# taz.de -- Romanverfilmung „Sinn und Sinnlichkeit“: Hier scheint die Sonne eher selten
       
       > Regisseurin Georgia Oakley inszeniert Jane Austens Roman „Sinn und
       > Sinnlichkeit“ betont naturalistisch. Dabei fehlt die charakteristische
       > ironische Distanz.
       
 (IMG) Bild: Kommt Rettung oder neues Ungemach? Elinor (Daisy Edgar-Jones, l.) und Marianne Dashwood (Esmé Creed-Miles) in „Sinn und Sinnlichkeit“
       
       Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass jede Generation ihrer
       eigenen Film- oder Serienfassung mindestens eines der sechs
       Jane-Austen-Romane bedarf. Mitte der 1990er markierte Colin Firth, wie er
       im nassen Hemd aus einem See steigt, den Beginn einer regelrechten
       „Austenmania“. Das nasse Hemd des BBC-Sechsteilers „Pride and Prejudice“
       war kaum trocken – die Serie wurde im Herbst 1995 ausgestrahlt –, als
       [1][Emma Thompson für ihre Drehbuchfassung von „Sinn und Sinnlichkeit“ im
       Frühjahr 1996 zuerst einen Golden Globe und dann den Oscar erhielt].
       
       Als Globes-Dankesrede hatte Thompson eine mit ironischen Spitzen versetzte
       Ansprache im Stil von Austens Tagebüchern verfasst, was die umfassende
       Popularität der englischen Autorin fast noch besser belegt als die
       Tatsache, dass es 1996 gleich noch zwei „Emma“-Verfilmungen gab, eine
       Kinofassung mit Gwyneth Paltrow und eine Fernsehversion mit Kate
       Beckinsale. Und wie die wahren Austen-Versteher*innen wissen, muss man zu
       dieser [2][Welle der „Austenmania“] mindestens noch die Teenager-Komödie
       „Clueless“ (1995) rechnen, in der Alicia Silverstone eine ins Beverly Hills
       der Gegenwart versetzte Version spielte.
       
       Mitte der nuller Jahre wiederholte sich etwas Ähnliches: Zuerst sorgten
       Keira Knightley und Matthew Macfadyen für heiße Diskussionen, ob ihre
       Darstellung von „Liz“ und „Darcy“ es mit den Vorläufern aus den 90ern, mit
       Jennifer Ehle/Colin Firth aufnehmen könne. Wenig später überboten sich die
       britischen Sender ITV und BBC regelrecht mit Austen-Neufassungen, während
       mit dem Biopic „Miss Austen Regrets“ das Leben der Autorin selbst verfilmt
       wurde. Andererseits fanden ihre Romanstoffe in alle möglichen Genres
       Eingang, von Bollywood („Bride and Prejudice“) bis zum Horror-Mash-up
       („Pride and Prejudice and Zombies“)
       
       Aktuell haben wir es mit einer neuen Welle zu tun. Dem Kinostart diese
       Woche von „Sinn und Sinnlichkeit“ mit Daisy Edgar-Jones in der Hauptrolle
       ging eine BBC-Serie voraus über „The Other Bennet Sister“ – leider noch
       ohne deutschen Starttermin. Im Dezember steht mit dem Netflix-Mehrteiler
       „Pride and Prejudice“ das nächste Austen-Großereignis bevor, in dem der
       zurzeit oft als „neuer James Bond“ gehandelte Jack Lowden Mr. Darcy spielt.
       
       ## Ausgewaschene Leibchen und Überröcke
       
       Und das sind erneut nur die Spitzen einer lebendigen und Genregrenzen
       überschreitenden Rezeption, auf die andere Autor*innen des 19.
       Jahrhunderts, und seien es Schwergewichte wie Charles Dickens, nur neidisch
       von ihren im Kanon höher rangierenden Plätzen herabblicken können. „Jane
       Austen Wrecked My Life“, beklagte im vergangenen Jahr eine erfolgreiche
       Komödie, und Netflix etablierte mit „Bridgerton“ eine Art „Austen-World“,
       in der losgelöst vom Originalstoff unter dem Dach eines „Regency-Booms“
       nicht nur endlos Staffeln produziert werden könnten, sondern auch
       Mode-Accessoires verkauft.
       
       Diesem Exploitation-Boom stellt sich die neue Kinofassung von „Sinn und
       Sinnlichkeit“ entgegen, bei der Georgia Oakley Regie führte und Diana Reid
       das Drehbuch schrieb. Sie geht gewissermaßen „back to the roots“: Keine
       bunten Farben, adrett sitzenden Kleider und kompliziert drapierten Haare,
       stattdessen eine auf den ersten Blick andere, betont natürlichere
       Atmosphäre.
       
       Hier scheint die Sonne eher selten und das Wetter ist typisch britisch
       wechselhaft. Die Dashwood-Schwestern tragen ihre langen Haare am liebsten
       offen und statt in wertvolle Stoffe hüllen sie sich lieber in lange
       Baumwollunterhemden, denen ausgewaschene Leibchen und Überröcke die nötige
       Form geben.
       
       ## Zurück zu den Wurzeln
       
       Ähnliches gilt für den Romanstoff als solchen: „Zurück zu den Wurzeln“
       heißt hier, dass sich die verschiedenen Intrigen des Plots in vertrauter
       Reihenfolge entfalten, dabei aber keine besondere Zuspitzung erfahren. Die
       Dashwood-Schwestern sehen sich nach dem Tod des Vaters mit einem abrupten
       sozialen Abstieg konfrontiert, dem die verwitwete Mutter (von Caitríona
       Balfe im Kontrast zu früheren Adaptionen mit Intelligenz verkörpert) nichts
       entgegensetzen kann. Das Erbrecht der Regency-Zeit steht gegen sie.
       
       Zwar gab der aus einer früheren Ehe stammende Halbbruder John (Tom Brooke
       spielt ihn als eitlen Idioten) dem Vater das Versprechen, aus dem ihm
       zufallenden Erbe seine Halbschwestern gut zu versorgen. Aber das gekonnte
       Einflüstern seiner geizigen Ehefrau Fanny (Stacy Martin) reduziert diese
       Versorgung zuerst zum knappen, auf Hausangestellten-Status reduzierten
       Untermieterstatus. Und dann, als mit Fannys Bruder Edward (George MacKay)
       ein möglicher Heiratspartner für Elinor Dashwood (Daisy Edgar-Jones)
       auftaucht, sehen sich die Dashwood-Frauen gar zum Gang in die Verbannung
       genötigt. Fannys Missbilligung der Verbindung bildet den einen Grund; die
       nach anfänglicher großer Sympathie rätselhaft erscheinende Zurückhaltung
       Edwards den anderen.
       
       Das abgelegene „Cottage“, das die unglücklichen Frauen von einem Gönner zur
       Verfügung gestellt bekommen, erscheint in dieser Verfilmung tatsächlich als
       zunächst kaum bewohnbare Hütte. Wie überhaupt die sich entfaltenden
       Handlungsstränge um neue Bekanntschaften wie Mrs Jennings (eine allen die
       Show stehlende Fiona Shaw) und Mariannes (Esmé Creed-Miles) verhängnisvolle
       Begegnung mit dem Hallodri Willoughby (Frank Dillane) eher mit der
       [3][ungestümen Anmutung von „Wuthering Heights“] erzählt werden, als mit
       Austens charakteristisch-ironischer Distanz.
       
       ## Mit modernem narzisstischen Selbstbewusstsein
       
       Womit das Problem dieser „natürlicheren“ Austen-Verfilmung auch schon
       benannt wäre. Auf einzelne Figuren bezogen, geht das Konzept in bedingter
       Weise auf. So war die romantische Marianne schon immer eine Gestalt wie aus
       einem Brontë-Roman. Esmé Creed-Miles spielt sie mit dem modernen
       narzisstischen Selbstbewusstsein, bei dem die eigene Leidenschaft als
       Inspiration für andere zelebriert wird. Warum ausgerechnet der altmodische
       Colonel Brandon (Herbert Nordrum) dafür so empfänglich ist, erscheint hier
       aber weitaus rätselhafter als im Fall des wunderbar melancholischen Alan
       Rickman in der 95er-Fassung.
       
       Edgar-Jones wiederum steht als Elinor Dashwood ihrem Buchvorbild
       altersmäßig näher als seinerzeit die dafür heftig kritisierte Emma
       Thompson. Aber sie verkörpert ihre „natürlichere“ Variante mit einer
       jugendlichen Naivität, die genau das untergräbt, was an ihr so interessant
       ist: das Ringen um Haltung und Zurückhaltung. Dass George MacKay seinen
       Edward ganz ohne die Spur von Schwerenötertum gibt, die Hugh Grants braven
       Pfarrer noch so verführerisch erscheinen ließ, macht es nicht besser.
       
       Die einzige, die echten Humor ins schwermütige Geschehen bringt, ist Fiona
       Shaw als schwatzhafte Mrs Jennings. Wenn sie den Dashwoods die Ferne des
       Verwandtschaftsgrads erläutert – „Ich bin die Mutter der Frau des Cousins …
       des Cousins eurer Mutter“ –, während sie gleichzeitig mit Schnapsglas in
       der Hand auf die Nähe der Verbindung anstößt, trifft sie den Ton der
       Austen-Vorlage besser als das elegische Herz-Schmerz-Getue um sie herum.
       
       So kann man sich zwar an der puren „Sinnlichkeit“ dieser „Sinn und
       Sinnlichkeit“-Version erfreuen, an den ungemähten Wiesen, dem fallenden
       Laub, den sirrenden Insekten und den kalten Räumen, deren Feuchtigkeit man
       fast zu spüren meint. Aber der Naturalismus geht auf Kosten von
       Leichtigkeit und jener humoristischen Sensibilität, die aus Austens
       Erzählungen so viel mehr machten als nur ein Schwelgen in altmodischen
       Liebesgeschichten.
       
       13 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Barbara Schweizerhof
       
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 (DIR) Spielfilm
 (DIR) Jane Austen Schwerpunkt 
 (DIR) England
       
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