# taz.de -- Trauer und Entsetzen in Jordanien: Anschlag auf die Oase des Friedens
> Am Freitag haben mutmaßliche Terroristen das Feuer auf Trauernde in einer
> Kirche nahe Karak in Jordanien eröffnet. Acht Menschen verloren ihr
> Leben, Dutzende wurden verletzt.
(IMG) Bild: Sicherheitspersonal vor der grichisch-orthodoxen Kirche im jordanischen Karak
taz | Mehrere Dutzend Männer in Hemd und Anzug unterhalten sich unter einer
Überdachung. Plötzlich bricht Panik aus, die Männer rennen zurück zum
Gebäude, manche werfen sich zu Boden, blicken verängstigt auf den Parkplatz
vor ihnen. Das Video zeigt den Beginn eines tödlichen Angriffs auf
Trauernde in einer ländlichen Kirche im Umland von Karak, Jordanien.
Im selben Moment, festgehalten aus einem anderen Blickwinkel, treten hinter
den Olivenbäumen und der Mauer zwischen Gebäude und Parkplatz drei Männer
hervor, in den Händen halten sie Pistolen und ein Maschinengewehr,
schussbereit, einer trägt einen schwarzen Rucksack auf dem Rücken, ein
anderer die rote jordanische Kufija auf dem Kopf, die Gesichter gut
sichtbar, sie zielen in Richtung des Gebäudes, verstecken sich wieder, dann
rennen sie hin, die Waffen ausgestreckt. Schüsse werden abgefeuert,
mindestens zwei Männer liegen inzwischen am Boden, regungslos. Ein
Angreifer wechselt das Magazin des Gewehrs.
Am Ende der Attacke sind acht Menschen tot, etwa 40 liegen verletzt in den
Krankenhäusern von Karak. Die Täter sind auf der Flucht, das Land in
Alarmbereitschaft. Kommunikationsminister Mohammad Momani sagt auf einer
Pressekonferenz, der Angriff sei von einer Takfiri-Ideologie geleitet
worden, ein arabisches Wort, das man mit radikalem Islamismus und dem
Denunzieren von „Ungläubigen“ in Verbindung bringt.
„Jeder Angriff auf einen Jordanier, unabhängig von Religion oder
Weltanschauung, ist ein Angriff auf die jordanische Gesellschaft als
Ganzes“, so der Minister. König Abdullah II. besucht in militärischer
Camouflage die Überlebenden und verspricht „härteste Vergeltung“.
Premierminister Jafar Hassan kündigt eine umfassende Sicherheitsreaktion
sowie strenge rechtliche Maßnahmen gegen Extremismus an.
Doch der Schaden ist angerichtet. [1][Jordanien gilt als Friedensoase
inmitten eines Feuerrings]; zumindest verglichen mit den Nachbarländern
Syrien, Israel, Palästina, Saudi-Arabien und Irak war die Lage im
haschemitischen Königreich bislang ruhig. NGOs aus aller Welt haben hier
ihre regionalen Hauptbüros. Das Land gilt als Verbündeter des Westens. Nach
der Tat hat nun die US-Botschaft eine Sicherheitswarnung herausgegeben.
In den letzten Jahren haben die vielen regionalen Kriege und die
Einschnitte bei den Hilfsgeldern die heimische Wirtschaft bereits
gebeutelt, Touristenzahlen sinken lassen und die Arbeitslosigkeit befeuert.
Militante Gruppen in den Nachbarländern versuchen seit dem Krieg in Gaza
immer mal wieder, die Bevölkerung gegen die Führungselite aufzuhetzen,
wegen ihrer Abkommen mit Israel und der Nähe zu den USA. Doch arabische
Christ:innen leben hier seit der Zeit Jesu. Zwar stehen vor den Kirchen
an Weihnachten stets Polizeiwagen parat, ein Angriff mit Toten hatte es
jedoch noch nie gegeben. Bis jetzt.
Der jordanische Politikexperte Amer al-Sabaileh findet, es sei klar, dass
dies ein gut geplanter Anschlag war. Überrascht sei der Experte nicht.
„Nach Jahren der Vernachlässigung dieser Gegend, die den Salafisten
überlassen wurde, kann man von dieser bitteren Realität nicht überrascht
sein“, kritisiert er.
Die Provinz Karak ist ein ländliches, von Stämmen geprägtes Gebiet, etwas
abgeschottet von den größeren Zentren des Landes. 2016 hatte es bereits
einen Anschlag gegeben, der auf IS-Zellen zurückging, allerdings traf er
eher Sicherheitskräfte und einige Tourist:innen.
Der abgelegene Ort habe es den Angreifern erlaubt, sich ungehindert zu
bewegen – und gleichzeitig die Aufmerksamkeit zu erzielen, die sie bekommen
wollten, sagt al-Sabaileh. Online mehren sich die Posts zur Tat. Inzwischen
hat die Regierung offenbar eine Nachrichtensperre verhängt, lediglich
offizielle Medien dürfen berichten. Auf Anfrage reagierten die Behörden
jedoch nicht. Die Anspannung ist im ganzen Land hoch. Selbst in der
Hauptstadt Amman stehen am Freitagabend Polizeifahrzeuge mit Blaulicht vor
den vielen Kirchen. Im Touristenviertel Jabal Amman winkt ein Polizist
höflich, aber resolut ab, nicht mal Journalist:innen dürfen Bilder
schießen.
Im wohlhabenden Swefieh haben sich vor der griechisch-orthodoxen Kirche
christliche Vertreter:innen, Stammesoberhäupter und mehrere Dutzend
Menschen versammelt. Einige halten flackernde Kerzen in der Hand, so wie
eine Frau in weißer Jacke und Rock. Sie heißt Hind Hamed und ist eine
bekannte Sängerin und Schauspielerin in Jordanien. „Ich bin Muslimin und
bin hier mit meiner christlichen Freundin“, sagt sie und deutet auf die
Frau in Jeans neben ihr. „Es war fürchterlich, als wir davon erfahren
haben. Wir sind wie eine einzige Familie hier.“
Von besonderen Problemen oder Anfeindungen in der Gemeinschaft wüssten sie
nichts, so die beiden. Vor allem in Karak habe die Solidarität zwischen
Muslim:innen und Christ:innen historische Wurzeln. Der Präsident des
Orthodoxen Vereins, Bassem Farraj, sagt dazu: „Es ist ein dunkler Tag für
Jordanien.“
24 Oct 2026
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(DIR) Serena Bilanceri
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