# taz.de -- Stellenabbau bei Tamedia: Menschengemachter Journalismus in der Krise
> Der Schweizer Medienkonzern Tamedia entlässt reihenweise
> Journalist:innen und setzt immer mehr auf KI. Das wird intern als
> auch extern kritisiert.
(IMG) Bild: Mitarbeitende der Tamedia-Redaktion und weitere Personen protestieren am 20. Oktober 2026 in Zürich gegen den Stellenabbau
Nora Zukker, Kultur- und Literaturredakteurin der Zürcher Tageszeitung
Tages-Anzeiger und mehrfach ausgezeichnete Kulturjournalistin, befindet
sich gerade in einem unbezahlten Urlaub. Im Januar 2027 sollte sie auf ihre
Stelle zurückkehren. Am vergangenen Dienstag nahm sie an einer
Protestaktion gegen ihren Arbeitgeber teil: Grund ist ein jüngst
verkündeter Stellenabbau beim Verlagshaus Tamedia, zu dem neben dem
Tages-Anzeiger auch die Basler Zeitung gehören.
Der Abbau umfasst konzernweit Der Abbau umfasst konzernweit 41
Redaktionsstellen. Tamedia beschäftigt in der ganzen Schweiz rund 1.300
Mitarbeitende in allen Gewerken. Protest und Empörung sind bei Zukker und
Kolleg:innen auch deshalb groß, „weil uns eine Vision fehlt, eine Idee
für den Journalismus der Zukunft“, zitiert Zukker eine ihrer Kolleginnen.
Es sei bereits die siebte Abbaurunde innerhalb von sechs Jahren. Zuletzt
galt ein bis Ende September 2026 vereinbarter Entlassungsstopp für
Journalist:innen. Fünf Tage nach Ablauf des Stopps wurden die neuen
Kündigungen ausgesprochen.
Auch Zukker erhält eine Einladung zum Gespräch. In diesem folgt die
„Kündigung aus wirtschaftlichen Gründen“. Der eigentliche Schock sei für
sie jedoch nicht der Verlust ihrer Stelle, sondern dass der
„traditionsreiche“ Tages-Anzeiger keine eigene Kulturredaktion mehr habe.
Denn zusammen mit Zukker verlieren weitere Personen ihre Stellen in der
Kultur.
Der Tages-Anzeiger begründet die 41 Entlassungen in einer Mitteilung mit
dem Druck, der auf der Medienbranche laste, etwa dadurch, dass sich die
Nutzung auf digitale Plattformen verlagert: „Unsere Einnahmen und unsere
heutige Organisation passen nicht mehr zusammen.“ Allerdings, sagt Zukker,
passe das nicht recht zusammen mit den Gewinnen, die Tamedia nach wie vor
erzielt. 2025 lag die Gewinnmarge bei 3 Prozent. Das Unternehmen setzt sich
aber das Ziel von 8 bis 10 Prozent, statt in den Journalismus zu
investieren.
Bis zu 95 Prozent KI-Anteil
Der Stellenabbau ist nur eine Seite der Umgestaltung beim Verlagshaus
Tamedia. [1][Zugleich setzt das Medienhaus verstärkt auf künstliche
Intelligenz] und gerät auch damit in die Kritik. Die linke Zürcher
Wochenzeitung WOZ schrieb im März dieses Jahres, dass das KI-Reglement von
Tamedia besage, dass in jedem Text, der im Tages-Anzeiger sowie anderen
Medien des Verlags erscheine, die KI mitschreiben dürfe – in den meisten
Fällen ohne Ausweisung. Des Weiteren habe die KI-Chefin von Tamedia, Nadia
Kohler, „verdutzten“ Journalist:innen verkündet, dass selbst Texte mit
einem KI-Anteil von bis zu [2][95 Prozent] für Leser:innen nicht
gekennzeichnet werden müssten.
Tamedia schreibt dazu auf Anfrage der taz, dass sich die 95 Prozent auf die
mögliche Unterstützung durch KI im Arbeitsprozess beziehe, etwa bei
Recherche, Strukturierung oder Formulierungsvorschlägen, nicht auf den
Anteil eines Textes, der von KI geschrieben werde. Texte, die komplett von
KI erstellt werden, etwa hyperlokale Meldungen auf Basis von
Gemeindemitteilungen, würden gegenüber dem Publikum ausgewiesen. Den
unterstützenden Einsatz kennzeichne man hingegen nicht bei jedem Artikel.
Der an der Universität Luzern lehrende Ethikprofessor Peter G.
Kirchschläger, der auch den Papst zu KI berät und Gastprofessor an der ETH
Zürich ist, warnt im Gespräch mit der taz vor den Folgen von
„datenbasierten Systemen“ im Journalismus. Ihr Einsatz berge Risiken für
Medienschaffende und Publikum.
Die Liste von Gefahren ist für Kirchschläger lang: Journalist:innen
können ihr Berufsethos schwerer wahren. [3][Die Systeme generieren ohne
Achtung des Wahrheitskriteriums Inhalte und reproduzieren vor allem
Bekanntes.] Deshalb vergleicht Kirchschläger sie mit einer „wiederkäuenden
Kuh“: Wirklich Neues entstehe kaum. Zugleich drohe sich das menschliche
Denken an generierte Inhalte anzupassen, wodurch der öffentliche Diskurs
verarme und damit auch ein zentraler Bestandteil der Demokratie.
Unbemerkte Manipulationen
Auch konzentriere sich die technische Infrastruktur in den Händen weniger
großer US-amerikanischer und chinesischer Konzerne. „Sollen ausgerechnet
sie den politischen und öffentlichen Diskurs prägen?“, fragt Kirchschläger
und warnt davor, dass Manipulationen unbemerkt bleiben: „Man kann zwar
kritisch denken, Dinge hinterfragen und überprüfen – aber diese
Manipulationen sind so subtil, dass ich oft nicht merke, dass das mit mir
passiert.“
Hinzu kommt, dass beim Training von KI die Qualität der Daten keine Rolle
spielt und beispielsweise datenbasierte Systeme seriöse Medien und
rechtsextreme Publikationen gleichermaßen als Grundlage verwenden. Für
Kirchschläger ist das unzulässig. Zahlreiche Systeme verletzten zudem
Urheber-, Daten- und Persönlichkeitsrechte. Problematisch bleibe auch ihr
hoher Ressourcenverbrauch.
Angesichts dieser Risiken wird die Kennzeichnung von KI-Inhalten zur
zentralen Frage. Tamedias Ankündigung, auch einen starken KI-Einsatz nicht
kennzeichnen zu müssen, sei für Leser:innen gravierend, sagt
Kirchschläger. „Transparenz wäre die notwendige Bedingung dafür, dass ich
mich mit diesen Texten besonders kritisch auseinandersetzen und sie
besonders kritisch hinterfragen könnte.“
Der intransparente und ungebremste Einsatz von KI bei Tamedia beschäftigt
auch die Kulturjournalistin Nora Zukker. Natürlich seien Programme zur
Transkription von Interviews, für Übersetzungen oder für Recherchen ein
großer Vorteil in den Redaktionen. „Aber wenn ich mit Salman Rushdie ein
Interview führe, braucht es kritische Nachfragen, Einordnung und ein Gespür
für Zwischentöne – das kann keine KI leisten“, sagt Zukker.
Medienvielfalt und Qualität stärken Demokratie
Für Kirchschläger verweist die Kritik an Tamedia auch auf ein strukturelles
Problem: die Finanzierung von Medienvielfalt und Qualitätsjournalismus.
Kritik an Tamedia und weiteren Medien sei legitim, weil der KI-Einsatz aus
ethischer Sicht sehr problematisch sein könne. Gleichzeitig müsse man
erkennen, dass es im Finanzierungsbereich von Medien ein grundsätzliches
Problem gebe.
„Deshalb müssen wir über staatliche Förderung nachdenken – im Bewusstsein,
dass Medienvielfalt und Qualität zu einer funktionierenden Demokratie
beitragen.“ Derzeit, sagt Kirchschläger, habe er allerdings „leider eher
den Eindruck, dass viele Dinge in Bezug auf die Medienlandschaft viel
schneller in Ordnung gebracht werden müssten“.
Neben der Finanzierung braucht es klare Regeln für den Einsatz der
Technologie. Kirchschläger plädiert deshalb für einen sehr zurückhaltenden
Umgang mit KI. Medienhäuser in der Schweiz und in Deutschland gehen damit
sehr unterschiedlich um. Manche würden die Technologie aus rein
ökonomischen Gründen zu unkritisch einsetzen. Dadurch würden
journalistische Standards aufgeweicht oder untergraben und Risiken für die
Demokratie geschaffen. Zudem müsse gewährleistet sein, dass beim Training
weder Persönlichkeits- noch Urheberrechte verletzt werden.
Sinnvoll, sagt Kirschläger weiter, sei der Einsatz von KI dort, wo sie
Menschen deutlich überlegen sei, etwa beim Auswerten riesiger Datenmengen
wie der Epstein-Akten. Medienhäuser sollten an einer
menschenrechtsbasierten Regulierung von KI und an der Schaffung einer
Internationalen Agentur für datenbasierte Systeme (IDA) bei der UNO zur
Durchsetzung der globalen Regulierung mitwirken und selbst davon
profitieren.
Wo hingegen [4][zwischenmenschliche Interaktion, soziale Intelligenz oder
ethische Entscheidungen] gefragt sind, sollten Menschen am Steuer bleiben.
Also im Wesentlichen so, wie Zukker die Technologie einsetzt. Sie plädiert
weiterhin für einen menschengemachten Journalismus, auch im Kulturteil:
Wenn man schon das Glück habe, „in einer funktionierenden Demokratie mit
freien Medien zu leben, haben Journalist:innen den Auftrag, mit
kritischen und starken Texten Orientierung zu bieten“. KI würde ja nur
bestehende Inhalte und Meinungen reproduzieren.
28 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Eine-Zeitung-aus-Italien-veroeffentlicht-seit-2025-KI-generierte-Texte---hier-erklaert-der-Chefredakteur-warum/!6194907
(DIR) [2] https://www.woz.ch/2613/tamedia/95-prozent-von-der-ki/!T659TDVMTEHS
(DIR) [3] /Studie-zu-KI-Quellenauswahl/!6206889
(DIR) [4] /Musikmagazin-Pitchfork-Von-Kaufentscheidung-zur-Ueberlebenshilfe/!6208304
## AUTOREN
(DIR) Rahel Bueb
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(DIR) KI und Journalismus
(DIR) Medienjournalismus
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
(DIR) Intransparenz
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