# taz.de -- Unterdrückung von Medien in Venezuela: Geldstrafen, Verhaftungen, Schließungen
> Um die Demokratie in Venezuela wiederherzustellen, braucht es Meinungs-
> und Pressefreiheit. Doch noch gelten dort restriktive Gesetze.
(IMG) Bild: Ein verletzter Journalist wird bei einer Demo gegen die venezolanische Regierung weggetragen
Stellen Sie sich vor, Sie könnten weder aus den Medien noch aus den
sozialen Netzwerken erfahren, dass die rechtsextreme Partei AfD nach den
Wahlen im September in Sachsen-Anhalt zum ersten Mal den Vorsitz in einem
deutschen Landtag übernommen hat. Oder dass Polizei oder Militär Sie auf
der Straße festnimmt, nur weil Sie die Unpünktlichkeit der Bahn
kritisieren. Oder dass Sie des Terrorismus bezichtigt werden, weil Sie an
Massendemonstrationen zur Verteidigung demokratischer Werte teilgenommen
haben.
Versetzen Sie sich nun in die Lage einer Journalistin, welcher der Zutritt
zu Regierungspressekonferenzen regelmäßig verwehrt wird und die von Beamten
statt Informationen von öffentlichem Interesse nur die Tür vor der Nase
zugeschlagen bekommt.
Eine Reporterin, die im schlimmsten Fall wegen „Anstiftung zum Hass“
kriminalisiert und vor Gericht gestellt wird und allein wegen der Ausübung
ihres Berufs mit Freiheitsstrafen von maximal 20 Jahren rechnen muss –
während das Medium, für das sie arbeitet, mit Geldstrafen belegt oder sein
Erscheinen untersagt wird, weil es Inhalte verbreitet, die als Verstoß
gegen ein Gesetz angesehen werden, das angeblich für „friedliches
Zusammenleben und Toleranz“ erlassen wurde.
Und obwohl die [1][Pressefreiheit auch in Europa zunehmend unter Druck
gerät] und dort inzwischen [2][weniger Menschen dem öffentlichen Rundfunk
und vermeintlichen „Mainstreammedien“ vertrauen], dürfte ein solches
Szenario für europäische Bürger:innen kaum vorstellbar sein. Dort ist
die Meinungsfreiheit als Säule der Demokratie ausdrücklich durch die Charta
der Grundrechte der Europäischen Union geschützt. In Deutschland gilt sie
als unverzichtbare Grundlage der politischen Debatte – und ihr
„demokratiekonstitutiver Charakter“ wurde vom Bundesverfassungsgericht
ausdrücklich bestätigt.
## Repressionen gegen mehr als 400 Medien
Europäer:innen mögen die oben beschriebenen Umstände in Venezuela
übertrieben erscheinen. Doch sie sind Realität in einem Land, das drei
Jahrzehnte lang unter den Regierungen von Hugo Chávez (1999–2013) und
Nicolás Maduro (2013–2026) den Verfall demokratischer Freiheiten erleben
musste. Diese wurden schließlich in einem diktatorischen Apparat aus
Unterdrückung bürgerlicher und politischer Rechte, Machtkonzentration,
Verfolgung der Opposition sowie polizeilicher und militärischer Repression
erstickt.
Die ernüchternde Bilanz der Meinungs- und Pressefreiheit im letzten
Vierteljahrhundert in Venezuela sieht so aus: Mehr als 400 Medien, darunter
Radio- und Fernsehsender, Printmedien und Onlineportale, wurden
[3][geschlossen, beschlagnahmt oder zur Einstellung ihres Betriebs
gezwungen]. Bis September 2026 blieben allein bei einem der zwei großen
Internetanbieter fast 150 Domains gesperrt, von denen mehr als die Hälfte
unabhängigen Medien sowie nationalen wie internationalen
Nachrichtenportalen gehören. All diese Zahlen wurden von lokalen
Organisationen akribisch dokumentiert.
Zwischen 2020 und 2024 wurden mehr als 20 Reporter- und Fotograf:innen
unter dem Vorwurf des Terrorismus und der Bildung krimineller Vereinigungen
inhaftiert. Rechtsgrundlage dafür ist das „Verfassungsgesetz gegen Hass,
für friedliches Zusammenleben und Toleranz“. Es wurde 2017 als Instrument
zur Kriminalisierung des Journalistenberufs und zur Förderung einer der
schädlichsten Formen sozialer Kontrolle – der Zensur – erlassen und trieb
viele venezolanische Journalist:innen ins Exil.
## Restriktives „Anti-Hass“-Gesetz gilt bis heute
Während in Europa Zensur ausdrücklich verboten ist, wird sie in Venezuela
durch digitale Sperren, Geldstrafen und behördliche Schließungen
praktiziert. Zwar erkennt die Verfassung von 1999 die Meinungsfreiheit als
Recht an, doch wurde sie Konzepten wie der „Stabilität des Staates“, dem
„sozialen Frieden“ und der „kommunikativen Hegemonie“ untergeordnet.
In der Logik des Chavismus ist ein Journalist kein Hüter einer
pluralistischen Demokratie, der rechtlichen Schutz genießt, wie dies in der
Europäischen Union der Fall ist, sondern ein der Regierung untergeordneter
Akteur.
Wie es nun unter Interimspräsidentin Delcy Rodríguez weitergeht, muss sich
noch zeigen. Das restriktive „Anti-Hass“-Gesetz von 2017 ist bis heute in
Kraft. [4][Laut Digitalrechte-Organisation VE Sin Filtro] wurden Mitte
September immerhin 17 Nachrichten-Webseiten und Medien entsperrt, die zuvor
jahrelang zensiert worden waren. Doch viele andere werden noch blockiert –
188 Websites sollen weiterhin nicht erreichbar sein, darunter 79
Nachrichtenportale.
Es bleibt abzuwarten, ob die derzeitige Phase politischer und
wirtschaftlicher Veränderungen, die durch die Entführung Maduros am 3.
Januar 2026 in die USA ausgelöst wurde, zu einem Übergang in eine echte
Demokratie führen kann. Venezuela könnte sich dafür an den Grundsätzen
Europas zur Meinungsfreiheit orientieren – statt sich weiter von den USA
bevormunden zu lassen. Deren Präsident Donald Trump hat bekanntermaßen auch
ein schwieriges Verhältnis zur freien Presse.
[5][Lisseth Boon Bartolozzi] ist eine Investigativjournalistin aus
Venezuela. Sie ist u. a. für die unabhängige Medienplatform
[6][Armando.Info] tätig.
Übersetzt aus dem Spanischen von Ole Schulz
1 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Pressefreiheit-in-Europa/!6224852
(DIR) [2] /Autorin-zu-Vertrauensverlust-in-Medien/!6117949
(DIR) [3] /Refugium-Auszeit-Stipendium-2025/!6106776
(DIR) [4] https://www.dw.com/en/venezuela-unblocks-some-news-websites-censored-for-years/a-79319441
(DIR) [5] https://armando.info/author/lisseth-boon/
(DIR) [6] https://armando.info/
## AUTOREN
(DIR) Lisseth Boon Bartolozzi
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