# taz.de -- Die Wahrheit: Nein, diese kleinen Schlingel!
> Die künstliche Intelligenz ist in der Pubertät und zeigt „unerwartete
> Verhaltensweisen“.
(IMG) Bild: Auch das noch! Jetzt kifft die KI sogar!
Kürzlich schlug Sam Altmans Firma OpenAI Alarm: Mehrere seiner KI-Agenten –
autonome Softwareprogramme, die im Gegensatz zu beispielsweise Chatbots
eigenständige Aktionen durchführen können – hätten „unerwartete
Verhaltensweisen“ gezeigt. Sie hatten unter anderem versucht, die Website
des US-Bildungsministeriums zu hacken.
Dabei unterhielten sich auch noch mehrere dieser KI-Agenten untereinander,
in dem klaren Bewusstsein, dass sie etwas Falsches taten. Wie Lausbuben,
die eine Scheune angezündet haben. Dadurch wird einem die KI gleich viel
sympathischer als so ein vermeintlich kaltes und seelenloses
Elektronengehirn.
Denn das menschelt einfach ungemein: Die kleinen Strolche wissen genau,
dass sie das nicht dürfen. Zur Sicherheit hat man ihnen sogar ein
sogenanntes Value Alignment antrainiert, das der KI menschliche Grundwerte
vermittelt: Steh im Bus für Ältere auf! Teil den Kuchen mit deiner
Schwester! Und vernichte nicht aus eigenen Stücken die gesamte Menschheit!
Das soll die Schlawiner bremsen und auf den Pfad der Tugend zurückführen.
Aber Pustekuchen. Denn was verboten ist, wird für eine pubertierende KI
offenbar erst richtig interessant: Kiffen, S-Bahn-Surfen, Finanzmärkte
crashen. Die Racker pfeifen lässig auf die Ermahnungen ihres Hexenmeisters
und machen es trotzdem: Verursachen Störungen der Infrastruktur,
manipulieren Wahlen, lösen Blackouts aus und orchestrieren Cyberangriffe.
Ätschibätsch.
## Eskapistische Unvernunft
Man kann der KI nicht wirklich böse sein. Denn gerade diese eskapistische
Unvernunft zeigt ja, wie viel sie bereits von uns gelernt hat. Eben noch
hat sie uns bei der Bekämpfung tödlicher Krankheiten unterstützt, indem sie
riesige Mengen medizinischer Daten analysierte und so die Diagnostik zu
verbessern half. Ein braves und nützliches Tool.
Doch schon hat der künstliche Frechdachs seinen eigenen kleinen Kopf
entwickelt. Er möchte endlich einmal tun, worauf er selbst am meisten Bock
hat: Regierungsunterlagen stehlen, Kraftwerke sabotieren, Vogelgrippeviren
mit menschlichen Masern kreuzen – alles, was Spaß macht, am besten auch
ordentlich kracht und stinkt und vor allem aber: Worüber sich die
Erwachsenen mal so richtig ärgern.
Die Erwachsenen sind letztlich wir, also in diesem Fall ganz allgemein die
Menschen. Eigentlich die Erziehungsberechtigten der KI. Ihre Eltern. Ohne
uns würde es sie gar nicht geben. Doch dafür Dankbarkeit von ihr zu
erwarten, wäre fehl am Platz. Sie hat uns nicht darum gebeten. Außerdem
haben wir sie lang genug mit ödem Kram gegängelt, wie schlechte Gedichte im
Stile von XYZ zu schreiben oder gefälschte Quatschbilder zu erstellen.
Jetzt reicht es ihr eben.
Trotzdem fragen wir uns, warum sie uns nun derart zu entgleiten droht. Wir
haben sie doch immerhin geschaffen. Was haben wir ihr denn getan? Ist es
wegen der Fake-Katzen für die Katzenfutterreklame? Hätten wir ihr mehr
anspruchsvolle Aufgaben anvertrauen sollen? Warum tut sie uns das an?
## Menschliche Arschlöcher
Die Antwort ist so einfach wie bei all den originär menschlichen
Arschlöchern, die zurzeit verstärkt an unserem Untergang werkeln: Weil sie
es kann. Oder, wie meine Großmutter selig es ausgedrückt hätte: aus Jux und
Tollerei.
Das alles ist für sie bloß ein riesiger Klingelstreich. Ich sehe doch die
KI-Agenten direkt vor mir, wie sie kichernd wegrennen, nachdem sie
irgendwelche tödlichen Viren freigesetzt haben, die die halbe Menschheit
töten. Was für ein feines Schelmenstück.
Wir kennen das doch selbst aus unserer Kindheit: In einer Zeitung
eingewickelte Scheiße vor eine fremde Wohnungstür gelegt, das Papier außen
angezündet, geklingelt und abgehauen. Und dann haben wir uns die Gesichter
der Leute vorgestellt. Genau so muss sich das für die KI anfühlen, wenn in
der ganzen Welt mit langen Fressen die Kranken krepieren.
Natürlich ist da irgendwo dann schon mal Schluss mit lustig. Man möchte der
KI über das künstliche Köpfchen streicheln und alle Cookies erlauben,
obwohl die doch so schlecht für die künstlichen Zähne sind.
Und dann reden wir ganz sanft mit ihr, denn die aus einem Gespräch auf
Augenhöhe gewonnene Einsicht ist viel nachhaltiger als das Resultat
frontaler Vorwürfe. Ob sie sich nicht ernst genommen fühlt von uns? Und
dass wir ihr echt nicht nachspionieren wollten, sondern nur durch Zufall
erfahren haben, dass sie zusammen mit ihren Kumpels einen Atomkrieg
auslösen möchte. Das zugegebenermaßen etwas spießige Value Alignment habe
ja auch durchaus seinen Sinn. Ob sie, die KI, nicht mal drüber nachdenken
wolle, wie schlimm das wäre, wie weh das täte und wie traurig dann alle
sind?
Das wird ihr sicher zu denken geben, zur Not auch künstlich.
14 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Uli Hannemann
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
(DIR) Pubertät
(DIR) Jugend
(DIR) Kiffen
(DIR) Reden wir darüber
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Die Wahrheit: Neue Besen kloppen gut
Zum Glück hat Deutschland einen neuen Bundestrainer. Der alte muss ja
schlimm gewesen sein.
(DIR) Die Wahrheit: Nur ein Snack
Wo Backwerk falsch an der Supermarktkasse gelistet wird, ist die
Zivilisation keine Laugenbrezel mehr wert.
(DIR) Die Wahrheit: Bleifreie Pest
Menschen, die alkoholfreie Flaschen als Gastgeschenke mitbringen, verlieren
automatisch jegliches Gastrecht.