# taz.de -- Die Wahrheit: Magdeburger Spielereien
> Kinder, Kinder, diese Zeiten. Oder haben wir da etwas nicht richtig
> verstanden? Ein Ortsbesuch in Sachsen-Anhalts Hauptstadt.
(IMG) Bild: Rechte an der Macht? Die Armee der Sandmännchen steht bereit
„Papa!“, ruft das Kind, als ich durch das sonnig-herbstliche Stadtbild von
Magdeburg flaniere. Kurz zucke ich zusammen. Dann fällt mir ein: Ich hab
gar kein Kind. Und ich wohne auch gar nicht hier. Deswegen kann ich hier ja
auch so arglos flanieren. Ich wende meinen Blick zur Quelle des Rufs.
Tatsächlich: Es ist nicht mein Kind, das an der Schaufensterscheibe eines
Spielzeugladens klebt.
Nicht ich bin gemeint, sondern der hinterher trottende Vater. Der trägt
einen schweren Rucksack und ein ebenso schweres Kinderfahrrad, das von dem
Kind beim Losgehen wohl mit einem „Will Fahrradfahren!“ eingefordert worden
ist. Nach ein paar Metern ganz sicher jedoch mit einem „Will nich mehr!“
auf den Gehweg gepfeffert wurde. Nun schleppt es der Papa.
„Papa!“, ruft das Kind erneut und zeigt auf etwas, das im Schaufenster
liegt: „Kann ich die Swastika? Bitte! Ich will die Swastika!“ – „Nein“,
beginnt nun der Vater zu argumentieren. Es sei doch gerade erst Geburtstag
gewesen mit ganz viel Geschenken und bald sei Weihnachten mit ganz vielen
Geschenken. „Und eigentlich wollen wir doch noch zum Indoor-Spielplatz!“
„Will ich nicht, ich will nur die Swastika!“, beharrt das Kind.
## Uups …
Uups, denke ich, das ging aber schnell. Deutschland 2026. Die AfD hat die
CDU links überholt, wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem
eingestuft, regiert jetzt faktisch zwei von fünf sogenannten neuen
Bundesländern und könnte – wäre am nächsten Sonntag aus irgendeinem noch
unvorhersehbaren Grund vorzeitige Bundestagsneuwahl – ratzfatz die Mehrheit
holen. Und mit Jens Spahn den Kanzler stellen (Michael Kretschmer wird dann
nächstes Jahr Bundespräsident). Da sollte man seinem quengelnden Kind aber
ganz fix mindestens eine Swastika kaufen, sonst geht es zum Klassenlehrer
denunzieren.
Dabei sieht das Kind gar nicht aus, wie … obwohl: blond, blaue Augen,
Zöpfchen, nicht prekär, weiß … Der Vater hingegen wirkt wie ein
aufrichtiger Linker: Pädagogenbart, Pferdeschwanz, Augenringe, halb woke,
halb übermüdet.
Ich bin ein wenig neugierig, was für eine Swastika das Kind haben will.
Andererseits bin ich schon ein paar Meter gegangen und zu faul, noch einmal
umzukehren. Lieber lenke ich meine Schritte weiter, um die letzten schönen
Herbsttage zu genießen – ehe die nächste faschistische Diktatur losbricht
oder der Klimawandel – je nachdem, was zuerst kommt. Ist es ein Spielzeug?
Ein Holzpuzzle etwa, in dezenten Naturfarben lasiert und mit
waldorfschul-rundgelutschten, handschmeichlerischen Kanten? Ist es ein
Swastika-Frisbee, das man im Park fliegen lassen und damit
Wirtschaftsflüchtlinge aus der Umgebung treffen kann? Ein Fidget Spinner,
ein Rubik’s-Zauberwürfel-Kreuz? Oder das Lego Set 88000 mit 1.933 Teilen?
Nein, vielleicht eher ein Swastika-Labubu, eine Toniebox-Swastika mit
Ärmchen und Beinchen und einem Gesicht und den schönsten deutschen
Kinderliedern. Oder ein Nachtlicht, das man an die Wand hängt, und das
nachts in einem leichten AfD-Blau leuchtend die bösen Messermigranten
verscheucht. Oder ein Anhänger mit Glitzersteinchen von Swarowski, also
eine Swarowstika. Oder doch eine Plüschswastika zum Kuscheln und Liebhaben,
die singt und spricht, wenn man auf die Rückseite drückt? „Ich hab dich
ganz doll lieb und die Alice hat dich auch ganz doll lieb. Schlaf gut, du
deutsches Mädel.“
Als ich eine halbe Stunde später auf demselben Weg zurück flaniere, stehen
die beiden immer noch vor dem Spielzeugladen. Das Kind scheint ein harter
Verhandlungspartner zu sein, die Argumente sind verhältnismäßig einfach und
zeitigen vor allem in der steten Wiederholung Wirkung: „Die haben jetzt
alle“, und „Biiiiitttttteeeeeeee“, ruft das Kind. Gegenvorschläge des
Vaters werden mit einem entschiedenen „Nein, nein, nein!“ und einem
Aufstampfen begegnet. Ganz so wie in unserem derzeitigen politischen
Diskurs.
## Na, gut …
Bevor ich noch interessehalber nachschauen kann, wie diese spezielle
Swastika denn nun aussieht, knickt der Vater auch schon ein. Wacker hat er
sich an die in der einschlägigen Elternliteratur empfohlenen 30 Minuten
gehalten, nun gibt er den Widerstand auf und streckt die Waffen. Inhaltlich
kann er seinem kleinen Putinkind ohnehin nichts dagegenhalten.
„Na, gut“, flüstert er kraftlos, „aber nur die zwei. Zwei Sticker. Keinen
mehr.“
„Papa“, sagt das Kind. „Und der noch. Alle guten Sticker sind drei.“
Puh!, denke ich, Glück gehabt. Da hätte ich mit meinem Verhörer doch fast
den nächsten Faschismus auf deutschem Boden ausgelöst. Also, das müssen
ganz besondere Sticker sein. Vielleicht mit einem
Glitzer-Regenbogen-Hakenkreuz drauf?
20 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Michael-André Werner
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