# taz.de -- Die Wahrheit: Nur ein Snack
> Wo Backwerk falsch an der Supermarktkasse gelistet wird, ist die
> Zivilisation keine Laugenbrezel mehr wert.
(IMG) Bild: Bald laufen auch AKWs unter „Snack“. Schlimm!
Und wieder wartet an der Selbstbedienungskasse bei Rewe ein Riesenärgernis
auf mich. In meiner Brötchentüte befinden sich zwei Kürbiskernbrötchen und
zwei Laugenbrezeln. Also in weiterem Sinne Backwaren. Und zwar beides.
Die Kasse ist allerdings anderer Meinung. Unter „Brot/Brötchen“ sind zwar
die Kürbiskernbrötchen gelistet und sogar noch eine andere Sorte Brezeln.
Nur eben nicht die Laugenbrezeln.
Ein rücksichtsloser Bösewicht würde jetzt an meiner Stelle rotzfrech
irgendwelche beliebigen Brezeln eingeben und sich mit der falsch
bezeichneten Ware aus dem Staub machen. Doch mein moralischer Kompass ließe
das nicht zu. Auch verfüge ich gar nicht über so viel kriminelle Energie.
Deshalb frage ich eine Mitarbeiterin um Rat. Ihre Auskunft lässt mir das
Blut in den Adern gefrieren: Kürbiskernbrötchen stehen unter
„Brot/Brötchen“ und Laugenbrezeln unter „Snacks“.
## Leitplanken der Vernunft
Das ist absolut krank. Wer soll hier getäuscht werden und warum? Offenbar
ist jetzt endgültig alle Welt komplett verrückt geworden. Wie willst du so
etwas den Leuten noch guten Gewissens vermitteln? Morgen sind dann
Rosinenschnecken „Obst“ und Brezeln sind „Gemüse“. Oder „Getränke“. Das
kann ja beim verunsicherten Bürger nur zu Resignation und
Politikverdrossenheit führen. Er droht die Leitplanken der Vernunft und des
Wägbaren aus den Augen zu verlieren. Wer wollte ihm das verdenken?
Vor dem Hintergrund zunehmender Demokratieskepsis können wir uns derlei
sittliche Verwahrlosung schlicht nicht mehr leisten. Da ist dann auch mal
zivilgesellschaftliches Engagement gefragt, das dem gefährlichen Quatsch
mutig entgegentritt und die Filialleitung konfrontiert: „Hören Sie mal. So
geht es aber nicht. Hier ‚Brot/Brötchen‘. Da ‚Snacks‘. Beides ist aus Mehl,
Salz und Wasser. Das ist doch vollkommen willkürlich. Was sollen die Leute
denken? Woran sollen sie sich jetzt noch orientieren? Am Gesetz der
Straße?“
Doch wer bringt schon den Mut auf? Manchmal dringen Schreie aus dem
Rewe-Getränkelager. Schaudernd fragt man sich, wer hinter den geschlossenen
Türen weint, doch man sieht nichts oder will nichts sehen und geht schnell
weiter.
Dennoch behaupten immer noch eine Menge Leute, in der Snack-Lüge kein
Problem zu erkennen: „Hä? Reg dich doch nicht auf! Gib halt irgendwas ein.
Ob das jetzt ein Snack oder ein Brötchen ist, ist doch total egal“, leiert
mir ihr völlig unbedachtes Geschwätz ins Ohr.
Es ist aber nicht egal. Denn gerade dieses falsche Framing, ob im Großen
oder im Kleinen, stiftet besonders unter labilen Charakteren heillose
Verwirrung. Denn wer sich von komplexeren Zusammenhängen ohnehin schon
überfordert zeigt – „früher hatten wir im Sommer auch immer sechs Wochen am
Stück hitzefrei“ –, ist nun mal wie ein Kind auf ein Wertesystem aus
verlässlichen Wahrheiten, bewährten Ritualen und vertrauten Koordinaten
angewiesen: Das waren die Sommerferien und kein Hitzefrei; die Erde ist
eine Kugel; Mama hat dich lieb; um 20 Uhr kommt die „Tagesschau“; eine
Laugenbrezel ist Backwerk.
Denn sonst pflanzen sich die irrsten Legenden ungehindert fort: Jaha, eine
Brezel ist ein Snack, Putin verteidigt sich bloß gegen die Nato, die Hamas
ist eine queere anarcho-syndikalistische Partisanengruppe, Tomaten sind
Obst und Rhabarber ist Gemüse. Von da aus ist es auch nicht mehr weit zum
brennenden Reichstag.
## Schnell in Teufels Küche
Wenn wir das alles aus Bequemlichkeit oder Angst einfach durchwinken,
geraten wir ganz schnell in Teufels Küche. Denn heute ist es vielleicht
„nur“ eine ach so harmlose Laugenbrezel, doch morgen schon eine taktische
Kernwaffe, die ja angeblich „ganz leicht händelbar“ ist, weil auch da
wieder irgendein Etikettenschwindler behauptet, die Bombe liefe unter
„Snack“ oder „Sonstiges“.
Mit uns kann man es ja machen: Genau das signalisieren wir, wenn wir
Auswüchse wie den Laugenbrezel-Bullshit eben nicht mit aller
Entschlossenheit anprangern. Durch Briefe an die Geschäftsleitung von Rewe,
Petitionen bei unseren zuständigen Wahlkreisabgeordneten, Demonstrationen
und aufklärende Pressearbeit. Leute, wacht endlich auf! Sonst sind wir für
die da oben bald selbst nur noch ein Snack.
Was jedoch wirklich nur das allerletzte Mittel sein darf, ist Gewalt. Hier
ein Sprengsatz an den Selbstbedienungskassen, da einer am Backautomat oder
als kleiner Denkzettel gern auch mal mehrere, verteilt im ganzen Laden.
Wummsdibumms – hier habt ihr euren „Snack“.
Natürlich nur außerhalb der Geschäftszeiten, denn auf keinen Fall sollen
dabei Menschen zu Schaden kommen. Auch wenn jetzt einige nicht ganz zu
Unrecht einwenden werden, dass die das durchaus verdient hätten. Aber zum
einen fehlt mir, wie gesagt, die kriminelle Energie dazu. Und zum anderen
will ich doch bloß eine bessere Welt für alle, in der eine gewisse Ordnung
herrscht und sich jeder wieder auskennt und komplikationslos einkaufen
kann. Das ist ja wohl kaum zu viel verlangt.
9 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Uli Hannemann
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