# taz.de -- Arbeitskämpfe in Bangladesch: Textilarbeiter fordern existenzsichernden Mindestlohn
> Seit dem Wochenende demonstrieren Textilarbeiter:innen in
> Bangladesch für höhere Löhne. Die Regierung hat Mühe, die Lage zu
> beruhigen.
(IMG) Bild: Polizeibeamte in Bangladesch nehmen Textilarbeiter während einer Demonstration für höhere Mindestlöhne in Dhaka fest
Bangladeschs Textilarbeiter:innen kämpfen für einen Lohn, der zum
Leben reicht. Seit dem Wochenende gehen sie dafür in der Hauptstadt Dhaka
und den umliegenden Industriezentren auf die Straße. Bei
[1][Zusammenstößen] mit der Polizei starb in Gazipur ein 21-Jähriger.
Mancherorts blockierten Arbeiter:innen [2][Straßen].
„Wenn wir essen, haben wir nichts zum Anziehen. Und wenn wir Kleidung
kaufen, haben wir nichts mehr zu essen“, sagt Roktim. Der 32-Jährige
arbeitet seit 17 Jahren in der Textilindustrie. Mit seinem Monatsverdienst
komme er angesichts der gestiegenen Preise kaum über die Runden. Vor allem
die Zukunft seiner Kinder bereite ihm Sorgen.
„Wir Erwachsenen können hungern, aber wir können unsere Kinder nicht
hungrig ins Bett schicken und ihnen die Schulbildung verwehren.“ Roktim
fürchtet wegen seiner Beteiligung an den Protesten um seinen Arbeitsplatz.
Doch ohne öffentlichen Druck werde sich nichts ändern, meint er. Sie
fordern höhere Löhne und Sozialleistungen, etwa Zuschüsse zur medizinischen
Versorgung.
Der Protest stellt die neue Regierung Premierminister Tarique Rahmans von
der konservativen BNP auf die Probe. Rahman rief ein Krisentreffen ein und
wies Behörden an, die Interessen der Beschäftigten wie auch die
Aufrechterhaltung der Produktion zu sichern. Am 1. November hatten nach
Angaben des Verbands der Bekleidungshersteller und -exporteure (BGMEA)
[3][529 Fabriken] vorübergehend geschlossen.
## 215 Euro pro Monat gefordert
Die Unruhe bereitet den Fabrikbetreibern Sorgen. Vidiya Amrit Khan von
BGMEA zeigt Verständnis für die Lohnforderungen. Sie verweist aber auch auf
die [4][Lohnstaffelung]: Näher:innen verdienten beim Einstieg mehr als
den monatlichen Mindestlohn von 12.500 Taka (90 Euro) für
„Maschinenhelfer:innen“. Sie betont, dass die Regierung den Abstand der
Lohnrevisionen auf drei Jahre verkürzt und eine Kommission eingesetzt hat,
die noch in diesem Jahr über eine Anpassung beraten soll. Das beendete die
Proteste vorerst nicht. Die Arbeiter:innen fordern weiter einen
Mindestlohn von 30.000 Taka (etwa 215 Euro).
Aus Sicht der Hersteller ist eine so deutliche Lohnerhöhung nicht einfach
zu finanzieren. Die Gewinnmargen lägen bei lediglich 2 bis 3 Prozent. Khan
fordert deshalb auch Veränderungen auf internationaler Ebene. „Es ist
höchste Zeit, dass Marken ihre Einkaufspreise anheben“, fordert sie. Die
Kosten müssten gemeinsam getragen werden. Zusätzlich belasten Inflation,
Energiekosten sowie [5][teurere Transporte] die Branche. Auch der
Zollstreit mit den USA wirkt sich aus: Laut Khan haben US-Käufer
Preissenkungen und Preisabschläge bei bereits vereinbarten Bestellungen
durchgesetzt und die Auftragserteilung weiter verlangsamt.
Die langjährige Gewerkschafterin Nazma Akter unterstützt den friedlichen
Arbeitskampf. Die Beschäftigten bräuchten einen Lohn, von dem sie ihre
Familien versorgen könnten, sagt sie in einer [6][Videobotschaft]. Zugleich
distanziert sie sich von Gewalt. Es könne nicht im Interesse der
Arbeiter:innen sein, ihre eigene Industrie zu zerstören. „Wenn die
Maschinen stillstehen, bekommen wir keinen Lohn.“ Akter mahnt, dass
interessengeleitete Gruppen die Proteste politisch instrumentalisieren
könnten. Das Recht auf friedlichen Protest verteidigt sie.
Dazu kommt, dass Bangladesch eigentlich diesen Monat aus der Gruppe der am
wenigsten entwickelten Länder (LDC) [7][aufsteigen] sollte. Die Vereinten
Nationen haben den Schritt kurzfristig um drei Jahre verschoben. Doch nach
einer Übergangsfrist läuft der zollfreie Zugang zum EU-Markt aus, während
Indien ein Freihandelsabkommen mit der EU ausgehandelt hat.
## Letzte Erhöhung war 2023
Trotz vieler Krisen hat sich die Branche als [8][widerstandsfähig]
erwiesen. Zwischen 2011 und 2025 haben sich die Bekleidungsexporte fast
verdoppelt. Im vergangenen Jahr exportierte Bangladesch Kleidung im Wert
von 38,82 Milliarden US-Dollar. Die Branche bleibt Motor der Wirtschaft und
beschäftigt Schätzungen zufolge mehr als 2 Millionen Frauen.
Die Löhne waren zuletzt 2023 unter der autokratischen Regierung von Sheikh
Hasina angehoben worden. Die Erhöhung reichte vielen Arbeiter:innen
schon damals nicht und führte zum Protest.
5 Nov 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Natalie Mayroth
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