# taz.de -- Schwarze in Brasiliens Industrie: Wer profitiert von Brasiliens Reindustralisierung?
       
       > Brasiliens Wirtschaft verspricht neue Arbeitsplätze. Damit Schwarze
       > Menschen davon etwas haben, braucht es gezielte Maßnahmen gegen
       > Rassismus.
       
 (IMG) Bild: Undatierte Aufnahme aus dem Clube Palmares in der Stadt Volta Redonda im Bundesstaat Rio de Janeiro
       
       „Die Stärkung Schwarzer Menschen und der afrobrasilianischen Kultur“: Dafür
       setzt sich der [1][Clube Palmares] ein. Der 1965 gegründete Sozialclub
       richtet sich an Schwarze Menschen und entstand ursprünglich für
       Beschäftigte des Stahlkonzerns Companhia Siderúrgica Nacional (CSN) in
       Volta Redonda im Bundesstaat Rio de Janeiro.
       
       Europa ist der wichtigste Exportmarkt für die CSN. Im Jahr 2024 exportierte
       der brasilianische Konzern Stahlprodukte im Wert von umgerechnet rund 750
       Millionen Euro auf den europäischen Markt. Darüber hinaus betreibt das
       Unternehmen in Deutschland ein Stahlwerk in Thüringen.
       
       Bei seiner Gründung sollte der Clube Palmares Schwarzen Arbeitern einen Ort
       der Begegnung und des sozialen Austauschs bieten. Denn obwohl sie im
       größten Stahlunternehmens Brasiliens beschäftigt waren, blieb ihnen häufig
       der Zugang zu anderen Vereinen verwehrt. Schwarze Arbeiter in Brasilien
       mussten sich historisch mit weniger angesehenen und gefährlicheren
       Tätigkeiten zufriedengeben.
       
       Die Geschichte des Clube Palmares steht exemplarisch für die industrielle
       Entwicklung Brasiliens im 20. Jahrhundert, von der die Schwarze Bevölkerung
       in weiten Teilen ausgeschlossen blieb. Darauf weist der Historiker
       [2][Leonardo Ângelo Silva] hin, der sich mit der Geschichte Schwarzer
       Brasilianer:innen in der Industrie beschäftigt. „Der Club besteht
       mehrheitlich aus Beschäftigten der CSN, die für ihre Rechte kämpfen und
       sich gleichzeitig mit dem Bewusstsein für ihre rassistische Diskriminierung
       auseinandersetzen.“
       
       ## Starker Staat, starke Wirtschaft
       
       In Brasilien gewinnt derzeit die Forderung nach einer Reindustrialisierung
       als Strategie für wirtschaftliche Entwicklung an Bedeutung. Auch innerhalb
       der Schwarzen Bewegung findet sie Unterstützung. Vertreter:innen
       kritisieren die zunehmende Prekarisierung der Arbeit, deren Folgen die
       Schwarze Bevölkerung besonders stark treffen.
       
       Nach Jahrzehnten des Wachstums hat die Industrie in Brasilien deutlich an
       wirtschaftlicher Bedeutung verloren. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt
       (BIP) sank von 48 Prozent im Jahr 1985 auf 23,4 Prozent im Jahr 2025. Das
       geht aus Daten des brasilianischen [3][Industrieverbands Confederação
       Nacional da Indústria (CNI)] hervor.
       
       Um diesem Rückgang entgegenzuwirken, hat die Regierung des [4][amtierenden
       Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva] ein Förderprogramm zur Stärkung der
       Industrie aufgelegt. Zu den Maßnahmen zur wirtschaftlichen Belebung zählen
       die Erschließung internationaler Märkte und Handelsabkommen, darunter das
       Abkommen zwischen der Europäischen Union und dem Mercosur.
       
       Fachleute, die sich mit Rassismus, Industrialisierung und Brasiliens
       wirtschaftlicher Entwicklung befassen, warnen jedoch davor, nicht die
       Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Eine erfolgreiche
       Reindustrialisierung müsse gezielte Maßnahmen zur gesellschaftlichen und
       wirtschaftlichen Teilhabe der Schwarzen Bevölkerung umfassen.
       
       ## Ausschluss Schwarzer Menschen
       
       Zu ihnen gehört der Ökonom [5][Hélio Santos, Vordenker der brasilianischen
       Schwarzenbewegung]. Er erinnert daran, dass die Industrialisierung zwischen
       den 1930er- und den 1980er-Jahren Brasilien zu einer der acht größten
       Volkswirtschaften der Welt machte, während Schwarze Menschen von diesem
       Aufstieg weitgehend ausgeschlossen blieben.
       
       „Früher hieß es, Schwarze Menschen könnten nicht in der Industrie arbeiten,
       weil sie dafür nicht ausreichend qualifiziert seien.“ Heute stellen
       Schwarze Brasilianer:innen 50,3 Prozent der Studierenden an den
       Hochschulen. Santos plädiert für gezielte politische Maßnahmen, denn die
       Unternehmen würden Reformen nicht von allein umsetzen. Dazu könnten
       öffentliche Förderprogramme und Finanzierungen zählen, die an entsprechende
       Bedingungen geknüpft werden. „Alle Projekte zur Reindustrialisierung müssen
       die Fragen von Rassismus berücksichtigen“, fordert Santos.
       
       Für den Experten besteht ohne solche Maßnahmen die Gefahr, dass Brasilien
       erneut ein Entwicklungsmodell verfolgt, das Teile der Bevölkerung
       ausschließt. „Es muss klar sein: Wir brauchen gute Arbeitsplätze, bessere
       Beschäftigungsmöglichkeiten und wirtschaftliche Entwicklung, aber all das
       muss mit Gleichstellung einhergehen.“
       
       ## Industrie dezentralisieren, Rassismus bekämpfen
       
       Ana Georgina da Silva Dias, Referentin der gewerkschaftsnahen Forschungs-
       und Statistikorganisation Dieese im Bundesstaat Bahia, sieht auch in der
       geografischen Konzentration der brasilianischen Industrie einen Faktor, der
       die rassistischen Ungleichheiten verstärkt. „Das durch die Sklaverei
       erwirtschaftete Vermögen stellte letztlich die finanziellen Mittel für die
       Industrialisierung des Landes bereit“, erinnert sie. Diese Entwicklung habe
       sich jedoch auf wenige Regionen, vor allem im Süden und Südosten,
       konzentriert. „Die Struktur unserer Industrie weist rassistische Züge auf.“
       
       Nach Angaben des brasilianischen Industrieverbands CNI entfallen immer noch
       nahezu 70 Prozent der industriellen Produktion des Landes auf die südlichen
       und südöstlichen Regionen. Gleichzeitig leben dort [6][laut dem
       brasilianischen Statistikamt Instituto Brasileiro de Geografia e
       Estatística (IBGE)] anteilig mehr Weiße als in anderen Landesteilen.
       
       Dias betont, dass die Industrie weitreichende Wertschöpfungsketten schafft
       und damit auch zur Verringerung rassistischer Ungleichheiten beitragen
       kann. Die industrielle Entwicklung biete die Möglichkeit, bessere
       Arbeitsplätze und höhere Einkommen zu schaffen. „Damit sie bestehende
       Ungleichheiten und damit auch Rassismus nicht weiter verfestigt, muss die
       Industrie dezentralisiert werden.“
       
       [7][Solon Neto] ist ein brasilianischer Journalist. Er ist für die
       antirassistische Medienplattform [8][Alma Preta] tätig.
       
       Aus dem Portugiesischem von Niklas Franzen
       
       2 Nov 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.clubepalmares.org.br/
 (DIR) [2] https://www.escavador.com/sobre/7049378/leonardo-angelo-da-silva
 (DIR) [3] https://cni.portaldaindustria.com.br/home
 (DIR) [4] /Jubel-nach-Lulas-Sieg/!6224965
 (DIR) [5] https://www.uol.com.br/ecoa/ultimas-noticias/2021/09/10/helio-santos-a-questao-racial-e-colocada-como-problema-mas-e-a-solucao.htm
 (DIR) [6] https://educa.ibge.gov.br/jovens/conheca-o-brasil/populacao/18319-cor-ou-raca.html
 (DIR) [7] https://almapreta.com.br/author/solon-neto/
 (DIR) [8] https://almapreta.com.br/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Solon Neto
       
       ## TAGS
       
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