allerdings jenseits des Streitbaren bleiben wird: sein
       leidenschaftlicher Einsatz für Wasserstoff und Windkraft, vielleicht auch
       der ebenso leidenschaftliche Kampf gegen den Wolf, vor allem aber das, was
       er für die Freien Wähler vollbracht hat. Die Partei, die bis dato
       eigentlich nicht viel mehr gewesen war als ein Konglomerat verschiedener
       Wählervereinigungen, hievte er quasi im Alleingang in die Landespolitik.
       
       Dabei setzte er auf das, was die Freien Wähler schon in den Kommunen stark
       gemacht hatte: die Konzentration auf die Probleme der kleinen Leute vor
       Ort. Und bei Aiwanger hieß das immer zugleich auch: der kleinen Leute auf
       dem Lande. Seit 18 Jahren gehören die Freien Wähler nun zum festen
       Bestandteil der bayerischen Landespolitik. In den Umfragen lagen sie
       zuletzt stabil bei etwa 9 Prozent.
       
       Auch der Umstand, dass Aiwanger maßgeblich dazu beitrug, das Ende der
       CSU-Alleinherrschaften in Bayern zu besiegeln, und vielleicht sogar der AfD
       die eine oder andere Stimme wegnahm: Das ist letztlich etwas, was ihm nicht
       nur politische Freunde zugutehalten.
       
       5 Nov 2026
       
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 (DIR) Dominik Baur
       
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