# taz.de -- Die Wahrheit: Brandenburg in der Südsee
> In der tropischen Badewelt Ostdeutschlands ist der Luftdruck so hoch,
> dass sich alle Besucher nur noch in Zeitlupe bewegen.
Am Dienstag war ich in der Südsee. Sie liegt bekanntlich nicht weit weg,
nämlich in einer ehemaligen Lastenluftschiffhalle in Brandenburg. Wer wegen
der Nachhaltigkeit des Betriebs dieser fünf Millionen Kubikmeter Kunstwelt
den Finger hebt, dem kann ich nur sagen: Wenn alle mit dem Regio nach
Brandenburg führen, anstatt nach Bora Bora und Fidschi zu fliegen, um dort
mit blöden Schwimmflossen die bedrohten Korallenriffe kaputtzutreten, dann
wäre das doch gut.
Die Brandenburger Südsee hat noch weitere Vorteile: Es gibt dort keine
Sonne und keine Insekten. Und der Trip ist ein Traum. Allein der Shuttle
von der Regio-Haltestelle zur Halle, ein ausgemusterter Bus der
öffentlichen Verkehrsbetriebe, hat die Anmutung einer Tüte Tropifrutti mit
Windelgeruch. Damit von draußen niemand bemerkt, wie sehr sich die Insassen
von ihrer Sehnsucht unterscheiden, sind sogar die Fenster zugemalt.
In der Brandenburger Südsee ist der Luftdruck so hoch, dass man sich ab dem
ersten halleninternen Schritt nur noch in Zeitlupe bewegen kann. Ich zog
also meinen Koffer vorsichtig in mein Zimmer im ersten Stock der „Alten
Hafenstadt“-Kulisse, wickelte mich in die Tunika, schlurfte in die nächste
Slushy-Bar und regulierte mithilfe eines im Plastikbecher servierten
Cocktails auch meinen Blutdruck und das vegetative Nervensystem auf
Südseeniveau hinunter.
## Kindergeschrei mit Wasserrauschen
Ein paar Minuten später war das Kindergeschrei um mich herum aufs
Angenehmste mit dem Wasserrauschen verschmolzen. Zudem sprach ich plötzlich
nicht nur fließend Tahitianisch, sondern auch die Sprache der Kolonialisten
der anderen Weltmeere, summte: „Un gustito en la boca me seguia,
Batida-de-Cocoooo …“, und versuchte, die Blicke einiger verwegener
Seemänner zu erhaschen, die sich bei genauer Betrachtung – angesichts der
Lagunengischt waren meine Kontaktlinsen beschlagen – als eine Clique
dicklicher, hessischer Partylöwen herausstellten. Immerhin trugen sie
Tattoos, die echte Seebären neidisch machen würden.
Das lange Ausruhen hatte mich ermüdet. Dennoch brachte ich genügend Kraft
auf, um ein extra mitgebrachtes, lebensgroßes Schwimmkrokodil aufzupusten,
mit dem ich plante, den Tortellinistrudel zu kreuzen – ein mit warmem
Wasser gefülltes, durch starke Düsen verwirbeltes Becken, in dem man sich
nicht nur fühlt wie ein langsam aufquellendes Teigtäschchen, sondern auch
so aussieht. Allerdings pfiff mich ein unhöflicher, ganz und gar
untropischer Bademeister aus dem Wasser.
Etwas demoralisiert trank ich weiter Schirmchendrinks und aß ein paar
Pommes mit Südsee-Mayo – nicht zu viele, denn ich hatte noch ein Date mit
dem Fesselballonkapitän: Sofern man nicht über 170 Kilo wiegt, kann man
sich gegen Entgelt eine halbe Stunde lang über die Südsee, die Lagune, das
Tropendorf und all den anderen Quatsch durch die Halle ziehen lassen. Man
sollte nur aufpassen, dass einem von den maritimen Luftmassen da oben nicht
schlecht wird.
6 Nov 2026
## AUTOREN
(DIR) Jenni Zylka
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