# taz.de -- Eigenes Essen in Restaurants mitbringen: Man wird ja wohl noch tuppern dürfen
> Unsere Autorin bringt ihr eigenes Essen ins Restaurant mit, isst Reste
> anderer und sieht darin einen Widerstand gegen Konsumzwang.
(IMG) Bild: Der treuste Begleiter: die Brotdose
Die Eier sehen aus wie verschimmelte Hühner-Periodenkadaver: schwarze
Kruste, angedötscht, stinkend, wie eine Vulva, in der seit Tagen der
vergessene Tampon rumlungert. „Miso-Soja-Eier“, verkündet L. stolz. „Habe
ich gestern Abend eingelegt.“ Dann verschwindet sie in der Bäckerei, vor
der wir sitzen, lässt mich mit den Stinkeeiern allein und kommt kurz darauf
mit einem Körnerbrötchen wieder. Mahlzeit.
Normalerweise bin ich es, die ungeniert ihr eigenes Essen in Cafés und
Restaurants mitbringt. Zum Entsetzen meiner Freund:innen. Ich packe immer
und überall meinen babyblauen Recup-Becher und die Thermoskanne mit Kaffee
aus. Zu meiner Verteidigung: Decaf schmeckt überall nach Plörre. Als hätten
Menschen, die ihr Nervensystem nicht unter Kontrolle haben, zwangsläufig
beschissenen Geschmack.
Dann packe ich meine Tupperdose mit Müsli aus, einerseits, weil meins am
besten schmeckt, andererseits, weil ich mit meinem Gehalt Prioritäten
setzen muss und 12-Euro-Granola nicht dazugehört. Wenn ich ins Moviemento
Kino gehe, hole ich mir davor das saftig-süße, warme Popcorn beim Yorck
Kino und schmuggle es ins andere Kino. Keine Lust, mir da diese trockene,
verpappte Zuckermasse mit ungepoppten Maiskörnern zwischen den Zähnen zu
zerknirschen.
Aber Eiergate geht eine Nummer zu weit. Nicht, weil es asozial ist, eigenes
Essen in Restaurants mitzubringen, die selbst unter steigenden Mieten,
Strom- und Energiekosten leiden. Da bin ich hemmungslos. Frech genug, dass
es in [1][Innenstädten kaum noch konsumzwangfreie Orte gibt] und
schließlich kauft man ja noch etwas, zum Beispiel ein Körnerbrötchen. Die
Eiernummer aber ist wegen des Geruchs ein No-Go. Wer Miso-Soja-Eier zum
Bäcker mitbringt, konkurriert mit diesen Sadisten, die in der Deutschen
Bahn Thunfisch-Eier-Sandwiches, LKWs (Leberkäswecken) und Monster-Energy
Ultra Watermelon auspacken.
## Tuppern als Akt der Rebellion
Ich hingegen habe noch einen Restzipfel Anstand, verstecke artig meinen
Recup, wenn eine Kellnerin kommt, bestelle einen Espresso (das Billigste
auf der Karte) und verschenke ihn anschließend. Win-win-win: Ich spare
Geld, der Decaf schmeckt und ich schließe auch noch Bekanntschaften mit
Menschen, die sich über den Espresso freuen.
So wie ich mich über die Reste anderer im Restaurant freue. Die Gäste am
anderen Tisch stehen auf und lassen ihre Pizzaränder liegen? Meine. Am
Nebentisch steht ein angenagter Brotkorb und wir haben noch keins bekommen?
Zimmer ich mir rein.
Bestelle ich mir selbst etwas, lecke ich jeden Teller ab und Cappuccino
aus, bis das Geschirr blitzeblank ist. Wenn ich mit dem Frühstücksbuffet im
Hotel durch bin, lade ich mir Parmaschinken und Büffelmozzarella auf Brote,
Ricotta, gebratene Zucchini, mehr Parmaschinken, noch mehr Ricotta, bis es
vorne und hinten aus den Brothälften quillt. Dann scanne ich gekonnt den
Raum, wickele die Sandwiches, wenn keiner guckt, routiniert in eine
Serviette und lasse sie in der Tasche verschwinden.
Sieht man es so, kann das Mitbringen von Essen als [2][Beitrag gegen
Lebensmittelverschwendung] gelesen werden oder sogar als Akt der Rebellion
gegen den Konsumzwang. Oder L. und ich sind einfach geizig und krüsch. Aber
vielleicht ist auch daran nichts auszusetzen. „Es kostet Mut, ein Bedürfnis
für sich zu beanspruchen“, schreibt [3][Jovana Reisinger in „Pleasure“]. Es
kostet Mut, bei der „sexy spontanen Bedürfnisbefriedigung“ schamlos zu sein
und sich keine Gedanken über die Meinung anderer zu machen.
18 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Lilly Schröder
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(DIR) Kolumne Der Knacks
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