# taz.de -- Die Wahrheit: Schwieliges Käsefüßeln
       
       > Die Tschechische Woche der Wahrheit: Pornos aus dem Land des hornigen
       > Sex.
       
 (IMG) Bild: Schlimme Pornoszene aus einem Füßelfilm
       
       Gelbe, dicke gelbe Sohlen, ekstatisch aneinandergerieben. Schnitt. Käsig
       leuchtende Fersen fest zusammengepresst. Schnitt. Hornige Zehen, die sich
       erregt krümmen. Schnitt. Vergilbte Schreie der Lust. Und immer wieder
       Sohlen, dicke gelbe Sohlen. Schnitt. Die verstörenden Bilder eines typisch
       tschechischen Pornofilms. Käsefüße im Liebesrausch. Schwielige Erotik für
       Kenner und Liebhaber des Absonderlichen. Weltweit. Schnitt.
       
       Wie konnte es dazu kommen, dass das beschauliche Land in der Mitte Europas
       heute zu einer global führenden Porno-Nation wurde? Zumindest in einer
       käsigen Nische: dem hornhautharten Subgenre des Fußfetischismus.
       
       Nach dem Vorbild der USA brach in den Sechzigerjahren des vorigen
       Jahrhunderts in Europa die sexuelle Revolution aus. In ihrem Gefolge
       entwickelte sich vor allem in den freizügigen Ländern Skandinaviens die
       europäische Porno-Industrie. „Dänisch“ oder „Schwedisch“ wurde zum Synonym
       für erotische Darstellungen in Schmuddelfilmen oder -magazinen. Spätestens
       mit der Jahrtausendwende besannen sich die Nordlichter allerdings auf ihre
       puritanische Tradition, Pornografisches galt fortan wieder als verpönt. In
       diese bildliche Lücke stießen die von christlichen Moralvorstellungen kaum
       befleckten, aber frisch vom Kommunismus befreiten Tschechen vor, die es
       heute in den Auswahlkategorien des sexuellen Warenangebots neben
       Genrebezeichnungen wie zum Beispiel „Oral“ oder „Gangbang“ sogar zu einer
       eigenen Kachel gebracht haben: „Czechs“.
       
       Im Anfang war das Füßeln. Eine Tradition, die weit in die historische
       Untergrundkultur des Landes zurückreicht. So machte der deutsche
       Barockdichter Christoffel von Landwehr im 17. Jahrhundert mit seiner
       literarischen Ersterwähnung des Phänomens „das bohemische Gereibe“
       verantwortlich für den Prager Fenstersturz, der 1618 den Dreißigjährigen
       Krieg auslöste: „Sie künnten nicht Füßeln miteinand.“
       
       ## Füßeltisch in der Ecke
       
       Füßeln entstand in den lebensnahen Kneipen Prags und verbreitete sich bald
       über ganz Böhmen und Mähren. Noch heute kann in dem berühmten Pilsener
       Traditionslokal „U Žlutého papouška“ (Zum gelben Papagei) der Füßeltisch in
       einer dunklen Ecke bewundert werden. Hatten die Gäste nur genug Bier und
       Knödel intus, entledigten sie sich ihrer Schuhe und Strümpfe und zogen sich
       in die Füßelnische zurück, in der dann die „Strouhání“, die Raspler, ihrer
       Leidenschaft frönten.
       
       Das ekstatische Aneinanderreiben der verhornten Haut erfolgte unabhängig
       von Alter und Geschlecht, jeder durfte mit jedem, keiner wurde
       ausgeschlossen, alle „Strouhání“ waren gleich, was die neue Bewegung
       gefährlich für den Obrigkeitsstaat machte, der das Füßeln bald verbot und
       drastische Strafen wie die Bastonade einführte. Doch im Untergrund trieben
       es die hemmungslos Gleichgesinnten weiter. Anfang des 20. Jahrhunderts
       erlebte der „Extremitätenflirt“ eine Renaissance und wurde erstmals von dem
       Prager Freud-Schüler Bohumil Hradubil wissenschaftlich untersucht, der dem
       Füßeln „eine absonderliche, aber notwendige Triebabfuhr im metapedischen
       Bereich“ bescheinigte.
       
       Während der gewaltsamen Herrschaft des nationalsozialistischen Deutschland
       war es strikt verboten, und im Sozialismus sowjetischer Prägung galt es als
       konterrevolutionär. Erst von dem widerständigen Dichter und späteren
       Präsidenten Vaclav Havel, der ein leidenschaftlicher Zehenflirtler war,
       wurde das Untermtischturteln 1968 im Prager Frühling wiederbelebt.
       
       Und dann fielen Mauer und eiserner Vorhang. Und mit ihm alle
       Beschränkungen. Die neue Freiheit beförderte das Füßeln. Das bald schon zum
       Geschäft wurde. Denn immer mehr Touristen beteiligten sich an dem einst
       untergründigen Treiben. Und wo ein Begehren ist, da sind auch die
       Verwertungsmechanismen der Konsumindustrie nicht weit. Immer dicker wurden
       die Sohlen, immer gelber die Filme, immer bizarrer die Pornos.
       
       Jaroslav Hašeks berühmtes Bonmot „Reich Tschechen den kleinen Zeh, und sie
       nehmen den großen Onkel“ bewahrheitete sich. Tschechische Käsefußpornos
       überschwemmten die Welt. Inzwischen gibt es allerdings eine aus den USA
       inspirierte prüde Gegenbewegung. Was besonders doppelmoralisch ist, weil
       die meisten Bezahlkunden der Füßel-Pornos Amerikaner sind. Die Anti-Füßler
       aber wollen die kommerzielle Ausnutzung der einst liebevollen böhmischen
       Eigenheit verbieten oder zumindest gesetzlich einschränken. So sollen
       bislang barfüßige Pornodarsteller künftig nur noch schwarze Socken tragen,
       was das erotische Subgenre vollends ad absurdum führen würde, gibt es doch
       nichts Unerotischeres als Socken beim Sex.
       
       Und so tobt auch im kleinen gemütlichen Tschechien der globale Kulturkampf
       ums Große und Ganze. Welche Wendungen das ewig junge Käsefüßeln dabei
       nehmen wird, bleibt offen wie eine zart geschnürte Sandale an einem lauen
       Sommertag in der goldenen Stadt.
       
       7 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Ringel
       
       ## TAGS
       
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