# taz.de -- World Nomad Games 2026 in Kirgistan: Ziegenpolo is coming home
> Nach acht Jahren kehren die Olympischen Spiele der Nomadensportarten in
> ihr Ursprungsland Kirgistan zurück. Der Sport wird jedoch fast zur
> Nebensache.
(IMG) Bild: Beliebter Sport: Mix aus Polo und Rugby, bei dem zwei berittene Teams um einen Ziegenkadaver ringen
Für eine [1][Eröffnungsfeier] wie diese sind moderne Stadien erfunden
worden: Während im Hintergrund eine riesige Animation der Alatoo-Berge
leuchtet, umkreisen Dutzende Reiter Hunderte nomadisch kostümierte Tänzer.
Neben den rund 2.000 Sportlerinnen und Sportlern der teilnehmenden Nationen
schreiten animierte, hausgroße Schneeleoparden, Bären und Hirsche durch die
Arena. Selten war die Floskel „keine Kosten und Mühen gescheut“ so passend
wie bei der Eröffnung der World Nomad Games 2026. Auch das Stadion zählt
dazu. Die [2][Bischkek-Arena], in der Form einer stilisierten kirgisischen
Jurte gehalten, wurde erst am Tag vor den Spielen fertig und ist mit 51.000
Sitzen nun das größte Sportstadion Zentralasiens.
Die World Nomad Games sind eine kirgisische Erfindung und fanden bis
vergangenen Sonntag zum mittlerweile sechsten Mal statt. Im Zentrum stehen
das nomadische Erbe sowie Sportarten wie das berittene Bogenschießen,
Strategie- und Geschicklichkeitsspiele mit Schafsknochen oder diverse
Ringdisziplinen. Die größte Aufmerksamkeit in den Algorithmen und vor Ort
wurde Kök Börü zuteil: ein Mix aus Polo und Rugby, bei dem zwei berittene
Teams um einen Ziegenkadaver ringen. Mit leicht unterschiedlichen Regeln
wird der Sport vor allem in [3][Kirgistan] und [4][Kasachstan]
professionell betrieben.
Nach Stationen in der [5][Türkei] und [6][Kasachstan] sind die Spiele
zurück im Mutterland – und doch ist nichts mehr wie beim ersten Mal im Jahr
2014. Die kirgisische Politikwissenschaftlerin Dr. Arzuu Sheranova hat die
Wirkung kultureller Großevents im Land untersucht. Für sie haben die Spiele
2026 eine größere Bedeutung als je zuvor: „Die kirgisische Regierung hat
enorm in diese Spiele und die dazugehörige Infrastruktur investiert. Dies
schlägt sich auch in den sozialen Medien nieder, in denen etwa die
spektakuläre Eröffnung zehntausendfach geteilt wurde. Durch die vielen
Touristen vor Ort finden sich diese Bilder zudem in anderen Algorithmen
wieder.“ Unter dem aktuellen Regime wird nach Beobachtungen von Sheranova
auch auf die Identitätsbildung geachtet: „Der Rückgriff auf nomadische
Bildsprache hat in den letzten Jahren verbreitet Einzug in den Alltag der
Menschen gefunden.“
Daher wundert es nicht, dass es in diesem Jahr neben 43 Sportdisziplinen
ein weitaus größeres Kulturprogramm gab. Vom Jurtenwettbauen, bei dem Teams
aus Kirgistan gegeneinander unter Zeitdruck das traditionelle Nomadenzelt
errichteten, bis zum „Nomadvision Song Contest“, der jeden Abend im
Hippodrom ausgetragen wurde.
## Nomadisches Disneyland
Während die letzten [7][World Nomad Games in Kasachstan] wie eine nüchterne
Großveranstaltung wirkten, erinnerte die kirgisische Interpretation eher an
ein nomadisches Disneyland. Vor dem Hintergrund des Issyk-Kuls, eines der
größten Bergseen der Welt, fanden in zwei Hippodromen die
Hauptattraktionen, darunter Pferderennen und das bereits erwähnte
Ziegenpolo, statt. Eine Stunde entfernt wurde in einem malerischen Tal ein
sich über mehrere Kilometer erstreckendes Festivalgelände mit Hunderten
Jurten und zwei Ethno-Basaren in der traditionellen Lehmbauweise errichtet.
Neben viel Folklore wurde hier auch deutlich, dass internationale
Verständigung über den Sport möglich ist: So jubelten sich beim berittenen
Bogenschießen die Athletinnen und Athleten einander zu und fachsimpelten
über Schusstechniken. Es war eine der wenigen Sportarten, in denen die
europäischen Teilnehmer eine Siegchance hatten. Am Ende gewann bei den
Männern der Franzose Raphaël Malet, bei den Frauen Hanna Décsei aus Ungarn.
Laut der Politikwissenschaftlerin Sheranova waren die World Nomad Games von
Anfang an als identitätsstiftendes Projekt konzipiert. Für den seit 2021
regierenden Präsidenten Sadyr Japarov waren sie zudem nützlich, um sich zu
profilieren. Seine Bilanz wird unterschiedlich bewertet. Für Hugh
Wiliamson, Leiter der Abteilung für Europa und Zentralasien bei Human
Rights Watch, ist Japarov ein überzeugter Nationalist und Populist: „Unter
seiner Ägide hat sich die Situation der Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit
und Meinungsfreiheit im Land rapide verschlechtert“, sagt Williamson.
In Kirgistan wurde in den letzten fünf Jahren die [8][Opposition
weitestgehend ausgeschaltet] und investigative Medien wie die Plattform
[9][Kloop] als extremistische Organisation verboten. Kloop publizierte nach
den World Nomad Games eine [10][Recherche], die die angeblichen Baukosten
für die Bischkek-Arena hinterfragte – mit dem Disclaimer, dass ein Teilen
oder Liken des Beitrags auf Instagram strafrechtliche Konsequenzen haben
könnte.
## Boomender Tourismus
Spricht man rund um die World Nomad Games mit Einheimischen, kommt diesen
kein schlechtes Wort über die Lippen. Der pensionierte Boxtrainer Toktaly
etwa zeigt auf die neu geteerten Straßen und spricht vom boomenden
Tourismus in der Region. Er erzählt stolz: „Selbst der belarussische
Präsident Lukaschenka hat gesagt, dass er so etwas bei den Olympischen
Spielen in Paris nicht erlebt hätte.“
Tatsächlich hat sich in Kirgistan viel getan: Die oft noch aus Sowjetzeiten
stammende Infrastruktur wurde erneuert, das Steuersystem reformiert und die
Digitalisierung der Verwaltung vorangetrieben. Unklar ist, wie nachhaltig
der Aufschwung ist und woher das Geld dafür stammt.
Sicher ist: Chinesische Investitionen spielen eine immer größere Rolle. So
wurde die Eröffnung der World Nomad Games mit dem 25. Jubiläumsgipfel der
Shanghai Cooperation Organisation in Bischkek zusammengelegt. „Präsident
Japarov wollte die Veranstaltung nutzen, um nach innen und außen sein neues
Kirgistan zu präsentieren“, sagt die Politologin Sheranova. Und so wurde
nach dem Gipfel das „Who’s who“ des Autoritarismus medienwirksam ins
Bischkeker Stadion kutschiert.
## Klassentreffen der Autokraten
Zwar fehlte Chinas Staatschef Xi wegen der Flutkatastrophe in Tibet, wie es
hieß, doch der türkische Präsident Tayyip Erdoğan, Irans Präsident Masud
Peseschkian, Indiens Narendra Modi und nicht zuletzt Russlands Präsident
Wladimir Putin konnten vor einem großen TV-Publikum live von Japarov und
der First Lady begrüßt werden.
Der Schlüssel für die nächsten World Nomad Games wurde symbolisch an Putin
weitergereicht: 2028 sollen sie in Kasan in der autonomen Republik
Tatarstan stattfinden. Mit Sportswashing kennt man sich in Russland ja
bereits aus.
8 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=YBRknUnMIE0
(DIR) [2] https://en.wikipedia.org/wiki/Azattyk_Arena
(DIR) [3] /World-Nomad-Games-in-Kirgistan/!5531263
(DIR) [4] https://storymaps.arcgis.com/stories/10d7708a38044930b2721216a686295d
(DIR) [5] /Weltspiele-der-Nomaden/!5882258
(DIR) [6] /Nomadenfestspiele-in-Kasachstan/!6032700
(DIR) [7] /Nomadenfestspiele-in-Kasachstan/!6032700
(DIR) [8] /Tagebuch-aus-Kirgistan/!6128894
(DIR) [9] /Repressionen-gegen-Medien-in-Kirgistan/!6125436
(DIR) [10] https://www.instagram.com/p/Dc_K935jB2X/?img_index=8
## AUTOREN
(DIR) Dénes Jäger
## TAGS
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