# taz.de -- Regisseur Swjaginzew über „Minotaurus“: „Das Gezeigte entspricht den Gegebenheiten in Russland“
> Regisseur Andrei Swjaginzew erzählt in seinem Thriller „Minotaurus“ von
> Untreue und Misstrauen. Der Überfall auf die Ukraine ist im Film
> allgegenwärtig.
(IMG) Bild: Ein Mann vor einer moralischen Wahl: Gleb (Dmitriy Mazurov), Galina (Iris Lebedeva) und ihr Sohn in „Minotaurus“
In seinem Film „Minotaurus“, der im Mai in Cannes den Großen Preis der Jury
gewann, erzählt der russische und mittlerweile in Frankreich lebende
Regisseur Andrei Swjaginzew von einem skrupellosen Ehemann, der von seiner
Frau betrogen wird. Gleichzeitig wird er in die Mobilmachung für den
russischen Angriffskrieg hineingezogen. Er soll als Firmenchef für die
Teilmobilisierung eine Liste entbehrlicher Angestellter anfertigen. Langsam
zerfällt die Ordnung seines streng kontrollierten Lebens. Im Interview
spricht der Regisseur über seinen düsteren Thriller, den Reiz der
französischen Filmvorlage und darüber, was er Kritikern seines Films
entgegnet.
taz: Herr Swjaginzew, Sie wären 2021 beinahe an Covid-19 gestorben, lagen
40 Tage im Koma und konnten Ihre Gliedmaßen über Monate hinweg nicht mehr
bewegen. Wie geht es Ihnen mittlerweile?
Andrei Swjaginzew: Ich kann nicht behaupten, dass ich komplett geheilt bin.
Das war eine unglaubliche Erschütterung für meine Gesundheit. Ich hatte
einen sogenannten Zytokinsturm, bei dem das Immunsystem anfängt, den
eigenen Körper zu zerstören. Hinzu kam, dass ich auf der Intensivstation
von einem Keim infiziert wurde, der 92 Prozent meiner Lungen angegriffen
hat. Dieser Keim war resistent gegenüber allen Antibiotika. Am Ende wurde
sogar eine Transplantation angedacht. Die Erfolgschancen einer solchen
Operation sind sehr gering. Meine Prognose lag bei 60–40. Glücklicherweise
fand ich einen Arzt in Deutschland, der mich mit einer
Bakteriophagen-Therapie rettete. Ein Wundermittel, das in Deutschland noch
nicht lizensiert ist. Wenn man in so eine Situation gerät wie ich, sollte
man wissen, dass es diese Rettung gibt.
taz: Ihr neuer Film „Minotaurus“ basiert auf [1][Claude Chabrols „Die
untreue Frau“ (1969)]. Was macht den Film für eine Neuinterpretation so
interessant?
Swjaginzew: Das Sujet des Films ist hervorragend aufgebaut. Wenn ein
Zuschauer an der Kinokasse steht und den Titel sieht, denkt er zunächst,
dass damit der ganze Film verraten wird. Doch man erfährt bereits zu Beginn
des Films, dass der Protagonist seine Frau verdächtigt, untreu zu sein. Im
Grunde ist der Titel also kein Spoiler. Denn was dann passiert, ist das
Interessante. Wir als Zuschauer beobachten, wie sein Verdacht wächst, wie
er beginnt, seine Frau zu beobachten. Diese verschachtelte Beobachtung ist
wie eine Matrjoschka. Sie ist das Wesen des Films. Zugleich ist das
Beobachten auch die Natur des Kinos.
taz: Wie weit treibt der Film dieses Spiel?
Swjaginzew: Bis zu dem Kulminationsmoment, ab dem nur noch die Zuschauer
beobachten und der Protagonist nicht mehr. Es folgen 20 Minuten lang sehr
detaillierte Szenen, in denen viel passiert, aber kein Wort gesprochen
wird. Keine Sprache. Das ist ein Traum eines jeden Filmemachers: Einen Film
zu machen, in dem man nur mit der Sprache der Bilder alles erzählen kann.
In jenen Szenen zeigt sich, was in dem Protagonisten vorgeht, als er
versucht, die Spuren des von ihm begangenen Mordes zu beseitigen. Der Mord
ist die treibende Kraft des Films.
taz: Wie haben Sie Ihren Cast gefunden? Eine Zusammenarbeit mit
Schauspielerinnen und Schauspielern, die in Russland leben, dürfte nicht
möglich gewesen sein.
Swjaginzew: Für einige Schauspieler, die infrage kamen und in Russland
leben, war es nicht möglich. Sie haben das Drehbuch gelesen, mussten aber
ihre Teilnahme absagen. Es gibt genügend russische Schauspieler überall auf
der Welt, in Argentinien, Israel, Paris, London oder auf Zypern. Die
Schauspieler mussten uns zuerst selbstgemachte Proben auf Video schicken.
Dann wurde die engere Auswahl nach Riga eingeladen, wo wir den Film
drehten.
taz: Sie versetzen die Geschichte nach Russland im September 2022. Als
Leiter eines Unternehmens in einer russischen Provinzstadt wird Ihr
Protagonist vom örtlichen Bürgermeister aufgefordert, eine Liste von 14
Angestellten zu erstellen, die für die „militärische Spezialoperation“
zwangsmobilisiert werden sollen. Was macht ihn zum titelgebenden
Minotaurus?
Swjaginzew: Der Filmtitel hat zwei Dimensionen. Die eine ist die politische
und soziale Dimension, die auf den antiken Mythos des Minotaurus und seiner
Menschenopfer verweist. Die zweite bezieht sich auf einen sehr
interessanten Text von Honoré de Balzac aus dem Jahr 1829. Er heißt
„Physiologie der Ehe“. Darin vergleicht er die Ehe mit einem Labyrinth, in
dem der Ehemann umherirrt und seine Frau beobachtet. Er beobachtet ihr
Schweigen, ihre Geheimnisse, ihre Auslassungen, ihre Zweideutigkeiten und
schließlich schöpft er Verdacht, dass sie einen Liebhaber hat. Balzac sagt,
dass in diesem dunklen Labyrinth die Unruhe des Ehemanns wächst und er
erwartet, dass im nächsten Moment der Liebhaber auftaucht und ihn
„minotaurisiert“, also in das kretische Ungeheuer verwandelt.
taz: „Minotaurus“ ist ein Thriller über Untreue, Misstrauen und Mord.
Gleichzeitig erzählt der Film von Russlands Elite, die sich sehr schnell
mit der neuen Kriegsrealität arrangiert. Der Überfall auf die Ukraine ist
dabei allgegenwärtig, aber immer nur als eine Art Hintergrundrauschen
wahrnehmbar. Es gibt Stimmen, die diesem Film genau das vorwerfen. Dass er
eben nur eine russische Innenschau zeigt und die Brutalität des Krieges zur
Nebensache wird. Was antworten Sie dieser Kritik?
Swjaginzew: Es ist mir egal, was man dem Film vorwirft. Niemand kann einem
Künstler vorschreiben, wie er über eine Sache spricht. Es ist sein Privileg
und seine Wahl, wie er über das spricht, worüber er sprechen möchte. Der
Film drückt Ideen aus, die für mich wichtig waren, und er sagt das, was ich
sagen wollte. Die Kriegsgräben zu zeigen, wäre vielleicht einfacher gewesen
als die indirekte Sprache meines Films. Aber das Gezeigte entspricht den
realen Gegebenheiten in Russland. Die Atmosphäre in den russischen Städten
war genauso, wie man sie im Film sieht. Ich habe das so gemacht, wie ich es
für richtig gehalten habe. Für mich war es wichtig, einen Menschen zu
zeigen, der vor einer moralischen Wahl steht. Ich möchte an dieser Stelle
einen römischen Spruch zitieren: „Ich habe gemacht, was ich konnte, mögen
die es besser machen, die dazu imstande sind.“
taz: [2][Sie gewannen in Cannes den Großen Preis der Jury. In Ihrer
Dankesrede adressierten Sie Wladimir Putin und forderten ihn auf, das
Blutvergießen endlich zu beenden]. Im September wurden Sie von der
russischen Regierung auf die Liste ausländischer Agenten gesetzt. Was macht
das mit Ihnen?
Swjaginzew: Ich möchte Leere nicht kommentieren. Das hat für mich keine
Bedeutung.
taz: Ihre Filme wie etwa [3][„Leviathan“], [4][„Loveless“] und auch
„Minotaurus“ sind von einem großen Fatalismus durchzogen. Sie zeigen ein
moralisch verkommenes Russland, das korrumpiert ist von Machtstreben,
Gewalt und Patriarchat. Wo sehen Sie einen Lichtblick in diesem Land?
Swjaginzew: Den Lichtblick sehe ich darin, dass ich darüber reden kann.
Dass wir das Zeugnis der Zeit ablegen könne. Dass wir diese Zeit festhalten
können und das in der Sprache tun können, die zu uns passt, die angemessen
ist. Das ist die Hoffnung. Dass man sprechen kann und Gehör findet. Das
klingt vielleicht pathetisch, aber anders kann ich das nicht formulieren.
6 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Radiofeature-ueber-Claude-Chabrol/!5105655
(DIR) [2] /Goldene-Palme-in-Cannes-fuer-Fjord/!6181594
(DIR) [3] /Russland-und-der-Flim-Leviathan/!5023009
(DIR) [4] /Familiendrama-Loveless/!5489050
## AUTOREN
(DIR) Tobias Obermeier
## TAGS
(DIR) Spielfilm
(DIR) Film noir
(DIR) Russland
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Detektiv
(DIR) Ehe
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Filmfestspiele Cannes Favoriten: Pflegen für die Demokratie
Die 79. Filmfestspiele von Cannes gehen mit der Preisverleihung am
Samstagabend zu Ende. Eine kleine Bilanz vorab mit einigen Favoriten für
die Goldene Palme.
(DIR) Familiendrama „Loveless“: Aus der Welt verschwinden
In Andrei Swjaginzews Film trennt sich ein Paar, der Sohn geht unter. Das
Drama zeigt das heutige Russland perfekt ausgeleuchtet in Dauerdämmerung.
(DIR) Russland und der Flim „Leviathan“: Sorge um das unbefleckte Russenbild
Der Film „Leviathan“ ist für den Oscar nominiert. Der Regisseur Andrei
Swjaginzew wird in Russland der Nestbeschmutzung bezichtigt.