# taz.de -- Neuer Lucky-Luke-Band: Muh! Der Lucky-Kult geht um
> Als Lucky Luke aus dem Hotel tritt, begegnen ihm lauter Doppelgänger.
> Alle tragen Blau – Gelb – Schwarz, dazu ein rotes Halstuch. Was ist
> geschehen?
(IMG) Bild: Szene aus „Heiliger Lucky!“ von Achdé & Jul
Der „Lukismus“ greift um sich! Nachdem Lucky Luke Banditen daran gehindert
hat, den Kirchentresor (!) zu plündern, preist ihn der Pastor als Heiligen
an. Und begründet damit im Örtchen „Faith“ in Kansas wie auch im
benachbarten „Beliefs Junction“ einen neuen Kult, der dem bescheidenen
Cowboy so gar nicht passt.
Bei einer Versammlung wird er als Hirte bezeichnet, und das Volk drückt
seine Freude mit inbrünstigen „Muh!“-Rufen aus.
[1][Lucky Luke hat in seinem reichen Cowboyleben schon so einiges erlebt] –
von der Errichtung der Eisenbahn über beinharte Familienfehden bis zum
Goldrausch –, doch einen Kult um seine eigene Person hätte er sich wohl bis
dato nicht vorstellen können.
„Heiliger Lucky“ nennt sich das neueste Abenteuer um den beliebten
Comichelden. Es ist schon das sechste Gemeinschaftswerk des französischen
Autorenteams Achdé (Zeichnungen) und Jul (Szenario). Für die sorgfältige
Übersetzung zeichnet Klaus Jöken verantwortlich.
## Kein Messias
Diesmal nehmen sie das Phänomen gesellschaftlicher Bewegungen aufs Korn,
die [2][pseudo-religiöse Personenkulte] betreiben und vermeintliche
Heilsbringer an ihre Spitze stellen. Lucky Luke misstraut derartigen
Vergötterungen natürlich sofort, er will weder als Messias gelten noch
bedeutet ihm Geld etwas.
Anders die Propagandisten des Lukismus, die hinter der Maske ehrbarer
Bürgerlichkeit oder Frömmigkeit die Gelegenheit wittern, große Mengen an
Geld in die eigenen Taschen zu scheffeln.
Das besonders geschäftstüchtige Ehepaar Creed (herrlich bieder von Achdé
karikiert) will gar den benachbarten friedlichen Pawnee-Indianern das Land
wegnehmen. Für diesen Zweck ist es sogar bereit, ein Pockenvirus
freizusetzen.
## Zum 80. Geburtstag
Lucky Luke, der Cowboy mit seinem treuen Hengst Jolly Jumper, feiert gerade
seinen 80. Geburtstag. Am 14. November 1946 erschien erstmals ein Comic mit
ihm im „Spirou Almanach 1947“. Sein Schöpfer, der Belgier Maurice de Bevere
mit Künstlernamen Morris (1923 2001), lebte sechs Jahre in den Vereinigten
Staaten, um gründliche Recherchen anzustellen.
Auch der französische Szenarist René Goscinny (1926 1977) lebte dort, als
die beiden sich in New York kennenlernten. Um 1955 wurde daraus eine feste
Zusammenarbeit, Goscinny perfektionierte den Humor und das Konzept der
Serie.
Achdé und Jul betreuen sie nun zusammen bereits 14 Jahre. Die beiden sind
ein eingespieltes Team, das viel Spaß an der Arbeit hat, wie sie es bei der
Vorstellung des neuen Bandes in der belgischen Botschaft in Berlin zum
Ausdruck brachten. Achdé (Hervé Darmenton) bekundet, dass es „eine
besondere Ehre ist, diese Serie weiterführen zu können, die heute zum
frankobelgischen Kulturerbe gehört“.
Der 65-Jährige zeichnet die Serie sogar schon seit rund 25 Jahren, Morris
selbst hatte ihn als Nachfolger auserkoren.
## Historisch genau
Besonderen Wert legt er auf historische Genauigkeit. Dies zeigt sich in
seiner Darstellung einer Kirche oder in der Ausgestaltung der
Pawnee-Hütten, die nichts mit Wigwam-Zelten zu tun haben. Szenarist Jul
(Julien Lucien Berjeaut, geboren 1974) hat Geschichte studiert. Er versteht
es, in seinen Storys historische Begebenheiten im Wilden Westen
aufzugreifen. Subtil verweist er dabei [3][auf heutige gesellschaftliche
Entwicklungen].
So wird auf staatliche Maßnahmen während der Coronapandemie angespielt wie
auch auf Verschwörungstheorien und „das Netz“ (hier in Form von
Telegrafenmeldungen). Angesichts des schnell um sich greifenden Lukismus
liegt es nahe, an den Personenkult um Donald Trump oder die hemmungslose
Geldgier so mancher [4][Tech-Milliardäre] zu denken.
Jul sieht eine „gefährliche Mischung aus oft fanatischem Glauben und
Geldbesitz“ in der Gesellschaft der USA verwurzelt, „die
Bible-and-Rifle-Mentalität in den Vereinigten Staaten ist immer noch sehr
ausgeprägt.“
Jul ist auf historische Fakten gestoßen, mithilfe derer er seine Idee eines
von biblischen Plagen heimgesuchten Ortes untermauern konnte. „In den
1870ern häuften sich die Katastrophen, von Tornados bis zu Dürreperioden,
was Strenggläubige oft als Strafe Gottes interpretierten. Ich stieß auf
Berichte von verheerenden Heuschreckeninvasionen 1874, die ganze Ernten
vernichteten und selbst die Kleider der Bevölkerung auffraßen.“
## Aus der Vogelperspektive
Ein gefundenes Fressen auch für Achdé, der die gefährdete Stadt Faith
kunstvoll aus der (Vogel-)Perspektive des nahenden Heuschreckenschwarms
zeichnet.
Trotz der Verlockungen bleibt Lucky Luke lonesome und bodenständig, am Ende
ist er froh, den Wahnsinn überstanden zu haben.
Mit „Heiliger Lucky!“ haben Achdé und Jul ein gelungenes Jubiläumsabenteuer
geschaffen, das die über Jahrhunderte sich manifestierenden Widersprüche in
der amerikanischen Gesellschaft pointiert zu erklären versteht.
3 Nov 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ralph Trommer
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