# taz.de -- Politische Krise: „Maskierter Coup“ in Pakistan
       
       > Die pakistanische Regierung verhängt den Ausnahmezustand in einer
       > Provinz. Das könnte der Auftakt für weiterreichende Umbaupläne des Landes
       > sein.
       
 (IMG) Bild: Ausnahmezustand in der die nordwestlichen pakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa
       
       Um Massenproteste zu verhindern, hat Pakistans Regierung am Sonntag in der
       Nordwestprovinz Khyber Pakhtunkhwa den Ausnahmezustand verhängt. Sie setzte
       die gewählte Provinzregierung ab, suspendierte das Provinzparlament,
       stellte KP, wie die Provinz in Pakistan kurz genannt wird, unter Kontrolle
       der Zentralregierung und entsandte Militär. KP-Regierungschef Sohail Afridi
       und einige seiner Kabinettsmitglieder [1][kamen in „Schutzhaft“.]
       
       KP, nach ihrer dominierenden ethnischen Gruppe benannt – Pakhtunkhwa
       bedeutet etwa „Land der Paschtunen“ –, wurde seit 13 Jahren von der
       islamisch-populistischen, aber nicht fundamentalistischen Partei Pakistan
       Tehreek-e-Insaf (PTI – Gerechtigkeitsbewegung Pakistans) regiert. Gegründet
       hatte sie 1996 Imran Khan, der Franz Beckenbauer in Pakistans Nationalsport
       Kricket. Bei Parlamentswahlen 2018 wurde sie landesweit stärkste Partei und
       Khan Premierminister.
       
       Khan wurde nachgesagt, dass er die Unterstützung des in Pakistan fast
       allmächtigen Militärs besaß, das die Macht der beiden stärksten
       traditionellen Parteien des Landes brechen wollte, der eher
       sozialdemokratischen Volkspartei Pakistans (PPP) und der
       religiös-konservativen Moslemliga (PML). Beide werden von steinreichen
       Familiendynastien geführt.
       
       Als Khan aber das Militär stärkerer parlamentarischer Kontrolle unterwerfen
       wollte, war es mit dieser Allianz vorbei. 2022 wurde er durch ein vom
       Militär gefördertes Misstrauensvotum gestürzt. Seit 2023 [2][sitzt er wegen
       Vorwürfen von Korruption und Machtmissbrauch in Haft]. Der jetzt 74-Jährige
       und seine Anhänger betrachten das als politisch motiviert und verlangen
       seine Freilassung. Für Ende September planten sie einen Protestmarsch auf
       die Hauptstadt Islamabad. Als Verhandlungen scheiterten und
       KP-Regierungschef Afridi sich an die Spitze erster Proteste stellte, schlug
       Islamabad zu.
       
       ## Freie Hand für Militäraktionen, auch in Afghanistan
       
       Die offizielle Begründung für diesen „maskierten Coup“, wie ein
       Khan-Sprecher das Vorgehen der Regierung bezeichnete, lautet allerdings
       anders. Der zivile Premierminister Shehbaz Sharif warf der PTI-Regierung
       „vorsätzliches Heraushalten aus dem Anti-Terrorismus-Kampf“ vor. Seit der
       erneuten, von Pakistan beförderten Taliban-Machtübernahme im Nachbarland
       Afghanistan im August 2021, sieht sich Pakistan selbst einem verstärkten
       Aufstand der eigenen Talibanbewegung TTP gegenüber.
       
       Islamabad wirft dem Regime in Kabul vor, ihre pakistanischen Namensvettern
       zu unterstützen. Seit Oktober 2025 flog das Militär mindestens 15 Mal
       Luftangriffe auf angebliche TTP-Ziele in Afghanistan. [3][Dabei kamen über
       1.100 Zivilist:innen um oder wurden verletzt]. Zuletzt lieferten sich
       beide Seiten am Sonntag Artilleriegefechte an der Grenze.
       
       Die PTI befürwortet hingegen Verhandlungen mit der TTP. Ein Minister
       Sharifs nannte sie jetzt deshalb deren „B‑Team“. Vor diesem Hintergrund
       könnte die Machtübernahme in der Provinz KP durch die Zentralregierung auch
       darauf gerichtet sein, dort freie Hand für weitere Militäraktionen, auch in
       Afghanistan, zu bekommen.
       
       Aber möglicherweise sind sie nur der erste Schritt für viel weiterreichende
       Pläne. Laut Medienberichten plant Armeechef Feldmarschall Asim Munir den
       administrativen Umbau des gesamten Landes und die Aufspaltung der
       bisherigen vier, teils sehr bevölkerungsreichen Provinzen in Dutzende
       kleinere Einheiten. Das soll eine „bessere Regierungsführung“ in dem von
       einer chronischen Wirtschaftskrise gebeutelten Land ermöglichen.
       
       Innenminister Mohsin Naqvi, ein Munir-Vertrauter, bezeichnete sogar das
       „derzeitige demokratische System“ als gescheitert. „Diese neuen
       Kleinstaaten könnten von gewählten Oberhäuptern, von Provinz- oder
       Bezirksversammlungen oder von Beauftragten ‚der Regierung‘ regiert werden“,
       beschreibt der [4][Economist ] diese Pläne, „das heißt von Feldmarschall
       Munir“.
       
       Das zielt nicht nur auf KP, sondern auf das gesamte Land. Kommt Munir damit
       durch, droht die Umwandlung Pakistans in ein zentralisiertes, zivil
       maskiertes De-facto-Militärregime.
       
       12 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.channelnewsasia.com/asia/pakistan-detains-hundreds-ex-pm-khans-party-in-northern-province-police-6452431
 (DIR) [2] /Politische-Krise-in-Pakistan/!6062964
 (DIR) [3] https://www.eurasiareview.com/11102026-pakistans-punitive-gamble-in-afghanistan-an-open-war-with-no-end-in-sight-oped/
 (DIR) [4] https://www.economist.com/asia/2026/10/05/a-controversial-new-power-grab-in-pakistan
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Thomas Ruttig
       
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