# taz.de -- Die Wahrheit: Bleifreie Pest
       
       > Menschen, die alkoholfreie Flaschen als Gastgeschenke mitbringen,
       > verlieren automatisch jegliches Gastrecht.
       
 (IMG) Bild: Prost! Alkohol ist ein Geschmacksträger, der für bestimmte Getränke unverzichtbar ist
       
       In jüngster Zeit bekamen wir von Besuchern zu verschiedenen Anlässen gleich
       mehrmals Flaschen überreicht. Zwei davon eher bauchiger Natur, mit
       bonbonbunten Flüssigkeiten gefüllt, und die dritte sieht nach einem edlen
       Sekt aus.
       
       Man denkt also, da kommt was Leckeres, und dann die Enttäuschung. Die
       scheinbaren Likörpullen enthalten alkoholfreie Grundstoffe, die sich mit
       Eis und Sprudelwasser zu irgendwelchen Mocktails mixen lassen – eine Idee
       direkt aus der Hölle. Das alles wird einem dann noch mit so einem
       unangebrachten Stolz in der Stimme haarklein erklärt. Und auch der Sekt ist
       alkoholfrei. Folglich kein Sekt, so klar muss man das sagen.
       
       Es ist, als ob die Oma früher statt Schokolade altes Schwarzbrot mitbringt.
       Da noch Freude und Dankbarkeit zu heucheln, kostet mich das mimische Talent
       eines todkranken Schauspielers, der in einer Hochzeitskomödie den
       verliebten Bräutigam gibt.
       
       Ich glaube ja nicht mal, dass die Schenkenden hier groß missionieren
       wollen, weil sie vielleicht seit neuestem selbst nichts trinken. So wie man
       das von verkniffenen Ex-Rauchern kennt, die sogar an der frischen Luft
       immer gleich so super genervt herumwedeln, sobald im Umkreis von fünfzig
       Metern irgendjemand qualmt. Aber so sind meine Leute gar nicht drauf. Das
       sind normalerweise gute Menschen.
       
       Stattdessen nehme ich zu ihren Gunsten einfach an, dass sie mir auf diese
       Weise so takt- wie liebevoll signalisieren, dass sie sich kritisch mit
       meinem mutmaßlichen Alkoholkonsum und dessen Auswirkungen auf meine
       Gesundheit auseinandersetzen. Das ehrt sie ja auch.
       
       Liebe Freunde, ich weiß eure Sorge wirklich zu schätzen, aber sprecht mich
       dann ruhig direkt an oder geht meinetwegen den Umweg über gemeinsame
       Bekannte, Angehörige oder den sozialpsychiatrischen Dienst. Das halte ich
       nicht nur für legitim, es rührt mich sogar. Das ist total nett. So muss es
       sein. Nur bitte behaltet euer Zeug.
       
       Aber vermutlich interpretiere ich auch zu viel hinein, und man macht das
       jetzt einfach so. Es ist das Lifestyle-Mitbringsel schlechthin, ein
       Gesundheitsgeschenk wie ein Obstkorb oder ein Gutschein für Yoga. Was
       gestern das Buch, die Zimmerpflanze, der Rotwein war, ist heute die
       Fake-Plörre. Laut einem jüngeren Bekannten ist das inzwischen sogar der
       angesagte Trend bei Kneipenbesuchen: Nicht mehr saufen – alkfrei ist das
       neue Ecstasy.
       
       Das ist ja auch alles ganz wunderbar. Eingetretene Scheiße aus dem
       ausgelatschten Profil eines überholten Zeitgeists zu kratzen, war noch nie
       das Dümmste. Dass man in Zügen, Restaurants und Krankenhäusern Zigaretten
       raucht, kann sich heute auch keiner mehr vorstellen. In diesem Rahmen
       gehört selbstverständlich auch die uneingeschränkte Gesellschaftsfähigkeit
       kollektiver Druckbetankung auf den Prüfstand.
       
       Nur bitte doch nicht so. Natürlich habe ich das bunte Gesöff aus Respekt
       vor Gabe und Gebern gutwillig probiert: Das eine ein bitterer Ersatzstoff,
       der vage Richtung Aperol oder Campari geht beziehungsweise gehen soll, das
       andere ein reines Fantasy-Produkt, ohne Anlehnung an irgendwas, am ehesten
       vielleicht noch Hubba-Bubba-Kaugummis.
       
       Das Zeug schmeckt einfach nicht, denn Alkohol ist ein Geschmacksträger, der
       für bestimmte Getränke unverzichtbar ist. Wer den Geschmack ohnehin nicht
       mag, umso gesünder, herzlichen Glückwunsch. Aber ersetzen kann man ihn
       nicht.
       
       Wenn ich keinen Cocktail trinken will, mache ich das am besten, indem ich
       keinen Cocktail trinke. Bei Wein genauso. Alles besser als dieser flüssige
       Coitus interruptus, der nach Traubensaft schmeckt, bloß noch einen ganzen
       Zacken schlechter als echter Traubensaft.
       
       ## Wie in einem Auto ohne Räder sitzen
       
       So etwas zu konsumieren, ist, wie in einem Auto ohne Räder zu sitzen und
       laut „brrmm, brrmm“ zu machen. Lieber trinke ich Tee oder Wasser,
       Saftschorle, Tonic oder Ginger Ale. Oder alkoholfreies Bier – das ist
       tatsächlich das einzige, was auf dem Feld der Ersatzstoffe gut
       funktioniert.
       
       Oder ich trinke eben Alkohol, weil ich von meiner überbordenden Intelligenz
       ja auch mal dringend eine Auszeit benötige, deren Notwendigkeit
       wahrscheinlich nur diejenigen verstehen, deren quälend selbstzerstörerische
       Neigung zum übermäßigen Denken meiner ähnelt. Was Balkonien für den Körper,
       ist Alkohol für den Geist: Erholung daheim. Aber vielleicht hätte ich genau
       das den Freunden gegenüber nicht so oft betonen sollen. Jetzt schleppen sie
       in einem fort das nichtsnutzige Gesöff an.
       
       Über den Sekt hat der Schenker übrigens gesagt, der sei sehr gut, der
       schmecke „eben nicht wie Traubensaft“. Aber ich bleibe argwöhnisch, weil
       genau das es ist, was diese Leute immer gern zu diesen Sachen sagen.
       Deshalb habe ich den Sekt noch nicht geöffnet. Dabei könnte ich den ja
       guten Gewissens zu jeder Tageszeit trinken. Nur, warum sollte ich das tun?
       
       19 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uli Hannemann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Alkohol
 (DIR) Alkoholverbot
 (DIR) Gastfreundschaft
 (DIR) alkoholfrei
 (DIR) Geschenke
 (DIR) Satire
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Hölle
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Wahrheit: Die Ungesundes mit den Händen machen
       
       Clash der Kulturen: Ein Intellektueller trifft auf die Arbeiterschaft, die
       im Haus des Intellektuellen Arbeitertätigkeiten verrichten soll.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Zur Hölle mit der Meinung
       
       Immer mehr Menschen müssen alles teilen mit anderen. Auch den eskalierenden
       Wüterich in sich. Versuch eines Psychogramms.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Blubbern, Brodeln, Pladdern, Plumpsen
       
       Wie sieht eigentlich die Hölle aus? Wirklich wie ein Flammenmeer oder doch
       eher wie eine stark frequentierte Flughafentoilette?