# taz.de -- Film „The Social Reckoning“: Wir bringen Menschen auseinander
       
       > Regisseur Aaron Sorkin kommt in seinem neuen Thriller „The Social
       > Reckoning“ auf das Thema Facebook zurück. Wie erzählt er die Geschichte
       > um Whistleblowerin Frances Haugen?
       
 (IMG) Bild: Was genau war noch mal MSI? Frances Haugen (Mikey Madison) und Jeff Horwitz (Jeremy Allen White) in „The Social Reckoning“
       
       Freiheit ist eine Worthülse. Mit ihr lässt sich vieles rechtfertigen: der
       freie Markt ebenso wie der Krieg. Weil niemand gegen Freiheit sein kann,
       ist sie die perfekte rhetorische Waffe. Während Freiheit das
       Maschinengewehr ist, mit dem Staaten ihre Interessen legitimieren, ist
       Meinungsfreiheit die Pistole für die Person auf der Straße. Sie wird
       gezückt, sobald jemand etwas Beleidigendes sagt und sich auf sein Recht
       beruft, es sagen zu dürfen.
       
       Bei diesem Widerspruch setzt „The Social Reckoning“ an. Aaron Sorkins Film
       über die [1][Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen] erzählt von einem
       Unternehmen, das Meinungsfreiheit zum höchsten Prinzip erklärt – aber eine
       Infrastruktur geschaffen hat, in der Aussagen millionenfach verbreitet
       werden können. So wird aus einem rassistischen Post ein Trend, aus einem
       Gerücht eine Wahrheit, aus Wut eine politische Bewegung.
       
       2021 veröffentlichte das Wall Street Journal interne Dokumente, die
       zeigten, wie viel Facebook über die problematischen Seiten seiner Produkte
       wusste. Die Datenwissenschaftlerin Haugen hatte diese Dokumente als
       Mitarbeiterin des Civic Integrity Teams zusammengetragen. Das Team
       untersucht die sozialen Folgen der Plattform.
       
       Irgendwann begegnen die Folgen Haugen ([2][Mikey Madison]) persönlich. Der
       Film macht daraus eine Schlüsselszene. Da steht eine betrunkene Frau auf
       einer Straße vor ihrem kaputten Auto. Die Polizei trifft ein, doch die Frau
       weigert sich, ihre Papiere zu zeigen und beginnt, die beiden Beamten
       rassistisch zu beleidigen. Sie filmt die Szene und lädt sie auf Facebook
       hoch. Haugen erkennt in ihr eine ehemalige Kommilitonin. Was ist mit dieser
       einst weltoffenen Frau passiert? Wie konnte sie sich so radikalisieren?
       
       ## Wie eine menschgewordene Benutzeroberfläche
       
       Gemeinsam mit dem Wall Street Journal-Reporter Jeff Horwitz (Jeremy Allen
       White) sammelt sie Beweise dafür, dass der Konzern von den Folgen seiner
       Produkte weiß. Sie ist gespalten: Sie glaubt noch an den Ursprungsmythos
       der Plattform, Menschen zu verbinden, erkennt aber, dass sie sie
       gegeneinander aufbringt. Madison bringt den Widerspruch zwischen Emotion
       und Vernunft in ihrem Spiel sehr glaubhaft zusammen.
       
       Wie wenig Raum solche Widersprüche im Konzern haben, zeigt eine absurde
       Szene: Das Civic Integrity Team steht in einem Meeting vor dem CEO Mark
       Zuckerberg (Jeremy Strong) in dessen kugelsicherem Büro. Er wirkt wie eine
       menschgewordene Benutzeroberfläche. Kerzengerade sitzt er da, blickt
       stoisch auf die Tabellen. Haugen steht schweigend daneben – sie wurde
       instruiert, keinesfalls zu sprechen. Zuckerberg will keine Erklärungen. Er
       sagt immer nur: „Gib mir die Zahlen.“
       
       Eine Zahl wird er ignorieren: 64 Prozent. 64 Prozent der Nutzer, die sich
       Alt-Right-Gruppen anschlossen, sind durch Empfehlungen des
       Facebook-Algorithmus dazu bewegt worden. Aus Haugens Kommilitonin wird eine
       Zahl, aus dem Einzelfall ein statistisches Problem.
       
       Die politische Wirklichkeit verschwindet hinter diesen Zahlen. Als ließe
       sich eine politische Katastrophe nur ernst nehmen, wenn sie auf einer
       Powerpoint-Folie erscheint.
       
       ## Inhalte, die Angst und Wut auslösen
       
       2018 bekam diese Vermessung des Sozialen einen schönen Namen: „Meaningful
       Social Interactions“. Kommentare und geteilte Beiträge wurden wichtiger als
       Likes. [3][Und so auch Inhalte, die Angst und Wut auslösen.]
       
       Daraus soll keine Verantwortung folgen. Facebook, sagt Zuckerberg, sei nur
       eine Pinnwand. Doch sie ist eine politische Infrastruktur. Metas Apps
       erreichen täglich 3,6 Milliarden Menschen.
       
       Eine Herausforderung, aus diesen Zahlen einen Film zu machen. Programmieren
       ist von außen betrachtet dröge. Menschen sitzen vor Bildschirmen, um daran
       zu arbeiten, dass möglichst viele andere vor Bildschirmen sitzen. Doch wie
       schon bei „The Trial of the Chicago 7“, den er inszenierte, und [4][„The
       Social Network“, für den er das Drehbuch schrieb], gelingt es Sorkin, aus
       wenig Action einen Polit-Thriller zu machen. Wenn Ereignisse kaum Drama
       hergeben, muss der Schnitt die Spannung erzeugen.
       
       Sorkin erlaubt sich, Abläufe in Sekunden zu verdichten, die sich über
       Monate ziehen. Dokumente im Facebook-Hauptquartier, Haugen und Horwitz in
       seinem nächtlichen Hotelzimmer, dann Schlagstöcke, die auf Körper
       eindreschen: der Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021. Drinnen wird
       gerechnet, draußen eskaliert die Wirklichkeit.
       
       ## Gefangen in der Logik, die sie verwalten sollen
       
       Dazwischen ist es manchmal ziemlich lustig. In einer wiederkehrenden Szene
       wird Zuckerberg für eine Testanhörung im Senat trainiert: Seine
       PR-Beraterin souffliert Worte, aber auch die korrekte Art zu nicken.
       Strong, der in der HBO-Serie „Succession“ einen neurotischen Medien-CEO
       spielte, ist beängstigend gut darin, Zuckerberg als emotionslosen Roboter
       zu geben.
       
       Das Drama über die Gefahren von Social Media wird so auch zur Komödie über
       Menschen, die in der Logik gefangen sind, die sie verwalten sollen.
       
       Das passt zu einer Welt, in der Meinungsfreiheit zum Dauerargument geworden
       ist. Der Humor bewahrt den Film davor, im Doomgefühl zu versinken.
       
       8 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Facebook-unter-Druck/!5801508
 (DIR) [2] /Mikey-Madison-verkoerpert-in-Anora-die-Prinzessin-der-Gegenwart/!6043089
 (DIR) [3] /Populisten-Hochburg-Facebook/!5719912
 (DIR) [4] /Kinofilm-ueber-Facebook/!5134603
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Philipp Rhensius
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Meta
 (DIR) Social Media
 (DIR) Spielfilm
 (DIR) Mark Zuckerberg
 (DIR) Algorithmus
 (DIR) Algorithmen
 (DIR) Whistleblower
 (DIR) Filmkritik
 (DIR) GNS
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Populisten-Hochburg Facebook: Teile und herrsche
       
       Facebook behauptet, die Welt näher zusammenzubringen. Doch immer mehr zeigt
       sich, wie der Konzern Menschen auseinandertreibt – und Populisten stärkt.
       
 (DIR) Biopic „Steve Jobs“ über Apple-Gründer: Beim Reden und Gehen entzaubert
       
       Schlecht programmiert ist nur der Mann selbst: Der Spielfilm „Steve Jobs“
       zeigt die menschlichen Defizite des Apple-Gründers.
       
 (DIR) Kinofilm über Facebook: Lass uns doch Freunde sein!
       
       Im Stile einer College-Komödie dreht David Fincher den Film "The Social
       Network". Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wird dabei als grenzwertig
       empathielos dargestellt.