# taz.de -- Teil 9 der Reihe zu Foucault: Es kann alles auch ganz anders sein
       
       > Am 15. Oktober wäre Michel Foucault 100 Jahre alt geworden. In einer
       > Studie untersuchen die Autoren Martin Saar und Frieder Vogelmann seine
       > Aktualität.
       
 (IMG) Bild: Emanzipation von der Macht des Gegebenen: Michel Foucault
       
       Die großen Theorien, der Marxismus ist ein gutes Beispiel, so Michel
       Foucault, versorgen uns mit Werkzeugen für Kritik – jedoch nur noch unter
       der Bedingung, dass wir ihre Einheit aussetzen oder „zumindest“ dadurch,
       dass diese Einheit „zerschnitten, zerrissen, zerfetzt, von außen nach innen
       gekehrt, verlagert, karikiert, dramatisiert, theatralisiert wird usw.“
       
       Das kleine Wort „zumindest“ lässt in diesem Satz erwarten, dass Foucault
       die These relativiert, stattdessen tobt er sich so richtig aus. Er
       verweigert sich hier der Frage, ob der Marxismus recht hat, es geht ihm um
       die Machteffekte großer geschlossener Theorien und um seine institutionelle
       Absicherung: Der Marxismus kolonialisiert das Feld des Widerstandes, gibt
       vor, wer sprechen darf und wer nicht, und legt damit fest, welche sozialen
       Kämpfe allenfalls Nebenschauplätze sind, die unsere Aufmerksamkeit von dem
       abziehen, worum es eigentlich geht: nämlich Arbeit und Kapital.
       
       Jedes Nachdenken über die Aktualität Foucaults sollte auf dieses
       kulturgeschichtliche, bis heute nachwirkende Moment zurückgehen: die
       Trennung vom Marxismus (nicht von Marx, der für ihn ein Bezugspunkt blieb).
       Sie hat in den besonderen französischen Verhältnissen ihren Anlass. Die
       Kommunistische Partei Frankreichs erzielte bis in die 1970er Jahre
       Wahlergebnisse von 20 Prozent und monopolisierte alle intellektuellen
       Ressourcen.
       
       Und es ist nicht etwa so, dass die Abkehr von diesem Marxismus Foucault
       allein zugeschrieben werden könnte. Das hieße, den neuen sozialen
       Bewegungen unrecht zu tun. Aber Foucaults Theorien wurden zu einer ihrer
       wirksamsten Rechtfertigungen. Sie erlaubten es jenen Marginalisierten
       (Schwulen, Gefangenen, Psychiatriepatient:innen usw.), die für den
       klassischen Marxismus als revolutionäre Subjekte schlichtweg nicht infrage
       kamen (das musste Foucault durchaus persönlich nehmen), ihre Erfahrung
       politisch, ja antikapitalistisch zu denken.
       
       ## Das Defizit großer Theorien
       
       Verzichtet Foucault bei alledem selbst auf die Einheit einer geschlossenen
       Theorie? Immerhin ist er doch bekannt für seine Metamorphosen: von
       [1][Marquis de Sade] bis zu dem SPD-Programm der frühen BRD und „obskuren“
       antiken Philosophen. Was Foucault uns hinterlässt, so schreiben die Autoren
       Martin Saar und Frieder Vogelmann in ihrem gerade erschienenen Buch
       „Bedingungen unserer Existenz. Zur Aktualität Michel Foucaults“, ist keine
       geschlossene Theorie oder Ansammlung von Doktrinen, sondern es ist ein
       „Denkstil“ beziehungsweise „eine Methode“ (Saar und Vogelmann benutzen
       diese Begriffe in einem Atemzug).
       
       Eine Methode, die ein Defizit großer Theorien behebt: Sie verschreibt sich
       keiner Disziplin und ersetzt auch keine – auch dem verdankt sich Foucaults
       Erfolg. Den Foucaultschen bösen, das heißt „existenziellen“ Blick gibt es
       in den Politikwissenschaften, der Philosophie, der Geschichte,
       Anthropologie, Soziologie (you name it!). Er wanderte in all diese
       Disziplinen ein.
       
       Existenziell ist Foucaults Perspektive aus zwei Gründen. Erstens fragt
       Foucault, [2][anders als Kant,] mit dem ihn durchaus viel verbindet, nicht
       nach den Bedingungen der Möglichkeit (das bliebe im luftleerer Raum),
       sondern danach, warum etwas so ist, wie es ist. Er fragt, so Saar und
       Vogelmann, nach den Bedingungen der Existenz eines Diskurses, einer
       Institution, einer Praktik und nicht zuletzt, der Wahrheit selbst, das
       heißt, den (historischen) Bedingungen dafür, dass wir etwas als wahr oder
       falsch anerkennen.
       
       Zweitens ist in dieser Befragung für Foucault das Sein des Individuums
       immer impliziert. Es geht um dessen Selbstverhältnis: was es über sich weiß
       und sagen kann. Das hängt eben von den Diskursen, Praktiken und
       Institutionen ab, denen es unterworfen ist. „Subjectum“ ist etymologisch
       bereits das Unterworfene. Was ich, zum Beispiel, über meine physische
       Beschaffenheit, über meine Stärken und Schwächen weiß, was mich beschämt
       oder stolz macht, hat sehr viel mit den Verrichtungen zu tun, die ich
       auszuführen habe (andere Geräte und Übungen, etwa im Sportunterricht, und
       das Wissen über meinen Körper ist ein anderes).
       
       Diese Macht, dieses Wissen, dieses Subjekt, das sind die Dimensionen, in
       denen Foucault die Dinge befragt.
       
       ## Selbstregulierung der Individuen
       
       Saar und Vogelmann wählen Beispiele für die Relevanz Foucaults, die
       aktueller kaum sein könnten, etwa die autoritäre Form des Neoliberalismus.
       Mit Verweis auf eine Vielzahl von Studien, die sich an Foucaults
       Liberalismus-Vorlesungen orientieren, zeichnen sie Formen „autoritärer
       Subjektivierung“ nach: die Lust am Zerstören, das Bedürfnis nach Führern.
       Foucaults Begriff einer „Regierungsvernunft“ (Gouvernementalität) und ihre
       Verschaltung mit der Selbstregierung der Individuen werden so zu
       Instrumenten, um auch diese so gegenwärtigen Phänomene verstehen.
       
       Zugleich kritisieren sie Foucaults Ignoranz gegenüber dem [3][europäischen
       Kolonialismus,] die die Gültigkeit seiner Analysen einschränkt, indem sie
       wichtige Ursprünge der modernen Biomacht (eines seiner populärsten
       Konzepte) verkennt.
       
       Ihr Ansatz führt die Arbeiten Foucaults von den frühen 1960er Jahren bis zu
       den letzten Vorlesungen zusammen, ohne ihnen Gewalt anzutun. Insofern ist
       ihr Buch auch eine gute Einführung für die Foucault-Unkundigen. Saar und
       Vogelmann orientieren sich dabei an dem, was seine Feinde ihm am schärfsten
       vorwerfen: Foucault sei Relativist, Wegbereiter von Fake News und Apologet
       einer Identitätspolitik, aber sie stellen gerade seine Reflexionen zu
       Identität und Wahrheit als besondere Stärke heraus (stimmen also mit
       Foucaults Feinden überein, was seinen brisanten Aktualitätskern ausmacht).
       
       Foucault unterwerfe „Wahrheit“ nicht Machtzwecken, erklären Saar und
       Vogelmann. Eine solche Behauptung verstünde die Wahrheit als schlicht
       gegeben und die Macht als von außen darauf zugreifend (kaum versteckt
       sticheln sie gegen Habermas' Vorstellung eines herrschaftsfreien Diskurses
       als Grundlage von Wahrheit). Foucault zeige uns stattdessen, unter welchen
       sozialen und institutionellen Bedingungen etwa Aussagen zum unbedingten
       Segen von Konkurrenz oder individueller Verantwortung, die eine neoliberale
       Politik stützen, an Plausibilität gewinnen und oft selbst nach Maßgabe
       dieser Bedingungen nichts als „mit Hegemonie gepanzerte Unwahrheiten sind“.
       
       ## Wahrheit und Macht
       
       Gerade die Annahme, Wahrheit liege außerhalb der Macht und sei evident,
       kann uns gegenüber Sätzen zur Konkurrenz und Verantwortung resigniert und
       wehrlos zurücklassen. Ebenso sehen wir mit Foucault, dass es keine
       identitätsfreie Politik gibt; Identitätsbehauptungen sind schlicht
       Voraussetzung von Politik, oft unausgesprochen. Auch Klassenzugehörigkeit
       ist Identität. Sie kann behauptet, strategisch eingesetzt oder
       zurückgewiesen werden.
       
       Foucault selbst ging es vor allem um die Zurückweisung, um eine „Befreiung
       von“, um eine Emanzipation von der Last des Gegebenen und um ein „Es kann
       auch anders sein“. „Wenn etwas historisch geworden ist, kann man es
       politisch zerstören“, erklärte er 1981 in einem Gespräch. Denn „historisch
       geworden“ heißt, es hat sich durchgesetzt in Kämpfen, die sich wieder
       aufnehmen lassen.
       
       Die starke Geste einer „Befreiung von“, das ist ein verbreiteter Einwand
       gegen Foucault, wird jedoch durch den Verzicht auf allgemeine normative
       Vorgaben ermöglicht. Vielleicht ist das ein Preis, den wir bereit sein
       sollten zu zahlen für die Möglichkeit einer radikalen Kritik unserer
       Selbstverständlichkeiten?
       
       Foucault jedenfalls hoffte lange darauf, dass sich aus den konkreten
       Kämpfen das Bessere von selbst ergibt. Er setzte auf das „disqualifizierte
       Wissen“ der je Betroffenen – im Gefängnisaktivismus, in der iranischen
       Revolution, noch in den Debatten um das gesetzliche Schutzalter
       Minderjähriger –, und das (so erstaunlich!), obwohl er das Subjekt als
       durch und durch unterworfenes begriff. Und er lag mit seinem Optimismus oft
       falsch. „Dieses Subjekt, diese Macht und dieses Wissen“ griffen dann zu
       kurz. Es spielt eben manchmal durchaus eine Rolle, dass es „kein richtiges
       Leben im falschen gibt“.
       
       ## Wer spricht?
       
       Man kann Foucaults Hinwendung zur Ethik des Selbst und zum „furchtlosen
       Wahrsprechen“ (parrhesia) in seiner letzten Vorlesung als Reaktion auf den
       gescheiterten Optimismus verstehen. Schließlich verzichtet er in seinen
       späten Schriften auf alles Kollektive und schlägt eine individualistische,
       ja beinahe elitäre Lösung vor (die Regeln für das Wahrsprechen werden
       unendlich kompliziert). Gleichwohl unterwirft er sich selbst solchen
       Regeln.
       
       Der Begriff „Denkstil“, den Saar und Vogelmann verwenden, verbirgt allemal,
       dass Theorie bei Foucault eine Lebensform und sein Aktivismus keine Fußnote
       war. Das konnte nicht verhindern und ist Teil seiner Aktualität, dass
       Libertäre und Konservative ihn mittlerweile als Verbündeten reklamieren, ob
       in ihrer Kritik an den Covid-Maßnahmen oder an staatlicher Klimapolitik.
       
       Die Frage nach dem Wahrheitswert lässt sich auch hier suspendieren
       zugunsten der Einsicht in die Machteffekte. Warum sollte es Foucault besser
       ergehen als Nietzsche oder Gramsci? Wäre er empört? Theorie ist ein
       Werkzeugkasten! Außerdem, hat er nicht in „Was ist ein Autor?“ 1969 bereits
       gesagt: „Wen kümmert’s, wer spricht“?
       
       Mit Blick auf AI feiert dies die New York Times als prophetische Einsicht.
       Wir antworten dennoch: Uns kümmert es sehr! Es ist Foucault!
       
       15 Oct 2026
       
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