# taz.de -- Porträt Klarinettistin Shabnam Parvaresh: Im Orchester herrschte männliche Dominanz
> Die Bassklarinettistin Shabnam Parvaresh verbindet Freejazz mit
> klassischer persischer Musik. Ihre Stimme nutzt die Künstlerin auch, um
> über die Zustände im Iran zu sprechen.
(IMG) Bild: Wuchtige Bassklarinettistin und wichtige Stimme der iranischen Diaspora: Shabnam Parvaresh
Zuerst ist nur Atem zu hören. Und das sanfte Patsche-Geräusch, das die
Klappen einer Bassklarinette machen, wenn jemand den gesamten Korpus des
Blasinstruments mit den Händen und dem Mund bearbeitet. Einzelne
Klangschichten legen sich darüber, als rhythmische Verschiebungen und
elektronisch verfremdete Drones. Atonal und verdichtet. Es ist die Musik
vom Sheen Trio, das geleitet wird von der iranisch-deutschen
[1][Klarinettistin] Shabnam Parvaresh.
In ihrem unnachahmlichen Sound tauchen persische Maqam-Vierteltonskalen
auf, Versatzstücke von Freejazz und freier Improvisation. Sheen ist der 16.
Buchstabe des persischen Alphabets und entspricht in Farsi dem Laut „Sh“,
dem Anfangsbuchstaben ihres Namens. Für die in Iran aufgewachsene und seit
2014 in Deutschland lebende 43-jährige Künstlerin ist die improvisatorische
Freiheit des Jazz keine Selbstverständlichkeit.
Gerade hat Shabnam Parvaresh „Transitory“ veröffentlicht, ihr zweites Album
mit dem Sheen Trio. Wie der Titel andeutet, beruht die Musik auf einer
persönlichen Erzählung des Übergangs in verschiedene Lebenswelten, voller
biografischer Brüche und einem Leben in der Diaspora. Shabnam Parvaresh
sieht sich mit ihrem Status als Exiliranerin auch als Stimme für
diejenigen, die sich noch immer in Iran befinden.
Aktuell, berichtet sie im Interview mit der taz, werden von den Mullahs
mehr Todesurteile vollstreckt als noch in den Jahren davor. Die iranische
Bevölkerung werde damit massiv eingeschüchtert, offizielle Nachrichten in
den Staatsmedien bestehen einzig aus Regime-Propaganda. Das Internet in
Iran wird massiv eingeschränkt.
## Doppelte Staatsangehörigkeit als Gefahr
Mittlerweile besitzt Shabnam Parvaresh auch die deutsche
Staatsbürgerschaft, trotzdem reist sie nicht mehr nach Iran. „Ich möchte es
nicht riskieren, denn gerade mit zwei Staatsangehörigkeiten ist die Gefahr
groß, vor Ort als Geisel festgehalten zu werden.“
Ihre Eltern, die als Dissidenten gelten – ihr Vater war sieben Jahre als
politischer Gefangener inhaftiert –, können schließlich mit einem Visum in
die USA ausreisen, doch sie darf nicht mitkommen. „Wenn man über 21 Jahre
alt ist, gehört man nicht mehr zur Familie“, berichtet sie. Und auch, wie
sie diese Ausnahmesituation als Kind erlebt hat: „Wir wurden ständig
überwacht, auch unser Telefon wurde abgehört. Man gewöhnt sich dennoch
irgendwie daran, obwohl der Alltag sehr skurril ist.“
Seit der Wiederwahl von Trump im November 2024 dürfen Iraner_innen nicht
mehr in die USA einreisen. Mit ihrem deutschen Pass sei sie zuletzt vor dem
Krieg der USA gegen Iran im Juni 2025 in der Wahlheimat ihrer Eltern
gewesen. Sie habe sich bereits zuvor Sorgen wegen einer möglichen
Verfolgung durch die Einwanderungsbehörde ICE gemacht.
„Es gibt immer Probleme bei der Einreise in die USA, weil in meinem Pass
steht, dass ich in Iran geboren bin. Das Dokument kommt in eine rote Box,
ich muss nach der Ankunft am Flughafen in ein separates Büro und mindestens
eineinhalb Stunden auf Abfertigung warten. Dann werde ich gefragt, ob ich
Waffen oder Drogen besitze. Aber das ist Standard für mich, denn obwohl ich
einen deutschen Pass habe, werde ich als Iranerin anders behandelt.“
## Klaustrophobische Atmosphäre
Shabnam Parvaresh wird 1983 in Teheran geboren. Bereits als Kind erhält sie
klassischen Klarinettenunterricht von Musikern des Teheraner
Sinfonieorchesters, dem sie, als einzige von zwei Frauen in der
Holzbläser-Sektion, nach Abschluss ihrer Ausbildung selbst angehört. „Im
Orchester herrschte damals eine männlich dominante Atmosphäre. Ohnehin
wurden wir die ganze Zeit mit Kameras überwacht“, erzählt sie. „Wir durften
niemandem die Hand geben oder uns mit den Männern unterhalten, nicht mal
zur Begrüßung. Es war sehr schwierig.“
Parvaresh spielt damals etwa Werke von Mozart, Chopin und Mahler, aber auch
Sinfonien, die zur Verherrlichung des Mullah-Regimes geschrieben werden,
muss das Teheraner Orchester aufführen. „Da gab es zum Beispiel die
‚Atomenergie-Sinfonie‘, und Ahmadinedschad, der damalige Präsident, kam auf
die Bühne und hat jedem ein bisschen Geld gegeben und sich bei uns
bedankt.“
Parallel spielt sie auf einer Santur, einer Zither, im „Nationalorchester
Melli Teheran“ und lernt persische klassische Musik und macht einen
Kunst-Abschluss in Malerei. Doch als Frau im Gottesstaat darf sie weder
eigene Kompositionen aufführen noch ihre Bilder öffentlich zeigen. Sie muss
sich verhüllen. „Weil ich eine Frau war, war es immer kompliziert. Ich
musste ständig aufpassen, mit wem ich wo und wie Musik mache.“
2014 bewirbt sie sich für ein Jazzaufbaustudium in Osnabrück und
schließlich wird ihr die Ausreise aus Iran gestattet. Mittlerweile leitet
sie dort eine Konzertreihe für improvisierte Musik und das Morgenland
Festival. Aber die Ereignisse in Iran lassen sie nicht kalt, Menschen, die
nach den Aufständen in Iran erschossen in der Straße lagen, öffentliche
Hinrichtungen. „Es ist ein Trauma. Solche Bilder werde ich nie wieder
vergessen. Ich muss immer daran denken, dass meine Freunde jedes Mal ihr
Leben riskieren, wenn sie auf die Straße gehen, um zu protestieren. Ich
lebe hier im Westen in Freiheit und kann Musik machen. Deswegen ist es für
mich wichtig, diese Freiheit zu nutzen und von den Geschehnissen in Iran zu
erzählen.“
29 Oct 2026
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