# taz.de -- Vorwürfe gegen den Weißen Ring: Alleingelassen beim Opferschutz
> Gewaltbetroffene berichten von schlechten Erfahrungen mit dem Weißen
> Ring. Mitglieder sollen Täter-Opfer-Umkehr betrieben und Gewalttaten
> bagatellisiert haben.
(IMG) Bild: Demonstration gegen strukturelle Gewalt an Frauen
Panah Ahmed weint. „Ich bin so retraumatisiert von allem“, sagt sie.
Retraumatisiert von Erfahrungen, die sie an einem Ort gemacht hat, an dem
sie eigentlich hätte Hilfe bekommen sollen: [1][der Opferschutzorganisation
Weißer Ring e. V.]
Ahmed hat lange braune Haare, seit ihrem dritten Lebensjahr sitzt die
39-Jährige im Rollstuhl. „Ich wurde Opfer häuslicher Gewalt“, erzählt sie
der taz. Als sie beim Weißen Ring angerufen habe, habe eine Mitarbeiterin
gefragt, was sie denn getan habe, dass es so weit gekommen ist. Einige
Jahre später habe sie dort erneut Täter-Opfer-Umkehr erlebt.
„Ich wurde in einem Wiener Bus vom Busfahrer öffentlich gedemütigt und
musste bei ihm um Hilfe beim Einsteigen betteln“, erzählt die
irakischstämmige Wahlberlinerin. Danach sei sie von Fahrgästen rassistisch
beschimpft worden. Im Telefonat mit dem Weißen Ring habe die Mitarbeiterin
sie unterbrochen und gefragt: „Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht,
ob Sie selbst daran schuld sein könnten, immer wieder in solche Situationen
zu geraten?“
Ahmed ist als Kind mit ihrer Familie aus dem Irak nach Österreich geflohen.
Heute ist sie Musikerin unter Vertrag bei Universal Music und pendelt
zwischen Berlin und Wien. Auf Instagram erreicht sie 30.000 Follower.
[2][Dort machte sie ihre Erfahrungen mit dem Weißen Ring vor einigen Wochen
öffentlich.] „Ich war schockiert von der Lawine, die das losgetreten hat“,
sagt sie.
## Eine Flut an negativen Erfahrungsberichten
In den Kommentarspalten berichten Hunderte Menschen von negativen
Erfahrungen, die sie bei der Organisation gemacht haben, weitere Hunderte
hätten ihr direkt geschrieben, sagt Ahmed. Einige schildern Erfahrungen mit
der Organisation in Österreich, die meisten mit dem Weißen Ring
Deutschland.
Der Weiße Ring ist die größte und älteste Opferschutzorganisation
bundesweit. An sie können sich alle Opfer von Kriminalität wenden, die
Körperverletzung, häusliche, sexualisierte oder digitale Gewalt, Stalking,
Raub, Betrug oder andere Gewalttaten erlebt haben. In den vergangenen 50
Jahren hat der Verein nach eigenen Angaben mehr als 680.000 Menschen
unterstützt und rund 170 Millionen Euro an Opferhilfen ausgegeben. 2025
hätten ehrenamtliche und hauptamtliche Mitglieder demnach insgesamt 25.241
Betroffene betreut.
Unter Ahmeds Posts berichten Betroffene, dass die Gewalt, die ihnen angetan
wurde, beim Weißen Ring bagatellisiert worden sei und man sie nicht ernst
genommen habe. Eine schreibt: Ein Berater habe erklärt, dass die häusliche
Gewalt, die ihre Freundin erlebt hätte, ja nicht so schlimm gewesen sein
könne, sonst wäre sie schließlich zur Polizei gegangen. „Ach, dann ist es
ja nur psychische Gewalt. Das zählt nicht“, soll ein Mitarbeiter zu einer
weiteren Betroffenen gesagt haben. Eine andere Nutzerin schreibt: „Ich
wurde gefragt, was ich von ihnen will. Sie helfen nur Personen in Not und
nicht, wenn man unglücklich in der Beziehung ist, man könne ja einfach
gehen. Einen Monat später lag ich im Koma …“
Immer wieder fallen die Wörter Victim Blaiming und Täter-Opfer-Umkehr. „Mir
wurde nach einer versuchten Vergewaltigung von den zuständigen
Ehrenamtlichen des Weißen Rings gesagt, ich sei doch im Grunde selbst
schuld, weil ich als Frau den Mann mit meiner Kleidung provoziert hätte“,
schreibt etwa eine Betroffene. Eine andere berichtet von Delegitimierungen
ihrer Missbrauchserfahrungen als Kind. Ihr sei gesagt worden, dass es ihre
Pflicht gewesen wäre, dabei zu helfen, den Kindesmissbrauch zu verhindern.
Sie war damals drei Jahre alt.
## Häufigster Beschwerdegrund: mangelnde Erreichbarkeit
Ein Sexarbeiter, der berichtet, von einem Freier geschlagen worden zu sein,
schreibt, dass ein Mitarbeiter des Weißen Rings ihm gesagt habe, dass er
selbst schuld sei und einfach „mit einer Freundin darüber reden“ solle. Der
taz berichtet der Sexarbeiter, einige Beratungsstellen würden aufgrund der
vielen negativen Berichte den Weißen Ring nicht mehr unter den
Opferschutzorganisationen führen. Beratungsstellen, bei denen die taz dazu
nachgefragt hat, sagten allerdings auch, dass sie den Weißen Ring teils aus
anderen Gründen nicht auflisten würden, etwa weil er nicht in ihr
Themenfeld passt.
Von den 621 Beschwerden, die 2025 beim Weißen Ring eingingen, ist
„mangelnde Erreichbarkeit“ nach Angaben des Vereins selbst der häufigste
Beschwerdegrund. Das spiegelt sich auch in den Kommentaren wider. Viele
berichten, dass sie keine Rückmeldung erhalten hätten oder abgemachte
Termine ohne Rücksprache nicht eingehalten worden seien. „Ich dachte, es
liegt an mir, dass ich seit 15 Jahren auf einen Rückruf warte“, schreibt
eine Betroffene. Eine andere Nutzerin berichtet, beim ersten Treffen allein
im Café gesessen zu haben, später habe ein älterer Herr sie zurückgerufen
und sie bei ihm zu Hause treffen wollen, was sie ablehnte.
Auch auf Bewertungsplattformen wie Trustpilot häufen sich ähnliche
Vorwürfe. Dort kommt der Weiße Ring gerade mal auf 1,4 Sterne von 5. Immer
wieder liest man: „Ich dachte, ich wäre damit allein.“
[3][Bereits 2018 wurden Vorwürfe gegen den Verein laut, damals gegen einen
Außenstellenleiter in Lübeck.] Detlef H. wurde von insgesamt 29 Frauen
sexuelle Grenzüberschreitung vorgeworfen. Der damals 73-Jährige trat
daraufhin zurück, 2019 stand er wegen Exhibitionismus vor Gericht. Mehrere
Verfahren wurden eingestellt, ein verbliebener Vorwurf endete aus Mangel an
Beweisen mit einem Freispruch.
2019 wurden Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen einen Außenstellenleiter im
Hochsauerlandkreis erhoben. Der Weiße Ring suspendierte den Mann zunächst,
hob nach eigenen Angaben die Suspendierung jedoch nach einigen Wochen
wieder auf, weil die Aussagen der Betroffenen als widersprüchlich und nicht
hinreichend glaubhaft bewertet worden seien. 2021 wurde der Mann nach
Hinweisen einer Opferanwältin und einer Beratungsstelle vom Weißen Ring
abberufen und es wurde gegen ihn Strafanzeige erstattet. Ein Gericht
stellte später fest, dass er eine von ihm beratene Frau vergewaltigt hatte.
Er wurde zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.
## Interne Strukturen seien nach dem Vorfall geprüft worden
Der Weiße Ring erklärt gegenüber der taz: „Die Vorfälle wurden sehr ernst
genommen und [4][der Verein hat die internen Vorgaben und Abläufe
umfänglich geprüft und weiterentwickelt].“ Neben der hauptamtlichen
Beschwerdestelle sei eine unabhängige Ansprechpartnerin eingestellt worden,
die sich um Feedback und Beschwerden kümmert. Darüber hinaus würden
weibliche Opfer von Sexualdelikten seitdem im Erstgespräch standardisiert
von einer weiblichen Opferhelferin betreut. Sei dies in Ausnahmefällen
nicht möglich, greife automatisch ein 6-Augen-Prinzip, sodass mindestens
zwei Opferhelfer beim Erstgespräch zugegen seien.
Zudem gibt der Verein an, Aus- und Fortbildungen ausgebaut zu haben. Nach
mindestens drei verpflichtenden Hospitationen in einer Außenstelle
erhielten ehrenamtliche Mitarbeiter*innen zudem Seminare zu Themen wie
häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch an Kindern oder kulturelle Vielfalt
in der Opferarbeit.
Auf Panah Ahmeds Posts reagierte der Weiße Ring auf Instagram mit dem
Verweis auf seine Beschwerde-Mailadresse. Kommentare auf Social Media
würden nicht ausreichen, um den Vorwürfen nachgehen zu können, da der
Verein auch aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Beratung oder
Aufarbeitung auf Social-Media-Plattformen anbieten könne, erklärt eine
Sprecherin. Wenn Kritik einzelne Personen betreffe, werde mit ihnen
gesprochen und gemeinsam reflektiert. Dabei könne es auch zu Nachschulungen
kommen. „Wichtig ist uns aber auch zu sagen: Die große Mehrheit der
betreuten Opfer fühlt sich beim Weißen Ring aufgehoben und ist dankbar für
die erhaltene Unterstützung“, sagt die Sprecherin.
Ahmed reicht das nicht. „Als Lösungsweg wird wieder genau das
vorgeschlagen, was in vielen Berichten selbst Teil der Kritik ist: sich
erneut zu melden“, sagt sie. „Eine weitere E-Mail-Adresse erklärt nicht,
warum Hilfe ausgeblieben ist.“ Sie fordert, dass die Berichte ernst
genommen und interne Strukturen unabhängig geprüft werden. „Opferschutz
braucht auch Schutz vor Machtmissbrauch innerhalb der eigenen Strukturen“,
sagt sie.
In diesem Jahr feiert der Weiße Ring 50-jähriges Jubiläum. Das Gesicht der
Jubiläumskampagne: Collien Fernandes, die ihrem Ex-Partner Christian Ulmen
jahrelangen Missbrauch vorwirft. Ahmed kritisiert, dass Fernandes für den
Weißen Ring wirbt, und fragt: „Was gibt es bei diesem Verein zu feiern?“
12 Oct 2026
## LINKS
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(DIR) [3] /Vorwurf-sexueller-Uebergriffe/!5601896
(DIR) [4] /Opferhilfe-Weisser-Ring-in-Luebeck/!5663549
## AUTOREN
(DIR) Lilly Schröder
## TAGS
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