# taz.de -- Neues Album von Chemnitzer Duo Tränen: Erst Hunde, dann Katzen und Aliens
> Das Duo Tränen bewirbt sein Album „Leben in einer Katze“ mit einer
> witzigen Kampagne. Texte über Entfremdung und Zweisamkeit sind verpackt
> in Poppunk.
(IMG) Bild: Zwischen Emo und Entfremdung: Tränen
Über die Reeperbahn in Hamburg-Sankt Pauli rollt eine riesige Schallplatte.
Statt der gewöhnlichen zwölf Zoll beträgt ihr Durchmesser rund drei Meter.
Mühsam rollt das Duo Tränen aus Chemnitz – Gwendolyn Schneider-Rothaar und
Steffen Israel – sein neues Werk zu den Fans, die Botschaft kommt an: Hier
gibt es noch echte Handarbeit.
Von wegen abgehoben. Wie das Gewicht des Riesenvinyls seine beiden
Anschieber:Innen in die Knie zwingt, das sieht sehr bodenständig aus.
Ein bisschen Leiden für die Kunst darf auch mal sein. Vor den gebannt
wartenden Fans hieven Tränen das überdimensionale Kunstwerk umständlich auf
einen ebenfalls überdimensionalen Plattenspieler, all die Müh’ für ihre
Listening Session, die Open Air beim [1][Reeperbahnfestival] steigt.
„Leben in einer Katze“ heißt das neue Album von Tränen. Eine Katze, sie
wird Lutz gerufen, blau und kuschelig, ziert auch das Cover. Angeblich sei
sie inzwischen verloren gegangen, wie Gwen Dolyn etwas nebulös verkündet.
Ein weiterer Twist der Promokampagne? Aber dringt aus den Rillen dieses
aufsehenerregenden Werks denn überhaupt aufregende Musik?
Die Fallhöhe ist hoch, nicht nur im wörtlichen (drei Meter Durchmesser),
sondern auch im übertragenen Sinne. Denn das tierisch gute Debütalbum der
Tränen, „Haare eines Hundes“, legte die Latte hoch. Es überzeugte 2024
bereits mit seinen leicht exzentrischen Songtexten der durchaus poetisch
veranlagten Komponistin Gwen Dolyn. In ihren Texten verarbeitet die junge
Frau mal Herzschmerz, mal politische Themen. Dazu spielt die tonangebende
Gitarre von Steffen Israel memorable Hooklines. Nun, zwei Jahre später,
geht es auf „Leben in einer Katze“ munter weiter mit poppigem bis punkigem
Sound.
Tränen genießen inzwischen einen gewissen Ruhm, auch befeuert durch Israels
Job als Kraftklub-Gitarrist – eine Band, die solide Poprock-Musik und
kritische Texte mit viel Elan bietet. Auch [2][Gwen Dolyns Soloalbum] hatte
unüberhörbar Raffinesse: Popsongs voller widerstreitender Gefühle, die die
Gesellschaft nicht immer akzeptieren will und die, wie sie es betitelt,
x-rated sind.
In die gleiche Kerbe schlagen nun die zwölf neuen Songs der beiden
[3][Chemnitzer Musiker:innen]. Diesmal ist das tonangebende Gefühl in
den Texten Entfremdung. Sie fühlen sich alienated, also anders als alle
anderen, und ergründen warum. Der Alienfilm von Tränen wirkt dabei so gar
nicht blutrünstig, düster oder Gefahr heraufbeschwörend, die Musik
schimmert eher nostalgisch-meliert in Blau und Orange, mit passenden Reimen
über Kornkreise in Maisfeldern. Auf dem Album kommt ein grundlegendes
Bedürfnis zum Ausdruck: Gwen Dolyn will, dass sie ein UFO abholt, sie will
zum Mond fliegen und dann wegdriften.
Eigentlich scheint dahinter immer wieder ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit
auf. „Oh Honey“ bringt es auf den Punkt: „Gib mir das Gefühl, dass ich sein
darf, dass ich bleiben darf.“ Auch musikalisch wirkt es hin und wieder
alienhaft, wenn der Autotune-Gesangseffekt zum Einsatz kommt und
elektronische Sounds um den Tränen-Orbit kreisen. Meist dominiert jedoch
Pop mit Nullerjahre-Vibe à la Wir sind Helden.
## Wunderbare Weirdness
Da darf es auch mal kitschig klingen: „Ich will dich/ Nicht den Mond/ Nicht
sein Gewicht/ Nicht all die Sterne/ Nicht den Orbit, nur dein echtes warmes
Licht.“ Was jedoch gut eingerahmt wird von wunderbarer Weirdness: „Will
alles töten, was nicht käuflich ist. Sind wir Katzen oder Aliens?“
Weil Tränen aber Menschen sind und das Alltagsleben für sie belastend
bleibt, kommen zwiespältige Gefühle zwischen Freiheit und Einsamkeit,
Sehnsucht und Zurückweisung zum Vorschein: „Ich wollte einen Kuss, jetzt
krieg ich einen Kick“ – für die Fans sofort erkennbar eine Referenz aufs
Tränen-Debütalbum. Weitere Zitate reichen von den schwedischen Cardigans
bis zum Offenbacher Rapstar Haftbefehl.
Mit dem neuen Album zeigen Tränen deutlich, dass ihre Platte mehr als nur
zwei Seiten hat. Denn welches Genre eignet sich am besten, um über
Entfremdung und Ausgrenzung zu singen? Punk! Zusammen mit Maxim, Mitglied
der Berliner Rap-Crew KIZ, covern Tränen den masochistischen
Deutschpunk-Klassiker „Ordinäre Liebe“ der Band Toxoplasma aus dem Jahr
1983. Und mit „Wenn sie schwitzt“ findet sich dazu ein bissiger Song gegen
den männlichen Hetero-Blick auf Frauen, vorgetragen im wütenden Riot-Grrrl
Gestus.
„Leben in einer Katze“ hat also jede Menge spacige Gefühle, die sich
eigentlich doch ganz irdisch anfühlen – und im Auto wie im UFO
gleichermaßen fantastisch scheppern.
5 Nov 2026
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## AUTOREN
(DIR) Merle Zils
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