# taz.de -- Neuer Roman von Colson Whitehead: Harlem, du Ghetto, du Mekka des Schwarzen Amerikas
       
       > Colson Whitehead beendet mit „Cool Machine“ seine New-York-Trilogie. Die
       > Reihe ist auch eine literarische Kulturgeschichte Harlems von 1960 bis in
       > die 80er Jahre.
       
 (IMG) Bild: Vom Glanz der Harlem Renaissance ist in den 80ern nichts mehr zu spüren
       
       Das Lebensgefühl einer Stadt auf wenige Worte zu verdichten, ist ein
       ambitioniertes Unternehmen. Doch Colson Whitehead ist kein Schriftsteller,
       der sich vor Herausforderungen versteckt, und so gelingt es ihm gleich mit
       dem zweiten Satz seines neuen Romans „Cool Machine“, den Leser jäh in seine
       Welt hineinzuziehen: „Die Stadt blieb in jenem Jahr ihrer Persönlichkeit
       treu … ein monströses Gebilde, angetrieben von angeborenem Elend, gelenkt
       von blankem Willen und zusammengehalten von Schneid, Wut und
       Bewehrungsstahl.“
       
       Das Jahr ist 1981, die Stadt New York; das Universum, in dem sich Colson
       Whitehead ebenso wie seine Hauptfigur Ray Carney ein Leben lang bewegen. So
       beginnt der dritte Teil von [1][Whiteheads Trilogie rund um Carney,] das
       wie die beiden vorangegangenen ein Jahrzehnt seines Lebens und das der
       Stadt abbildet. Genauer genommen des Heimatstadtteils von Whitehead und
       Carney, Harlem, der jedoch in vielerlei Hinsicht für die ganze Stadt und
       teilweise auch das ganze Land steht. Jedes von Whiteheads Worten über New
       York könnte auch für Amerika gelten.
       
       So schreibt er in „Cool Machine“ von den „schleimigen Träumen gieriger
       Männer“, die das Zentrum von New York mit immer höheren, glitzernden
       Hochhäusern bevölkern, um so weit weg wie möglich von den elenden Massen
       auf und unter der Straße zu sein“. Die 80er Jahre in Amerika sind
       angebrochen, die Reagan-Ära und mit ihr die Epoche des gnadenlosen
       Neoliberalismus und der immer extremeren Ungleichheit zwischen Arm und
       Reich. Es ist eine düstere Vorahnung jener USA, in denen wir heute leben,
       und markiert den Abschluss seines dreibändigen Werkes, das zugleich als
       Kulturgeschichte von Harlem, New York und den USA in der Zeit zwischen 1960
       und der Mitte der 80er Jahre gelesen werden kann.
       
       Whitehead arbeitet, [2][seit er 2020 mit „Die Nickel Boys“ seinen zweiten
       Pulitzer-Preis gewann,] an der Trilogie, die, wie er unumwunden zugibt, den
       Anspruch hat, an die großen Werke der afroamerikanischen Kultur wie Ralph
       Ellisons „Der unsichtbare Mann“ anzuknüpfen. Harlem, der Schauplatz beider
       Werke, nimmt in der Schwarzen Imagination einen herausragenden Platz ein.
       Es wird das Mekka des Schwarzen Amerikas genannt, jener Ort, an den
       Afroamerikaner des ganzen Landes pilgerten, weil lange Zeit nur hier eine
       halbwegs freie und würdevolle Existenz möglich war und deshalb eine
       afroamerikanische Kultur florierte wie nie und nirgendwo zuvor.
       Gleichzeitig blieb Harlem, wie Ellison oder auch [3][James Baldwin]
       beschrieben, das ewige Ghetto. Elend und Glanz, Armut und kultureller
       Reichtum lebten in Harlem Tür an Tür.
       
       Sowohl der „unsichtbare Mann“ als auch Ray Carney personifizieren diesen
       Doppelstatus, den Harlem und seine Bewohner stellvertretend für alle
       Afroamerikaner in der amerikanischen Gesellschaft einnehmen. Der
       „unsichtbare Mann“ bleibt namens- und gesichtslos, der Mainstream der
       amerikanischen Gesellschaft der 50er Jahre schaut durch ihn hindurch. Ray
       Carney hingegen strebt nach bürgerlicher Respektabilität, schafft es jedoch
       nie, sein heimliches Doppelleben als Halbweltfigur abzuschütteln.
       
       Carney wächst mit einer alleinerziehenden Mutter auf – ein Klischee
       Schwarzer sozialer Dysfunktion. Der Vater ist Ganove, ist mehr im Gefängnis
       als draußen, und wenn er auf den Straßen von Harlem unterwegs ist, dann
       führt er nichts Gutes im Schilde. Ray hingegen ist ein guter Schüler,
       studiert, heiratet Elizabeth, eine Frau aus gutem Hause, und eröffnet an
       der 125th Street, der Prachtstraße Harlems, ein Möbelgeschäft.
       
       Doch die Respektabilität mag nie so ganz gelingen. Immer wieder wird Ray
       sich bewusst, dass er außerhalb von Harlem nichts ist. Und selbst von den
       vornehmeren Kreisen von Harlem, den Schwarzen Anwälten, Bankiers und
       Ärzten, wird er geschnitten, ganz gleich, wie gut sein Geschäft läuft.
       
       Stattdessen klebt die Unter- und Halbwelt an ihm wie Pech. Figuren wie sein
       Cousin Freddie und sein Onkel Rich, die von Raubüberfällen leben, der
       korrupte Cop Buzz oder Zippo, ein manischer Brandstifter, der in den 70er
       Jahren im Auftrag von Immobilienbesitzern deren wertlos gewordene
       Liegenschaften abfackelt, ziehen ihn immer wieder in die Halbwelt hinab.
       Durch sie bleibt Carney nach Einbruch der Dunkelheit Teil eines
       faszinierenden, schrägen, exzentrischen Halbwelt-Universums, das Whitehead
       mit Figuren bevölkert, die direkt [4][aus einem Pynchon-Roman] stammen
       könnten.
       
       Carney ist das, was man in Harlem einen „Fence“ nennt, ein Zaun zwischen
       „Tag und Nacht, den Unguten und den Aufstrebern“, wie Whitehead die beiden
       Welten beschreibt. Sein Protagonist lebt in der Zone, die Whitehead als
       „Dorvay“ bezeichnet, einer Mischung aus „dormir und éveillé“, Schlaf- und
       Wachzustand. Sein Job ist es, heiße Ware zu Geld zu machen und somit in den
       legalen Kreislauf des Kapitalismus zu spülen.
       
       Whitehead, der bekannt dafür ist, mit Leichtigkeit Genres wechseln zu
       können, wählt für die Harlem-Trilogie meisterhaft die Krimiform. Jeder Band
       ist in drei Episoden aufgeteilt, jede von ihnen stellt einen Raubüberfall
       dar, an dem Carney teilnimmt – vom Ausplündern eines Safes in Harlems
       elegantestem Hotel, dem legendären Teresa, zum blutigen Überfall auf eine
       Pokerpartie mit hohen Einsätzen bis hin zum Diebstahl der Goldmedaille von
       Jesse Owens vor einer Auktion im schicksten Hotel New Yorks, dem Waldorf
       Astoria.
       
       Doch die Trilogie ist nicht nur rasante Räuberpistole und launige
       Milieuschilderung mit historischer Detailgenauigkeit. Sie ist vor allem
       auch eine lebendige Kultur- und Sittengeschichte von Harlem. Da sind [5][im
       ersten Band die 60er Jahre,] die sich noch einen Restglanz der Harlem
       Renaissance bewahrt haben, in denen sich mit den Rassenunruhen von 1964
       jedoch bereits der Abstieg des Viertels in das von Kriminalität und Drogen
       geplagte Ghetto der 70er Jahre abzeichnet. Darauf folgen die 70er, in denen
       die Mittelschicht flieht und Harlem brennt – das schmutzige Geschäft mit
       dem sogenannten „heißen Abriss“ und der erblühende Drogenhandel spielen
       eine zentrale Rolle. Und nun im dritten und letzten Teil, die 80er Jahre.
       
       Im letzten Teil der Trilogie hat Ray Carney es geschafft, sein nach einem
       Brand wieder aufgebautes Geschäft floriert. Seine Frau Elizabeth hat ihr
       Reisebüro, das ursprünglich nur Reisen für Schwarze durch den gefährlichen
       Süden der 60er organisiert hatte, auf ein allgemeines Publikum ausgebaut.
       Doch sie bekommt noch immer von weißen Banken keinen Kredit.
       
       So lässt sich Ray von seinem Onkel Rich noch einmal zu einem großen Coup
       überreden. Dabei verlassen sie Harlem und dringen in das weiße, reiche
       Midtown vor, wo sich das New York und das Amerika unserer Tage abzeichnet.
       Die Kontrolle über die heruntergekommene Stadt ist nach dem
       Beinahe-Bankrott von einem Konsortium an Geschäftsleuten und Financiers
       übernommen worden. Die Wachstumsformel lautet fortan Sparen bei staatlichen
       Ausgaben und Investition in das Big Business – ganz nach der neoliberalen
       „Trickle Down“-Theorie, die bis heute das amerikanische Leben bestimmt. Die
       Wolkenkratzer werden schöner und höher, während auf der Straße und in den
       U-Bahn-Tunneln ein Schattenreich der Obdachlosen heranwächst, ein
       Pandämonium der Verwilderten, das Carney an den Box-Office-Hit jener Tage,
       „Escape from New York“ (Die Klapperschlange) von John Carpenter, erinnert.
       In „Cool Machine“ stehen sie in einer klimaktischen Szene auf wie eine
       Zombiearmee und verbünden sich mit den Gaunern aus Harlem.
       
       Colson Whitehead hat einmal seinen Durchbruchsroman „Underground Railroad“
       als eine Art Pflichtübung bezeichnet. „Jeder macht irgendwann eine
       Sklavengeschichte“, sagt er und meint damit jede afroamerikanische
       LiteratIN. Das Buch wurde eine der wichtigsten literarischen Stimmen der
       Black-Lives-Matter-Ära. Die Harlem-Trilogie stellt zusammengenommen jedoch
       weitaus größere Ambitionen unter Beweis. Sie ist eine der großen
       amerikanischen Erzählungen vom Rang von Don DeLillos „Unterwelt“, Philip
       Roth’ „Amerikanisches Idyll“ oder David Foster Wallace’ „Unendlicher Spaß“.
       Sie beschreibt die afroamerikanische Erfahrung der vergangenen 50 Jahre und
       zeigt dabei Profundes über den Kurs, den die amerikanische Gesellschaft
       genommen hat, auf. Dabei bleibt Whitehead leicht, rasant und unterhaltsam
       und damit fest verankert in der afroamerikanischen Tradition. Als
       Entertainer der amerikanischen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, war
       schon immer Kennzeichen und Kunst afroamerikanischer Kultur. Colson
       Whitehead tut dies meisterhaft.
       
       25 Oct 2026
       
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