# taz.de -- Ölwrestling in der Türkei: Gut geölte Männer
       
       > Ölwrestling zählt zu den ältesten Sportarten der Türkei. Die
       > Erdoğan-Regierung fördert den „Ahnensport“, um ein breites Publikum zu
       > erreichen.
       
 (IMG) Bild: Zwei Ringer unter türkischer Flagge, Präsidentencup, Istanbul, 26. September 2026
       
       Unter tosendem Applaus betritt Cemal Cumbur den Rasen in der
       Wrestling-Arena nahe Seydikemer im Süden der Türkei. Während trommelnde
       Musiker den Takt vorgeben, übergießt der Wrestler seinen stählernen Körper
       mit Olivenöl. Mit eisernem Blick stellt er sich vor seinem Gegner auf, der
       ihn um einen Kopf überragt und wohl doppelt so viel wiegt. Doch Cumbur
       wirkt entschlossen, den Koloss zu bezwingen. Ungleiche Duelle wie diese hat
       er schon öfter für sich entschieden. In der Szene trägt er deshalb den
       Spitznamen „Atom Karınca“, was so viel wie Atomameise bedeutet.
       
       „Yağlı Güreş“ heißt der Ölringkampf, der in der Türkei [1][seit rund
       siebenhundert Jahren] ausgetragen wird. Der Sport gehört zu den ältesten
       Kampfsporttraditionen des Landes. Durch das Öl gilt er als besonders
       anspruchsvoll. Das größte Turnier im Ölwrestling, das bereits 665-mal in
       Edirne im Westen der Türkei stattfand, gilt als immaterielles Kulturerbe
       der Unesco. Und auch der jährliche Wettbewerb in Seydikemer sorgt für
       Aufmerksamkeit: Rund 1.100 sogenannte Pehlivans – also Ringer – treten an.
       Etwa 10.000 Zuschauer verfolgen die Kämpfe. Außerhalb des Stadions
       verkaufen Händler Grillfleisch, Kinder fahren Karussell, Familien
       picknicken.
       
       Trainer Numan Yayıcı beobachtet seinen Schüler Cumbur von der Seitenlinie.
       „Der Sport liegt uns in den Genen. Schon unser Prophet Muhammad hat
       Konflikte beim Ringen ausgetragen“, erklärt er. Der Überlieferung zufolge
       habe Mohammad dreimal gegen den großen Kämpfer Rukana gewonnen, der danach
       ehrfürchtig zum Islam konvertierte. Ein Pehlivan sei deshalb nicht einfach
       nur ein Ringer: „Sie genießen großen Respekt in der Gesellschaft“, erklärt
       Yayıcı.
       
       Das weiß auch die türkische AKP-Regierung. Präsident Recep Tayyip Erdoğan
       bezeichnet Yağlı Güreş ausdrücklich als „Ata sporu“ – als Sport der
       Vorfahren. Im September fand ein eigens ausgerichteter Präsidenten-Cup
       statt, den Erdoğan von der Tribüne aus verfolgte. Auch in der Arena von
       Seydikemer ist die nationalkonservative Prägung des Sports sichtbar: Über
       dem Rasen wehen mehr türkische Flaggen, als man zählen könnte, dazwischen
       hängen übergroße Porträts von Republikgründer Atatürk, Erdoğan und dem
       AKP-Bürgermeister der Region.
       
       ## Politisches Interesse
       
       Dass hinter der Förderung traditioneller Sportarten auch politisches
       Interesse stehen könnte, zeigt ein Blick auf die World Ethnosport
       Confederation. Seit 2017 setzt sich die Organisation für den Erhalt
       traditioneller Sportarten und kultureller Identität ein. An ihrer Spitze
       steht Bilal Erdoğan, [2][der Sohn des Präsidenten]. Die World Ethnosport
       Confederation verbindet den Ölringkampf mit traditionellen Vorstellungen
       von Männlichkeit.
       
       Spätestens seit der Fußballweltmeisterschaft in Katar ist bekannt, dass
       Autokraten Sportereignisse zu ihren Gunsten inszenieren. Auch Yağlı Güreş
       vermittelt ein bestimmtes Narrativ: Die stolzen und durchtrainierten
       Kämpfer verkörpern Stärke, Disziplin und Tradition. Die World Ethnosport
       Confederation will den Sport über die Ländergrenzen hinaus bekannt machen
       und damit möglicherweise auch das Bild einer starken, traditionsbewussten
       Türkei verbreiten.
       
       „In der Zukunft wird es vielleicht mal einen europäischen
       Ölwrestling-Wettbewerb geben“, sagt Trainer Numan Yayıcı. Er begrüßt, dass
       der Sport an Aufmerksamkeit gewinnt. Dadurch verdienen seine Schüler mehr
       Geld, können sich voll auf den Sport konzentrieren. „Viele der Kämpfer
       leben nur von den Preisgeldern, die sie den Sommer über bei Wettbewerben
       verdient haben“, erklärt er. Die laufende Wirtschaftskrise in der Türkei
       ließ die Inflation auf jetzt rund 30 Prozent wachsen, zurzeit würden viele
       Kämpfer nur schwer über die Runden kommen.
       
       In der Arena von Seydikemer liegt Spannung in der Luft. Cemal Cumbur
       versucht, seinen schweren Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dafür
       greift er in dessen Kıspet, die traditionelle Lederhose der Ringer. Wer
       seinen Gegner zuerst mit beiden Schultern auf den Boden zwingt oder ihn
       hochhebt und drei Schritt trägt, gewinnt den Kampf. Flink schiebt sich
       Cemal Cumbur unter seinen Gegner, [3][packt sein Hosenbein] und wirft ihn
       zu Boden. Auf der Tribüne springen die Zuschauer jubelnd auf. Auch Coach
       Numan Yayıcı kann seinen Stolz nicht zurückhalten: „Genau deshalb nennt man
       ihn Atomameise“, ruft er grinsend.
       
       13 Oct 2026
       
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