# taz.de -- Argentinien und das EU-Mercosur-Abkommen: Wie viel ist Europa der Umweltschutz wert?
       
       > Brüssel ist in einem rhetorischen Labyrinth gefangen: Während die EU sich
       > mit grünen Reden schmückt, drückt sie bei „Kettensäge“ Javier Milei ein
       > Auge zu.
       
 (IMG) Bild: Protest gegen die Reform des Gletschergesetzes vor dem Kongressgebäude in Buenos Aires
       
       Am 26. Februar, als die ersten Sonnenstrahlen direkt auf die Kuppel des
       Kongresses trafen, umgingen ein Dutzend Männer und Frauen die
       Sicherheitsvorkehrungen des Ortes und kletterten über die Gitter, die den
       Palast von der Straße trennen. Zu dieser Stunde waren es in Buenos Aires
       bereits 25 Grad, eine ungewöhnliche – wenn auch zunehmend weniger seltene –
       Hitze für einen Sommer, dem nur noch die letzten Wochen blieben.
       
       Nachdem sie sich Zutritt verschafft hatten, zogen die Besucher ihre Hosen
       herunter und setzten sich auf Toilettenattrappen mit einem an die
       Abgeordneten gerichteten Schild „Scheißt nicht auf die Gletscher“. Im
       Inneren des Gebäudes wurde der Sitzungssaal für die Abstimmung über die
       Reform der Schutzregelung für Gletscher in Argentinien vorbereitet, eine
       von zahlreichen Deregulierungsmaßnahmen des „Kettensägen“-Plans.
       
       [1][Die Szene] ereignete sich in Buenos Aires, doch die Diskussion endete
       nicht auf den Treppen des Kongresses. Über 11.000 Kilometer entfernt in
       Brüssel versucht die Europäische Union, ihre Umweltstandards zu einem immer
       wichtigeren Bestandteil ihrer Handelspolitik zu machen. Das Problem besteht
       darin, dass einer ihrer neuen Handelspartner, [2][das Argentinien von
       Javier Milei], das Gegenteil tut und einige der Vorschriften, die die
       Umweltschutzpolitik des Landes über Jahre hinweg geprägt haben, überprüft,
       lockert oder direkt abschafft.
       
       ## Protest wird kriminalisiert
       
       Diese Spannung erhält seit dem 1. Mai, als die Handelsbestimmungen des
       Abkommens in Kraft traten, eine besondere Dimension. Tage zuvor hatte der
       argentinische Kongress die Reform des Gletschergesetzes verabschiedet, und
       fast sechs Monate später wurden die Aktivisten – Mitglieder der
       Organisation Greenpeace – von der Justiz nicht freigesprochen, und es wurde
       eine Vermögensbeschlagnahme angeordnet. „Unsere Tätigkeit sollte keine
       Straftat darstellen“, sagt die Aktivistin Cynthia Moreno Gallo. „Wir haben
       niemanden angegriffen, die Einrichtungen nicht beschädigt und niemandem
       wehgetan.“
       
       Die Diskussion ist für ein Land, das Investitionen in den [3][Lithium- und
       Kupfersektor] anziehen möchte, nicht unerheblich. Beide Mineralien nehmen
       in den internationalen Strategien für die Energiewende einen zentralen
       Platz ein und sind zugleich Rohstoffe, deren Abbau in Gebieten stattfindet,
       in denen Wasser einen der wichtigsten Konfliktpunkte im Bereich des
       Umweltschutzes darstellt.
       
       Für die EU sind Umweltanforderungen ein zentraler Bestandteil ihrer
       Handelspolitik. Die Verordnung gegen Entwaldung und der
       CO₂-Grenzausgleichsmechanismus sollen verhindern, dass Importe ihren
       Klimaverpflichtungen zuwiderlaufen.
       
       Der Rückschritt Argentiniens betrifft auch die Fähigkeit des Staates,
       Umweltmaßnahmen aufrechtzuerhalten. Der Haushaltsentwurf für 2027 sieht für
       das Umweltsekretariat einen realen Rückgang von 10,84 Prozent gegenüber
       2026 und von 84,3 Prozent gegenüber 2023 vor. Beschäftigte des Nationalen
       Instituts für Agrartechnologie (INTA) und des Nationalen Wetterdienstes
       prangerten ebenfalls Einschränkungen bei der öffentlichen Verwendung des
       Ausdrucks „Klimawandel“ an.
       
       ## Pariser Abkommen und Waldbrandmanagement
       
       Argentinien ist ein langes, sehr langes Land. Südlich des Chaco-Gebiets
       liegt die Stadt Buenos Aires und noch weiter südlich der patagonische Wald.
       Wenn Hernán Ñanco einen Arbeitstag beginnt, weiß er nicht immer, welchen
       Brand er bekämpfen wird. Aber er ist sich sicher, dass zunächst überprüft
       werden muss, welche Fahrzeuge einsatzbereit sind und ob genügend Ausrüstung
       für alle seine Kollegen vorhanden ist. Kutral, nennen ihn seine Freunde.
       Das heißt „Feuer“ in der Mapuche-Sprache. Er ist 28 Jahre alt und bekämpft
       seit einem Jahrzehnt [4][Waldbrände].
       
       In Argentinien haben sich seine Arbeitsbedingungen in letzter Zeit
       verschlechtert. Im Jahr 2025 löste die Regierung den Nationalen Fonds für
       Waldbrandmanagement durch das Dekret 463/2025 auf. Der Fonds gewährleistete
       eine gezielte Finanzierung zur Vorbeugung und Bekämpfung von Bränden, die
       durch Beiträge aus dem Versicherungssektor aufgebracht wurde. „Wenn ein
       junger Mann sein Hemd flicken oder seine Hose nähen muss, während er sich
       mitten in der Feuerfront befindet, gibt es Probleme“, so Ñanco.
       
       Das [5][Mercosur-EU-Abkommen] beschränkt sich nicht auf die Senkung von
       Zöllen. Es enthält darüber hinaus ausdrückliche Umwelt-Grundsätze. Einige
       davon verbieten es, Standards zu senken, um Investitionen anzuziehen oder
       Produktionskosten zu reduzieren.
       
       Die Äußerungen von Javier Milei gegen die internationale Klimaschutzagenda
       und seine Drohung, Argentinien aus dem Pariser Abkommen zurückzuziehen,
       lösten interne Diskussionen in Brüssel aus. Auf Anfrage der taz räumten
       europäische Beamte ein, dass verschiedene Regierungen ihre Besorgnis zum
       Ausdruck gebracht hätten. Sie betonten jedoch, dass Argentinien weiterhin
       dem Pariser Abkommen angehöre und dass diese Mitgliedschaft die rechtliche
       Verpflichtung aufrechterhalte.
       
       ## Klimaverpflichtungen versus strategische Interessen
       
       Für die EU bleiben die internationalen Verpflichtungen in Kraft, solange
       Argentinien dem Pariser Abkommen angehört, unabhängig von den Äußerungen
       seiner Regierung. Was die innenpolitischen Umweltmaßnahmen betrifft,
       bestehen die Europäer darauf, dass sie nicht eingreifen können. Die Frage,
       die sich niemand zu beantworten traut – weder unter vier Augen noch
       öffentlich –, lautet: Ist Europa bereit, angesichts der Rückschritte beim
       Umweltschutz in Argentinien ein Auge zuzudrücken?
       
       Frankreich, das dem Abkommen traditionell zurückhaltend gegenübersteht,
       findet in Mileis Politik Argumente, um Schutzklauseln zu fordern und seine
       Landwirte zu schützen. Deutschland und der industrielle Flügel Europas
       hingegen drängen auf eine beschleunigte Umsetzung, um strategische
       Rohstoffe und neue Märkte zu sichern.
       
       Das Dilemma ist damit besiegelt. Ein Nachgeben gegenüber dem
       Handelspragmatismus würde die Glaubwürdigkeit der EU als Umweltmacht
       untergraben. Ein Stopp des Abkommens, über das ein Vierteljahrhundert lang
       verhandelt wurde, hätte ebenfalls politische Kosten. Die Zukunft des
       Vertrags wird zeigen, ob in Brüssel die Beständigkeit seiner
       Klimaverpflichtungen schwerer wiegt oder das strategische Interesse daran,
       den Handel mit Lateinamerika angesichts des Vormarsches Chinas zu
       vertiefen.
       
       [6][Cecilia Camarano] ist eine argentinische Journalistin. Sie arbeitet für
       die Tageszeitung [7][Ámbito Financiero] als politische Redakteurin.
       
       Aus dem Spanischen von Niklas Franzen
       
       5 Nov 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [6] https://www.ambito.com/perfil/714629-cecilia-camarano
 (DIR) [7] https://www.ambito.com/
       
       ## AUTOREN
       
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