# taz.de -- Die Wahrheit: Nanook und ich
> Auf einer Lamawanderung durch Brandenburg mit einem kulleräugigen
> Kraftpaket.
(IMG) Bild: Jünger, größer, schwerer und schöner: Nanook (links)
Sieben Jahre alt, 1 Meter 85 groß und rund 200 Kilo schwer – das ist
Nanook. Ein Lama. Ein Kraftpaket. Das heute mein Gefährte ist auf einer
Wanderung. Zwei Stunden durch Wälder und Felder in Brandenburg, in
Stahnsdorf, südlich von Berlin. Zwei wie Pech und Schwefel, Dick und Doof,
Bonnie und Clyde.
Eine Weile haben wir uns schon beäugt, während Olga, die resolute
Besitzerin des Lamazentrums, einführende Worte spricht. Dann bringt sie uns
zusammen. „Nanook mag Männer, die mit ihm auf Augenhöhe sind“, sagt Olga.
Wenigstens kein Schmusezwerg. Sie übergibt mir die blaue Leine. Die ich wie
einen Fahrradlenker mit beiden Händen halten muss, um zu führen und zu
bremsen. „Das passt ja zur blauen Jacke“, meint Olga und erklärt, dass
Lamas die Farbe Blau sehen können. Wie auch Gelb. Rot und andere Farbtöne
aber verschwimmen für sie zu Braun. Nanook blickt mich derweil mit seinen
handtellergroßen Kulleraugen an. Sie sind oval und unergründlich dunkel.
Wie lautete die Inschrift im Apollontempel von Delphi? Erkenne dich selbst.
Alte Leute hassen oft junge. Nicht nur, weil ihnen durch nachkommende
Generationen der Verlust ihrer körperlichen Kraft und Schönheit vorgeführt
wird. Sie erkennen sich im Spiegel der Jugend selbst. Denn Jugend steht für
dumme Taten und fehlgeleitete Ansichten, schlechte Kleidung und schlimme
Frisuren. All das, was man hinter sich gelassen hat, aber nun in frischer
Form wieder da ist. Erkenne dich selbst.
Noch ein Spiegel des Menschen: das Tier. Nicht von ungefähr sehen
Hundebesitzer ihren Vierbeinern meist erstaunlich ähnlich. Und es ist kein
Geheimnis, dass die gegenseitige Kommunikation erhebliche Auswirkungen auf
Psyche und Physis hat. Niemand weiß besser ein Lied davon zu maunzen als
meine mysteriöse Katze, die allerdings nur wenig verrät. Erkenne dich
selbst.
## Narziss am Teich
Zu einem unrunden runden Geburtstag im mittlerweile hohen Alter hat mir
eine Freundin eine Lamawanderung geschenkt. Und das mir, der ich zumindest
in der Jugend nach dem hedonistischen Motto „Live fast, die young“ gelebt
und nie geglaubt hat, einmal so alt zu werden. Das sei eine Erfahrung, die
sich lohne, sagt sie. Dabei hasse ich diese eitlen Selbsterfahrungstrips.
Wie sie zum Beispiel junge Kollegen bei der Arbeit bis zum Exzess
betreiben. Wenn sie Narziss gleich am Teich sitzen und über ihre immer
abseitigeren Krankheiten schreiben: Ich, Ich, Ich. Keiner will mehr rühmen,
alle wollen nur noch berühmt werden. Und jetzt habe ich bis hierhin schon
sieben Mal selbst das Wort „Ich“ verwendet. Erkenne dich selbst.
Lamas spucken nicht. Um gleich das bekannteste Vorurteil aus dem Weg zu
räumen. Jedenfalls spucken sie keine Menschen an. Da sie keine Hufe
besitzen, laufen sie barfuß, mit zwei hornigen Zehen vornweg. Und sie haben
nur unten im Maul Zähne, schaufelartige Kauwerkzeuge, mit denen sie nicht
beißen können. Anders als Pferde, die zubeißen und zutreten können, haben
sie keinerlei Verteidigungswaffen. Sie sind Fluchttiere und laufen vor
ihren Feinden davon. Da hilft auch kein Speichel. Tatsächlich spucken sie
andere Lamas an, wenn der Futterneid drängt. Doch nur gemäß der Rangfolge.
Nanook jedenfalls ist nicht das Leittier und reiht sich brav ein in die
Karawane. Zehn Menschen und zehn Lamas oder Alpakas, die kleiner sind und
nicht diese großen sichelförmigen Ohren haben, die ständig in Bewegung
sind, um am liebsten Lob zu hören. Erkenne dich selbst.
Zum Üben geht es zunächst bei einer Art Elchtest über einen
Zickzack-Parcour mit Verkehrskegeln. Nanook hat schon zwei Mal die Alpen
überquert. Nicht mit Hannibal, aber mit Olga. Sechs bis zehn Tage habe es
gedauert. Und für das Lama sei nachts ein mobiles Kleingehege aufgebaut
worden. Einmal sei Nanook auf großer Höhe im nächtlichen Regen so nass
geworden, dass er am Morgen einen Eispanzer hatte. Was ihm nicht geschadet
habe, denn Lamas umgebe keine Wolle, sondern Fasern, Hohlfasern wie in
Allwetterjacken, die sich ausdehnten bei Kälte und sie warmhielten. Davon
hätte sich die Industrie etwas abgeschaut, erläutert Olga. Der Wallach
lässt mich inzwischen nicht aus den Augen. Sehe ich da einen Hauch von
Stolz? Erst einmal haben er und ich einen Höllenrespekt voreinander.
Erkenne dich selbst.
## Keine Streichelhasen
Nanook misstraut Händen. In die Nähe seines Kopfes dürfen sie nicht. Sofort
zieht er ihn ruckartig zurück. Vorsichtig berühre ich seinen Hals und
Rücken. Aber Lamas sind keine Streichelhasen, obwohl sie als Lasttiere seit
6.000 Jahren an Menschen gewöhnt sind. Vorwiegend in den südamerikanischen
Anden. Wo sie jede Menge Kilos über lange Strecken tragen. Andere
Mitwanderer üben schon Nasenküsse mit ihren Tieren, die neugierig an den
Menschen riechen. Nanook aber ist kein Kuscheltier. Es drängt ihn hinaus,
er möchte endlich loswandern. Das steckt in seinen Genen. Wir üben noch,
auf gleicher Höhe zu laufen. Und er beobachtet mich genau. Gibt es
Schwächen? Erkenne dich selbst.
Neben dem Laufen, Laufen, Laufen hat Nanook nur eines im Kopf: Fressen,
Fressen, Fressen. Genau das aber darf er nicht. Blätter von Bäumen,
Pflanzen vom Boden, er würde alles in sich hineinschaufeln und dann
wiederkäuen und prompt Magenschmerzen bekommen. Er soll nur das teure Gras
aus Südtirol fressen, dort ist er aufgewachsen. Doch würde man ihn lassen,
würde er jedes Blatt von den herabhängenden Zweigen zupfen. Und so ist die
Hauptaufgabe für mich, weniger ihn zu führen und zu bremsen, als ihn daran
zu hindern, sich den Bauch vollzuschlagen. Erkenne dich selbst.
Nach zwei schweißtreibenden Stunden, in denen sich Nanook auch unterwegs
erleichtert hat, geht es zurück in den Stall. Lamas sind sehr sauber und
riechen nicht unangenehm, weil sie genau unterscheiden zwischen
Schlafstelle und Toilette, Weideplatz und Liebesort. Apropos erkennen im
biblischen Sinne. Anders als bei anderen Tierarten ist Lama-Sex nicht
schmerzhaft und kurz. Er dauert rund 45 Minuten, und dabei liegen beide eng
nebeneinander, schildert Olga und weiß zudem: „Lamas können bis zu acht
Orgasmen hintereinander bekommen.“ Und anschließend gurrt der Hengst der
Stute ein Lied ins Ohr. Erkenne dich selbst.
Dem äußeren Anschein nach zufrieden beendet Nanook sein Tagwerk und trottet
in den Stall. Er schaut ein letztes Mal herüber. Wer aber nun ein
romantisches Happy End erwartet, mag enttäuscht sein. Kein Nasenkuss, kein
tiefer Blick, kein Lied auf den Lippen. Er nicht, ich nicht. Und ich bin
nicht wie in Jean Cocteaus surrealistischem Film „Orpheus“ durch einen
Spiegel gegangen, durch ein mystisches Tor zur Unterwelt meiner eigenen
Psyche. Ich bin ich. Nanook ist Nanook. Zum Glück sind wir nicht zur
Fabelkreatur eines Fauns verschmolzen. Wenn es denn so ist. Eine letzte,
vage Erkenntnis.
16 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Michael Ringel
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