# taz.de -- Rohstoffboom in Brasilien: Ein Dorf wehrt sich
> Im brasilianischen Bundesstaat Bahia haben Anwohner ein Gesetz gegen
> Bergbau durchgesetzt. Dennoch gehen die Erkundungsarbeiten weiter.
(IMG) Bild: In Itarantim ist der Widerstand der Anwohner:innen gegen den Abbau kritischer Mineralien und seltener Erden groß
Zunächst tauchten plötzlich Fremde in der Gegend auf. Sie kamen mit dem
Auto, hielten mitten auf der Straße und sammelten Sand ein. Später begannen
sie, Grundstücke zu betreten und Markierungen auf dem Gelände anzubringen.
Schließlich sprachen die Bewohner*innen der ländlichen Gebiete von
Itarantim, einer Stadt im Südwesten des brasilianischen Bundesstaates
Bahia, die Unbekannten direkt an. Diese wollten Bohrungen auf ihren
Grundstücken durchführen und boten dafür etwas Geld und zahlreiche
Versprechungen.
„Sie erweckten den Eindruck, als hätten sie etwas so Wertvolles wie Erdöl
gefunden“, erzählt der 43-jährige Juliano Coelho, Bewohner und Vorsitzender
der Gemeindevertretung von Corgão in Itarantim.
Die Fremden waren gekommen, um nach jenen Rohstoffen zu suchen, die derzeit
als neuer Reichtum der Welt gehandelt werden: [1][kritische Mineralien und
Seltene Erden]. Als die Bewohner*innen verstanden, worum es ging,
beschlossen sie, sich gegen die Erkundungsarbeiten in ihrer Region zu
organisieren.
Gemeinsam erarbeiteten sie ein Gesetzesvorhaben und setzten dessen
Verabschiedung durch. Es verbietet sämtliche Erkundungs- und
Bergbauaktivitäten auf ihrem Territorium. Angesichts der zunehmenden
Spekulation mit Rohstoffvorkommen in Brasilien, das nach China über die
[2][zweitgrößten Reserven] an Seltenen Erden weltweit verfügt, kämpfen die
Menschen in Itarantim nun darum, dass ihr Gesetz auch tatsächlich
eingehalten wird.
## Ein Jahr Widerstand
Das im August 2025 vom Stadtrat einstimmig verabschiedete und nur zehn Tage
später von der Stadtverwaltung unterzeichnete Gesetz stellt die sechs
Gebirgszüge der Gemeinde unter Schutz. Sie gelten fortan als Natur-,
Landschafts- und touristisches Erbe und sind vor Aktivitäten mit hohen
Umweltauswirkungen wie dem Bergbau geschützt.
In Brasilien können Bürger*innen einer Gemeinde selbst einen
Gesetzesvorschlag in den Stadtrat einbringen, ohne dafür auf die
Unterstützung eines Abgeordneten angewiesen zu sein. Dieses in der
Verfassung verankerte Recht setzt allerdings voraus, dass mindestens fünf
Prozent der Wahlberechtigten der Gemeinde den Vorschlag unterstützen.
Als Bewohner der Gemeinde Água Vermelha bemerkten, dass Fremde für
Bergbauprojekte ihr Land betraten, begann im August 2024 eine breite
Mobilisierung für das spätere Gesetz. Die Menschen errichteten eine
Protestblockade, um von dem Erkundungsunternehmen Cacto Consultoria
Erklärungen zu den geplanten Arbeiten zu verlangen. Die Aktion endete
damit, dass die Mitarbeiter des Unternehmens das Gebiet verlassen mussten.
Daraufhin formierte sich Widerstand unter Kleinbauern und -bäuerinnen,
ländlichen Vereinigungen, Lehrkräften und religiösen Gemeinden gegen die
[3][Erkundung des Schwermetalls Niob] und Seltener Erden.
Bewohner*innen aus Stadt und Land schlossen sich zusammen und gründeten
eine Bürgerkommission für Umweltfragen. Sie sammelten schnell die nötigen
Unterschriften, organisierten Aufklärungsveranstaltungen sowie zwei
Demonstrationen.
## Schlüsselrolle für Brasilien
Die Nachfrage nach Rohstoffen für die Energiewende und Digitalisierung hat
Brasilien in eine [4][strategisch wichtige Position] im globalen Wettlauf
um Bodenschätze gebracht. Die Vorkommen an Niob, Naturgraphit, Nickel und
Seltenen Erden sowie das Potenzial zur Förderung von Kupfer, Lithium und
Silizium könnten dazu beitragen, die Abhängigkeit der USA und der
Europäischen Union vom chinesischen Rohstoffmarkt zu verringern.
Brasilien fördert beispielsweise mehr als 90 Prozent des weltweit
produzierten Niobs. Das Mineral ist auch einer der Gründe für die
Erkundungsarbeiten in Itarantim. Zugleich ist das Land bereits ein
bedeutender Rohstofflieferant für ausländische Märkte. [5][Eine Studie] der
brasilianischen Agentur für Exportförderung und Investitionen (ApexBrasil)
zeigt, dass die Europäische Union 2025 insgesamt 37,6 Prozent der
brasilianischen Exporte von neun kritischen Rohstoffen abnahm: Kupfer,
Niob, Silizium, Nickel, Lithium, Graphit, Seltene Erden, Phosphat und
Kalium.
Laut der Studie könnten europäische Regulierungsrahmen und spezielle
Förderprogramme wie der Critical Raw Materials Act (CRMA), die
Global-Gateway-Initiative und die European Raw Materials Alliance (ERMA)
Brasilien zu einem wichtigen Partner bei der Diversifizierung europäischer
Rohstofflieferanten machen. Ein formelles Abkommen über die
Rohstoffversorgung wie mit anderen lateinamerikanischen Ländern gibt es
zwar nicht. Die EU spricht jedoch von einer bereits etablierten
Zusammenarbeit mit Brasilien in diesem Bereich.
Die internationale Nachfrage schlägt sich unmittelbar in den
Erkundungsaktivitäten vor Ort nieder. Ziel ist es, die Förderkapazitäten
auszuweiten. Nach Angaben der brasilianischen Bergbaubehörde ANM verfügt
Itarantim über 158 erteilte Genehmigungen zur mineralischen Erkundung. 44
davon betreffen Niob und Seltene Erden.
## Vertiefung historischer Konflikte
Itarantim liegt in Bahia, einem der brasilianischen Bundesstaaten, die im
Zentrum des Wettlaufs um Seltene Erden und kritische Rohstoffe stehen. Bis
Juli 2026 entfielen 37 Prozent der mehr als 2.700 Bergbauverfahren zu
Seltenen Erden in Brasilien auf Bahia.
„Die Anträge auf Flächen für die mineralische Erkundung und den Abbau
überschneiden sich in weiten Teilen mit den Gebieten indigener und
traditioneller Gemeinschaften“, erklärt Valdirene Rocha, Professorin am
Bundesinstitut für Bildung, Wissenschaft und Technologie von Bahia. Ihr
zufolge verschärft der Wettlauf um Rohstoffe die historischen
sozialökologischen Konflikte in der Region. „Diesen Projekten liegt eine
kapitalistische Logik zugrunde, die auf Profit ausgerichtet ist“, meint
Rocha. „Sie stehen im Widerspruch zu den Formen des Zusammenlebens mit den
Territorien, für die die Menschen lange gekämpft haben.“
Wie schwierig die Durchsetzung des Gesetzes ist, zeigt sich daran, dass die
Erkundungsarbeiten in Itarantim trotz seiner Verabschiedung und seines
Inkrafttretens weitergehen. Die Stadtverwaltung hätte innerhalb eines
Jahres einen Bewirtschaftungsplan für das geschützte Gebiet vorlegen
müssen. Das sei jedoch bis heute nicht geschehen, kritisiert Mateus Britto
vom Zentrum für Studien und soziales Handeln (Ceas).
## Keine Lösung in Sicht
Auch die mineralische Erkundung geht weiter. Im April 2026 mobilisierte die
Gemeinde erneut, um die Aktivitäten der Cacto Consultoria zu stoppen. Die
Bewohner werfen dem Unternehmen vor, Straßen anzulegen und Wasserläufe zu
verändern.
Das Unternehmen soll von einigen örtlichen Großgrundbesitzern die Erlaubnis
erhalten haben, seine Arbeiten fortzusetzen. Diese Zustimmung nutzte es
nach Darstellung der Bewohner*innen als Rechtfertigung für seine
Aktivitäten. Zivilgesellschaftliche Organisationen reichten daraufhin eine
Beschwerde bei der Staatsanwaltschaft des Bundesstaates Bahia ein. Weder
die Staatsanwaltschaft noch die Stadtverwaltung beantworteten eine Anfrage
der taz.
Cacto Consultoria bestätigte hingegen, weiterhin technische Feldarbeiten
und hydrogeologische Untersuchung durchzuführen. „Der Streit über die
kommunalen Einschränkungen wurde den Gerichten vorgelegt“, erklärte das
Unternehmen in einer Stellungnahme. Ein Gericht habe daraufhin eine
einstweilige Verfügung zugunsten des Unternehmens erlassen. Diese erlaube
allerdings weder den kommerziellen Abbau noch die Aufbereitung von
Mineralien.
[6][Alice de Souza] ist eine Umweltjournalistin aus Brasilien. Sie arbeitet
unter anderem für [7][The Intercept Brasil].
Aus dem Portugiesischen von Niklas Franzen
4 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Sicherung-von-kritischen-Rohstoffen/!5969657
(DIR) [2] https://www.dw.com/en/brazil-is-set-to-cut-into-chinas-rare-earths-dominance/a-77344696
(DIR) [3] https://www.deutschlandfunkkultur.de/brasiliens-schatz-der-run-auf-niob-100.html
(DIR) [4] https://www.cfr.org/articles/mines-to-markets-a-critical-minerals-strategy-for-the-western-hemisphere
(DIR) [5] https://www.infomoney.com.br/economia/brasil-movimentou-us-114-bilhoes-com-exportacoes-de-minerais-criticos-em-2025/?utm_source=chatgpt.com
(DIR) [6] https://www.intercept.com.br/equipe/alice-souza/
(DIR) [7] https://www.intercept.com.br/
## AUTOREN
(DIR) Alice de Souza
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(DIR) Brasilien
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