# taz.de -- Sehnsucht nach charismatischer Politik: Die Langweiler regieren uns
       
       > Die Republik wird von Langweilern regiert, die Welt von Machos bedroht.
       > Demokratie braucht mehr als Gewurschtel, meint taz FUTURZWEI-Kolumnist
       > Udo Knapp.
       
 (IMG) Bild: Bräsigkeit auf der Regierungsbank: Finanzminister Lars Klingbeil und Bundeskanzler Friedrich Merz.
       
       [1][taz FUTURZWEI] | [2][Lars Klingbeil] und [3][Manuela Schwesig],
       [4][Friedrich Merz] und [5][Markus Söder], [6][Felix Banaszak] und
       [7][Franziska Brantner], [8][Sahra Wagenknecht] und [9][Björn Höcke],
       [10][Elif Eralp] und [11][Werner Graf] - hier könnten noch einige
       Ministerpräsidenten aus den Ländern und [12][Frank-Walter Steinmeier]
       hinzugefügt werden.
       
       Sie alle gehören zur politischen Führungsriege in der Republik. Keiner der
       hier Aufgeführten kann als Versager, als einfach blöd, als hohler
       Schwätzer, Karrierist abqualifiziert werden. Dennoch bleiben ihre
       Botschaften und ihr Auftreten an der Spitze der Republik blass.
       
       Jetzt kann es aber sein, dass dieses Erscheinungsbild, dieses Mittelmaß,
       genau das ist, was demokratisch legitimierte Führung auszeichnet: Gutes
       Handwerk im politischen Alltagsgeschäft, fleißiges Arbeiten, möglichst ohne
       Ecken und Kanten, ansonsten Langeweile, die niemandem schadet, aber auch
       niemanden vom Hocker holt, die keine Begeisterung auslöst und auch
       Gefolgschaft nicht herstellt.
       
       ## Fürchte die Möchtegern-Machos
       
       Die autoritären Führer in der Welt dagegen, [13][Trump], [14][Musk],
       [15][Putin] [16][Erdogan], [17][Xi] - die Liste ließe sich über Arabien,
       Afrika und Lateinamerika hinweg verlängern - wirken im Vergleich zu unseren
       Langweilern wie aufgeblasene Möchtegern-Machos, wie Potentaten aus einer
       längst untergegangenen Zeit.
       
       Sie unterdrücken ihre Leute, halten nichts von den [18][Menschenrechten],
       sind in der Regel korrupt und skrupellos, wenn es um ihre eigenen
       Interessen geht. Sie sind inzwischen so viele und so stark, dass es allen
       Grund gibt, sie zu fürchten.
       
       In unserer politischen Öffentlichkeit werden sie zwar oft und wortreich
       kritisiert, als reale Bedrohung aber offenbar nicht ernst genommen. Was
       immer um uns herum passiert, unsere politischen Eliten sind mit sich
       beschäftigt - und der Rest der Gesellschaft auch.
       
       Die Hoffnung ist: Die Langweiler an der Spitze halten den Laden irgendwie
       am Laufen und alle übrigen planen gemütlich den nächsten Sommerurlaub.
       
       ## Langweiler und Versager?
       
       Nur ganz langsam schleicht sich jenseits des täglichen, reflektierten
       Nachdenkens bei der taz, der FAZ und der SZ ein Unbehagen darüber ein, dass
       die „Langweiler“ an der Spitze unserer Republik dieses Chaos in der Welt
       nicht adressieren und auch keinen entschlossenen politischen Umgang damit
       suchen. Fortwährendes, demokratisches Kompromiss-Gewurschtel und
       Hilflosigkeit bestimmen den politischen Alltag.
       
       Da ist die Zögerlichkeit, die [19][AfD] mit dem [20][Grundgesetz] zu
       konfrontieren und die demokratische Substanz der Republik durch ihr Verbot
       oder ähnlich konsequentes Handeln zu sichern. Da sind offene antisemitische
       Haltungen bei Ewiggestrigen.
       
       Da ist auch der politische Unwille jenseits sinnloser Finanzakrobatik, den
       Sozialstaat ins digitale [21][KI]-Zeitalter fortzuschreiben.
       
       In diesen und allen anderen Zukunftsfragen hilft das von den Langweilern an
       der Spitze in der Öffentlichkeit praktizierte Ausbaldowern möglicher
       gemeinsamer Positionen nicht wirklich weiter. Das als Austausch der
       Argumente apostrophierte Konsens-Schmieden erscheint eher als genussvolles
       Zerreden möglicher gemeinsamer Positionen.
       
       Bei den Leuten wächst deshalb das Unbehagen, ja die Wut über diesen
       selbstbezogenen Politikstil der Führenden in der Republik - was von AfD und
       [22][Linkspartei] dafür genutzt wird, ihre Systemkritik aufzupolieren.
       
       In immer breiteren Kreisen wächst vor diesem Hintergrund der Wunsch und der
       Wille, mit dem angeblich demokratischen Gehampel, dem Regierungsstil der
       Langweiler, Schluss zu machen und endlich wieder Führung zu zelebrieren.
       Wenn China Diktatur und kapitalistischen Fortschritt mit hohem
       Umweltbewusstsein für den Aufstieg zu einer wahren Weltmacht verbinden
       kann, dann zeigt das doch, dass es sich lohnt den autoritären Weg zumindest
       nicht auszuschließen? Es ist eben kein Zufall, dass die besten
       [23][E-Autos] aus [24][China] kommen.
       
       ## Die Illusion von Kontrolle und Stabilität
       
       Aber die historischen Erfahrungen sprechen gegen den Weg der Chinesen. Kein
       Staat lässt sich auf Dauer durch bloße Befehle steuern. Entscheidungen in
       autoritären Systemen mögen schnell getroffen werden, ihre Führungsstile
       verheißen Kontrolle und Stabilität, doch in Wahrheit fußen sie auf auf der
       Unterdrückung jeder freiheitlichen Regung, jedes zivilisierenden,
       Fortschritt auslösenden Denkens.
       
       Was auf den ersten Blick wie Stärke erscheint, führt in Wirklichkeit zu
       Stillstand, Spaltung, Rückschritt und irgendwann mit Sicherheit zu
       Bürgerkriegen. Auch für China ist dieser Weg vorgezeichnet.
       
       Die nervend langwierigen demokratischen Prozeduren, die ihr immanente
       Tendenz, die wirklich starken Persönlichkeiten, die in der Lage wären, das
       Konsenseschmieden in Mehrheitsprojekte zu verwandeln, immer möglichst früh
       einen Kopf kürzer zu machen, ist in demokratischen Gesellschaften normal.
       Was nicht bedeutet, dass es in historischen Schlüsselmomenten, dann doch
       den einen oder mehrere gibt, die die Leute hinter sich einen und Zukunft
       ermöglichen.
       
       Demokratien werden auch deswegen immer wieder untergehen, weil die
       Menschen, die sie tragen sollten, vor ihren autokratischen Herausforderern
       versagen, sich ihnen eher anverwandeln als sie davon zu jagen. Klingbeil,
       Merz, Schwesig und Co., so fürchte ich, haben weder das Format noch die
       persönliche Kraft und Größe, das aktuelle historische Momentum zu nutzen,
       um die Republik in einen europäischen Bundesstaat zu führen, den digitalen,
       KI bestimmten Kapitalismus einzuhegen, sowie Aufklärung und individuelle
       Freiheit auch für dieses Jahrhundert weltweit zum Maßstab zu machen.
       
       Dies alles gesagt habend, ist es aber auch wieder so, dass ihre
       phantasielose Langeweile beim Regieren jeder autoritären Versuchung allemal
       vorzuziehen ist.
       
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       20 Oct 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Udo Knapp
       
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