# taz.de -- Randsportart Tischtennis: Die neue Boll ist die neue Fischer
       
       > Als Freizeitsport wird Tischtennis immer beliebter. Dennoch bleibt die
       > Halle bei den Europameisterschaften in der slowenischen Hauptstadt
       > Ljubljana meist erschreckend leer.
       
 (IMG) Bild: Großer Sport vor leeren Rängen: Anette Kaufmann im EM-Finale von Ljubljana
       
       Ein bisschen habe ich einen Turnierlag. Die Europameisterschaften in
       Ljubljana, die ich bis vorletzten Montag besucht habe, haben geschlaucht.
       Überzeugend waren sie irgendwie auch nicht, nicht einmal sportlich,
       jedenfalls nicht komplett; dafür gab es zu viele Überraschungen einerseits
       und zu viele Enttäuschungen andererseits.
       
       Der Turnierlag lag also nicht nur an dem Schienenersatzverkehr, der mich
       aus der Stadt heraus nach Villach brachte – der Bahnhof von Ljubljana ist
       genauso eine einzige Baustelle wie die gesamte Strecke in den Norden.
       Immerhin, der Bus fuhr direkt und hielt nicht an jeder Milchkanne, wie
       ursprünglich befürchtet. Am Ende war ich sogar pünktlich zurück in Wien.
       
       Was zum Lag beitrug – Lag im Sinne wie in Jetlag, falls Sie sich fragen,
       was genau gemeint ist –, war auch die scheinbare Irrelevanz des
       Wettbewerbs. Ich meine, es war eine EM! Aber die Stadt vibrierte, weil am
       selben Wochenende ein Marathon stattfand – das Tischtennis war spätestens
       egal, als Lokalmatador Darko Jorgić früh im Achtelfinale ausgeschieden war.
       Es fuhr ein Linienbus zur Halle, die natürlich etwas ausgelagert lag, und
       auch der fuhr aufgrund des Marathons nicht regelmäßig. Plakate in der
       Stadt, die Werbung für die Veranstaltung machten? Niente.
       
       Um die Halle herum gab es keine Grundversorgung, die wirklich nicht
       zahlreichen Zuschauer mussten sich mit Chipstüten behelfen. Klar, sagte man
       mir zu Hause und anderswo und auch nicht zum ersten Mal, Tischtennis ist
       eine Randsportart, und zwar eine vom äußersten Rand. Sogar Marathon, puh,
       ist interessanter.
       
       ## Boom und leere Ränge
       
       Stimmt schon, stimmt mich aber nachdenklich. Ist es nicht so, dass diese
       Randsportart boomt, vielleicht (noch) nicht auf Vereinsebene – da geht es
       wirklich noch recht bieder zu, was man bis hin zu den deutschen „Fans“
       merkte, die sich tatsächlich auf den Weg nach Slowenien gemacht hatten.
       Aber es gibt [1][Pop-up-Tischtennnis-Clubs], nicht nur in Berlin, es gibt
       Apps und Reels, und neben diesem modischen Zeugs ist es immer noch so, dass
       viele, viele Leute gerne Tischtennis spielen, und nicht nur, weil es gesund
       ist und beispielsweise bei Autismus oder Parkinson hilft.
       
       Das WTT, die Abteilung des Weltverbands, die sich um die Turniere kümmert,
       ist bestrebt, den Boom international zu verbreiten. Aber Orte wie Ljubljana
       – gut, die EM kam von der ETTU, aber es finden auch „Star Contender“ dort
       statt – schaffen es nicht, Interessierte zu ziehen und mehr Interesse zu
       erzeugen. Führt dazu, dass die SpielerInnen oftmals vor dem eigenen Stab
       spielen und einer Handvoll Medienarbeitenden. Wenigstens die Schweden und
       die Franzosen hatten auch in Ljubljana Schlachtenbummler dabei.
       
       [2][Annett Kaufmann] ist unterdessen natürlich der nächste Schritt
       gelungen, sie wurde in Ljubljana Vizeeuropameisterin und schaffte es in die
       „Tagesschau“ und andere Medienformate (Sportschau-Bericht gab es trotzdem
       nicht). Man kann sagen, Kaufmann ist die neue Boll. Sie ist auch die neue
       Helene Fischer, weil sie aus ihrem russlanddeutschen – genauer:
       kasachstandeutschen – Hintergrund keinen Hehl macht und auch optisch gut
       nach vorne passt, um es einmal so zu sagen. Dazu bringt sie den nötigen,
       nicht falschen, nicht Überdrüber-Ehrgeiz mit.
       
       Der Zirkus übrigens dreht sich weiter, es ist fast so wie beim Fußball
       (auch da sah ich leere Ränge beim Europapokalspiel Monaco gegen Freiburg,
       zum Beispiel): Jetzt kommen die „WTT Champions“ in Montpellier, dann in
       Frankfurt, Bundesliga gibt es auch noch, und leicht zeitversetzt zur EM
       fanden andere Kontinentalmeisterschaften statt. Es muss sich immer was
       drehen, fast egal, ob jemand zuguckt.
       
       ProSieben denkt sich übrigens gerade die [3][„Promi-Tischtennis-WM“] aus.
       Hier gilt dann, dass der Tischtennis-Schläger der neue Wok ist. Ich schaue
       es mir an.
       
       26 Oct 2026
       
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