# taz.de -- Atelierhaus Kiefholzstraße: Gekündigtes Künstlerkollektiv steht vor dem Nichts
> Ohne Vorwarnung wird ein Atelierhaus mit 45 Kunstschaffenden gekündigt.
> Die Mieterschaft findet kaum Alternativräume, dafür ein wenig Hoffnung.
(IMG) Bild: Kris Limbach vom Sound-Label „emitter micro“
In der Kiefholzstraße in Treptow stehen am Dienstagmorgen vier Kunst- und
Kulturschaffende in der Kälte. Sie blicken auf den Innenhof des
Atelierhauses Kiefholz19. Gleich starten sie in einen weiteren Arbeitstag.
Alle vier tüfteln hier schon seit fast zwanzig Jahren an den
unterschiedlichsten Projekten. Doch wenn es nach der landeseigenen Berliner
Immobiliengesellschaft BIM geht, ist damit bald Schluss.
Um sie herum wehen Protestbanner einer Soli-Party der vergangenen Woche im
herbstlichen Wind. „Hier ist kein Ort für Profit – hier lebt die Stadt!“
und „Kiefi bleibt“, steht auf den Transparenten geschrieben. In dem Gebäude
arbeiten etwa 45 Kunst- und Kulturschaffende. Doch jetzt stellt das
ehemalige Fabrikgebäude laut der BIM plötzlich eine Gefahr dar. Am 21.
September kündigte die Gesellschaft allen Mieterinnen und Mietern. Bis zum
31. Dezember müssen sie ihre Räumlichkeiten verlassen.
„Für mich ist das schlimm. Die kurze Frist halte ich für absolut unsozial“,
sagt Anselmo Fox. Der Künstler beschäftigt sich mit plastischen Arbeiten.
In seinem Atelier stehen Dutzende Werkzeuge: Sägen, Zangen, Bohrmaschinen.
Die Regale quellen vor lauter bemalten Skulpturen und Gipsarbeiten fast
über. „Ich muss eigentlich eine Ausstellung in Mexiko-Stadt vorbereiten“,
sagt er, während er seine drei Atelierräume präsentiert. Dann fährt er
fort: „Aber wenn wir wirklich ausräumen müssen, habe ich dafür nicht
genügend Zeit.“
Fox meint, er habe in dem Monat seit dem Kündigungsschreiben erst ein
mögliches Lager gefunden. Und das befinde sich in einem feuchten Keller in
Sachsen-Anhalt. „Für den Gips wäre das eine Katastrophe“, sagt er. Deshalb
wisse er nicht, wo er all seine eingelagerten Materialien hinbringen soll:
„Ich muss vieles wegwerfen und später neu kaufen. Das wird richtig teuer.“
Die BIM begründet die Kündigung gegenüber den Mieterinnen und Mietern mit
mangelndem Brandschutz. Nach einem Schwelbrand ließ die
Immobiliengesellschaft ein Gutachten zu Elektroinstallation und baulichem
Brandschutz erstellen. Das Ergebnis: „kritischer Sanierungsbedarf.“ Die
Entscheidung zur Kündigung erfolge daher aus Verantwortung für die
Sicherheit der Mieterschaft.
Sanierungsstau seit Jahren bekannt
Ein Blick in die Berichte der Berliner Senatsverwaltung für Kultur zeigt,
dass ein „massiver Sanierungsstau“ bereits im März 2024 bekannt war. Die
Kiefholz-Mieterschaft zweifelt die Dringlichkeit der Sanierungs-Begründung
deshalb als Vorwand an. Allerdings kann sie den Bedarf auch nicht selbst
überprüfen. Die BIM verwehrt den Künstlerinnen und Kulturschaffenden die
Einsicht in das Gutachten.
„Wir verstehen ja, dass an dem Gebäude ein paar Sachen ausgebessert werden
müssen“, sagt Kris Limbach, während er die Treppe in dem Atelierhaus
hinaufsteigt. Der Boden unter seinen Füßen stammt teilweise noch aus
DDR‑Zeiten. „Wir wären dafür auch alle bereit höhere Mieten zu zahlen“,
fährt er fort. Im dritten Stock angekommen, passiert er noch einige Büros
und Ateliers im Flur. Dann schließt er die Tür zu seiner Einheit auf.
Limbach setzt sich an seinen Schreibtisch. Er ist umgeben von Mikrofonen,
Bass-Absorbern und perfekt ausgemessenen Musikboxen. In einem Nebenraum
steht ein Schlagzeug, in einem weiteren lagern Schallplatten. Gemeinsam mit
einem Kollegen betreibt Limbach ein Sound-Label. „Aktuell haben wir als
Team und Label alles an einem Ort. So etwas ist superschwer zu finden“,
sagt er.
Sein Kollege und er hätten schon nach Alternativen gesucht. Das bittere
Ergebnis bisher: „Auch wenn wir seit 2008 gemeinsam arbeiten, können wir
wahrscheinlich nichts für uns beide zusammen finden – schon gar nicht im
S-Bahn-Ring.“ Für ihn sei die Gemeinschaft in der Kiefholzstraße aber das
Wichtigste. Sein Label arbeite mit anderen aus dem Haus zusammen. „Das
würde mir am meisten fehlen. Denn wenn so etwas einmal weg ist, kommt es
schwer wieder.“
Sabine Kroner, Sprecherin für den Rat für die Künste Berlin, hält aus
diesem Grund nichts von der kurzfristigen Kündigung der Mieterschaft im
Atelierhaus. Die Initiative versteht sich als gewählte Vertretung der
Kunst- und Kulturszene in Berlin. Die kurzfristige Kündigung der
Mieterschaft überraschte den Rat sehr: „Es ist klar, dass die Künstlerinnen
und Künstler in diesen drei Monaten keine adäquaten Räumlichkeiten finden
werden.“ Deshalb müsse die Kündigungsfrist verlängert werden. Auch das
Kollektiv Kiefholz19 fordert ein Moratorium von einem Jahr.
In dieser Zeit könnte auch entschieden werden, was mit dem Gebäude nach der
Räumung geschieht. Die BIM schreibt auf Anfrage der taz, dass eine
Sanierung wirtschaftlich nicht tragfähig sei. Die Gremien der Berliner
Liegenschaftspolitik haben noch keine Entscheidung über die Entwicklung des
Standortes getroffen. Klar ist laut der BIM bisher nur, dass das Mietniveau
steigen werde.
„Wenn die Mieterschaft gekündigt wird, steht das Gebäude wieder leer“, sagt
Rats-Sprecherin Kroner. Sie hat früher auch im Atelierhaus gearbeitet,
gehörte sogar zu den ersten Künstlerinnen am Standort. „In den 2000er
Jahren herrschte dort weitestgehend Leerstand“, erzählt sie. Das hatte sich
unter Kunstschaffenden herumgesprochen. In den Folgejahren hätten sie das
Haus belebt. Investiert habe die BIM in das Gebäude seitdem nicht.
## Selbstverwaltung als Alternative
Eine große Sanierung bräuchte es laut Kroner aber auch nicht. Die baulichen
Mängel könnten günstiger behoben werden. „Mit den Mieterinnen und Mietern
wird allerdings nicht über alternative Konzepte gesprochen“, meint Kroner.
Ihrer Meinung nach bietet sich eine Selbstverwaltung an.
„Mit uns redet bisher niemand“, sagt Ralph Etter. Der Dokumentarfilmer und
Regisseur hat aus der Kiefholzstraße schon viele Geschichten recherchiert.
Er sitzt ebenfalls im dritten Stock, zwei Flurecken entfernt von Limbachs
Sound-Label. „Wir haben nur das Kündigungsschreiben erhalten. Weiterer
Kontakt bestand nicht“, sagt er.
Etter teilt sich sein Büro mit dem Tatort-Drehbuchautor Dietrich Brüggemann
und zwei weiteren Filmemachern. Umgeben von Pflanzen, gerahmter Kunst,
E-Gitarren und chaotischen Bücherregalen arbeiten sie bald zwei Jahrzehnte
zusammen. „Natürlich können wir auch von zu Hause aus schreiben. Aber da
werde ich einfach nicht kreativ“, erklärt Etter. Brüggemann steigt ins
Gespräch ein und ergänzt: „Gleichzeitig können wir uns hier einrichten und
sitzen nicht an einem anonymen Schreibtisch in einem Co-Working-Space.“
Die beiden Filmemacher wollen sich bisher nicht mit dem bevorstehenden
Auszug befassen: „Wir gehen jetzt einfach mal davon aus, dass das letzte
Wort noch nicht gesprochen ist“, sagt Brüggemann. Eine gute Sache habe die
Kündigung außerdem für sich: „Wir kennen jetzt alle Parteien im Haus. Wir
organisieren uns gemeinsam gegen die Räumung – da entsteht wieder eine
Gemeinschaft.“
22 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Malte Steinmüller
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Gentrifizierung in Berlin
(DIR) Bildende Künstler
(DIR) Künstler
(DIR) Treptow-Köpenick
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