# taz.de -- Homosexualität im japanischen Sport: Rui Takahashi macht den ganz mutigen Aufschlag
> Im japanischen Profisport sind Comingouts selten. Ein Profivolleyballer
> ist nun der erste Mann, der dies wagt. Im Land wird er als Vorbild
> gefeiert.
(IMG) Bild: Rui Takahashi im Jahr 2025
Wenn die Osaka Suntory Sunbirds in die Arena laufen, das Scheinwerferlicht
auf die Spieler gelenkt ist, tönt von den Rängen oft ein Gemisch aus
Applaus und Gekreische. Die SV. League, die japanische
[1][Profivolleyballliga] der Männer, richtet ihr Marketing hauptsächlich an
Frauen, die sie wiederum nicht nur mit Trüffelpommes und schickem Corporate
Branding in Schwarzgold anzulocken versucht, sondern auch mit großen,
kräftigen Spielern. Einer der umjubelten Schönlinge ist der 26-jährige Rui
Takahashi.
Aber diesen 1,85 Meter großen Mann dürften weite Teile des Publikums seit
Kurzem nicht mehr auf dieselbe Weise anhimmeln wie bisher. „Ich bin schwul
und gehöre einer sexuellen Minderheit an“, hat der Athlet Ende September
über Instagram erklärt. „Seit meiner Kindheit hatte ich Angst, mich mit
einem bestimmten Aspekt meiner Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Ich
kämpfte damit und verleugnete mich selbst.“ Aber: „Ich habe die Erkenntnis
verinnerlicht, dass es okay ist, ich selbst zu sein.“
Die für japanische Fans nicht unüblichen romantischen Fantasien rund um
ihre Stars dürften in vielen Köpfen verflogen sein. Möglich, aber dass
damit nun ganz Japan einen neuen Star hat. Als „seltenes Vorbild“
bezeichnet die liberale Asahi Shimbun, die zweitgrößte Zeitung im Land,
Takahashi nach seinem Coming-out. Und Mainichi Shimbun, eine weitere große
Zeitung, fragt: „Wird sich die Kultur der Männlichkeit ändern?“ Immerhin
dürfte es Japans erstes [2][Coming-out eines männlichen Profisportlers]
gewesen sein.
## Der Sport und die Idee von Männlichkeit
Wie in anderen Ländern wird auch in Japan die Idee von Männlichkeit durch
die Kultur des Sports mitgeprägt: Jungs haben harte Kämpfer zu sein.
Vermeintlich weibliche Seiten – wie sich zu Männern hingezogen zu fühlen –
kommen in diesen Männlichkeitsbildern kaum vor. Und gerade in diesem Land,
das traditionell von einer „homogenen Gesellschaft“ ausgeht, in der sich
alle Mitglieder grundsätzlich ähneln sollen, werden von einer Norm
abweichende Tendenzen schnell verdrängt.
Vor einigen Jahren musste dies [3][Yuzuru Hanyu] spüren, mehrfacher
olympischer Goldmedaillengewinner und der erfolgreichste Eiskunstläufer in
Japans Geschichte. „Vielleicht ist er ja schwul!“, mutmaßte [4][Takeshi
Kitano], ein bekannter Schauspieler und Regisseur, im Fernsehen. Könnten
Hanyus vermeintlich weibliche Bewegungen, seine bekannte Liebe für die
Comicfigur Pu der Bär oder der Umstand, dass sein Trainer schwul war, denn
Zweifel zulassen? In Japan wurde jedenfalls darüber diskutiert.
Um ihre körperliche Unversehrtheit müssen Personen, die sich als queer oder
LGBTQ identifizieren, in Japan zwar kaum fürchten. Aber Räume, um sich
offen auszuleben, gibt es eben kaum. Generell werden Zärtlichkeiten, von
Händchenhalten bis Küssen, nur selten in der Öffentlichkeit ausgetauscht.
Liebe und Sexualität spielen sich in Japan eher im privaten Raum ab. Wohl
auch deshalb sind [5][Pride Parades in Tokio] – wenngleich sie zuletzt
wuchsen – eher klein. Als einziges G-7-Land erlaubt Japan keine
gleichgeschlechtliche Ehe.
Eine mehr oder weniger subtil spöttische Haltung gegenüber Personen, die
nicht den Idealen entsprechen, hat auch dazu geführt, dass Coming-outs
unter Spitzensportlern in Japan bis heute eine Ausnahme sind. Als Tokio im
Sommer 2021 die [6][Olympischen Spiele] veranstaltete, nahm die bis dato
größte Zahl an Athletinnen und Athleten teil, die sich als LGBTQ geoutet
hatten. Aus dem Gastgeberland aber war keine Person dabei. Und dies, obwohl
sich ein Motto der Spiele mit „Einheit in Vielfalt“ übersetzen ließ.
## Das Fortleben von Diskriminierung
Olivier Fabre, ein schon lange in Japan ansässiger Franzose, der bei den
Spielen von Tokio das Pride House verantwortete, sagt: „Wir müssen immer
noch fürchten, dass wir unseren Job verlieren, wenn wir uns outen.“ Laut
einer Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo sind rund ein Viertel der
Menschen im Land, die sich als LGBTQ identifizieren, unfreiwillig geoutet
worden. Rund 80 Prozent hatten am Arbeitsplatz oder in der Schule
diskriminierende Sprüche erfahren.
Doch ein Wandel, wie ihn Mainichi Shimbun wohl herbeisehnt, scheint durch
das Coming-out von Rui Takahashi nun denkbar. So hat die eher auf
Sensationsnews ausgerichtete Sportzeitung Sanspo einen Text über Takahashi
herausgebracht, der den Hergang des Coming-outs erzählt. „Der Auslöser war
ein Gespräch mit Ran“, so der Titel. Ran, der jüngere Bruder von Rui und
ein noch größerer Volleyballstar im Land, habe ebenso unterstützend auf
Takahashi eingewirkt wie Personen im Umfeld des Vereins.
Der Eindruck, den der Artikel erweckt: Rui Takahashi musste sich nicht
allein fühlen. Dies muss zwar noch lange nicht dazu führen, dass sich
weitere Sportler ermutigt fühlen, einen ähnlichen Schritt zu wagen. Aber
sofern es Takahashi jetzt schafft, an seine bisherigen sportlichen
Leistungen anzuknüpfen und weiterhin vom Publikum bejubelt zu werden,
scheint dies zumindest realistisch. „Ich werde mich weiterhin voll und ganz
dem Volleyball widmen“, hat Rui Takahahi über Instagram schon mal
versprochen. Womöglich ist Takahashi damit schon bald kein so ganz
„seltenes Vorbild“ mehr.
12 Oct 2026
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