# taz.de -- Schwedisch-finnisches Manöver: Zu Besuch an der Nato-Nordostflanke
       
       > Schweden und Finnland üben auf See gemeinsam für den Ernstfall. Der
       > Zivilbevölkerung zeigen sie sich gerne. Ein Ortsbesuch.
       
 (IMG) Bild: Manöverübung: Das Minenräumboot „HMS Ven“ dockt an das Versorgungsschiff „HMS Trossö“ an
       
       Langsam, mächtig wirkend, nähert sie sich dem Kai, die „MS Trossö“. Ein
       Kriegsschiff in der Innenstadt! Unübersehbar für die Menschen, die an
       diesem Septembertag in Sundsvall ihrem zivilen Alltag nachgehen. Die
       Zeitung der 100.000-Einwohner-Stadt klärt auf ihrem Portal eventuell noch
       verunsicherte Augenzeugen auf: Es ist nur eine Übung.
       
       Gustav Thörnblom hat nichts dagegen, der Zivilbevölkerung hier oben an
       Schwedens Ostküste so nah zu kommen. „Wir zeigen uns gerne“, sagt der Chef
       des Zweiten Marine-Basis Bataillons. Das konnte man sich schon denken, denn
       der Grund für diesen City-Abstecher seines Schiffes war es, die Presse
       abzuholen. Neben der taz gehen ein Reporter des schwedischen Fernsehens und
       einer von der regionalen Zeitung Sundsvall Tidning an Bord. Dort gibt es
       erst mal Kaffee, Sicherheitshinweise und Informationen zum Zweck der Übung.
       
       Trainiert wird das Minenräumen – [1][zum ersten Mal zusammen mit der
       finnischen Marine.] Der Seeweg von hier zum Nachbarn auf der anderen Seite
       des Bottnischen Meerbusens soll unter allen Umständen offen und sicher
       bleiben. In einem militärischen Ernstfall rund um die Ostsee wäre es eine
       wichtige Versorgungslinie. Rund 300 Menschen machen beim zehntägigen
       Manöver mit: Offiziere, die Mannschaft und Wehrpflichtige.
       
       Sie verteilen sich auf vier Minenräumboote, drei Aufklärungsboote und die
       „HMS Trossö“ – das mitreisende Versorgungsschiff. Es hat neben Treibstoff
       und Lebensmitteln sogar einen kleinen Operationssaal an Bord – dieses Mal
       allerdings niemanden dabei, der im Notfall operieren könnte. In
       Friedenszeiten verlassen sie sich auf die medizinische Versorgung an der
       nahen Küste.
       
       ## In der Minderheit fühlt sie sich als Frau nicht
       
       Auf ihre Rolle in einem potenziellen Krieg sollen in diesen Tagen vor allem
       die Wehrpflichtigen vorbereitet werden. Vilma ist eine von ihnen. Das
       Seeleben sei ihr vertraut, erzählt sie auf der Brücke der „HMS Trossö“,
       ihre Familie habe selbst ein Boot. Als die 20-Jährige einberufen wurde, war
       die Marine deshalb ihre Wunschplatzierung. Nun verbringt sie sechs von
       ihren elf Dienstmonaten auf dem Versorgungsschiff, wo sie zum Beispiel dem
       Kapitän besondere Beobachtungen melden muss. Außerdem hat sie Dienst an
       Deck, etwa beim An- und Ablegen.
       
       In der Minderheit fühlt sie sich als Frau nicht. Es sei alles sehr
       gleichgestellt, gerade bei der Marine, sagt sie. Als einen Hinweis darauf
       wertet die Reporterin auch kleine Schilder an den Toilettentüren auf dem
       Schiff: „Dieses WC ist menstruationspräpariert“. Drinnen hängt ein
       Schränkchen mit Tampons und Binden.
       
       Geleitet wird diese „Minenräumübung Nord 2026“ von Kommandant Anders
       Barrestedt. Als er in den 90er Jahren zu Schwedens Marine ging, tat er das,
       weil er auf See arbeiten wollte. Das erzählt der Chef der 42.
       Minenräumdivision nach dem Umstieg von der großen „Trossö“ auf das viel
       kleinere Minenräumboot „HMS Ven“.
       
       Der Umstieg: Schwimmweste an, mit Haken am Versorgungsschiff gesichert
       werden, über eine kleine Gangway umsteigen, Haken wieder ab. Zum Glück
       scheint wenigstens die Sonne. Das vorübergehende Verbindungsmanöver der
       beiden Schiffe auf See gehört auch zu den Dingen, die Wehrpflichtige hier
       lernen. Barrestedt mochte seinen Job immer schon, aber in den vergangenen
       Jahren habe sich einiges verändert: Nicht nur sei die Zivilbevölkerung
       interessierter, auch sie selbst hätten bei der Arbeit viel konkreter vor
       Augen, wofür sie dies machten. Diese Übung etwa, mit Finnland zusammen,
       stärke die gemeinsamen Fähigkeiten und dadurch die der Nato in Nordeuropa.
       
       ## Sicherheitspolitische Neuorientierung war 2022 notwendig
       
       Denn das ist der Unterschied: Russlands Angriff auf die Ukraine 2022 zwang
       ganz Europa – die Länder individuell wie die EU – zur
       sicherheitspolitischen Neuorientierung. Für Schweden bedeutete das [2][eine
       besonders krasse Zeitenwende], als das Land 2024 seine lang gehegte
       Neutralität aufgab und der Nato beitrat – kurz nach dem anderen Neumitglied
       Finnland.
       
       Seitdem lautet der Auftrag der schwedischen Seestreitkräfte nicht mehr nur,
       die eigene Küste zu verteidigen. Nun geht es um die gemeinsame Sicherheit
       auf der ganzen Ostsee, um den Schutz der mit Finnland deutlich verlängerten
       Nato-Nordostflanke. Seitdem erst finden ihre Manöver auch wieder so weit im
       Norden Schwedens statt. So langsam gewöhnt sich die Bevölkerung an den
       Anblick.
       
       Schweden und Finnland verbindet bereits eine jahrzehntelange
       Verteidigungszusammenarbeit. Ein gemeinsames Lagebild über ihre Region,
       Informationsaustausch, Zusammenarbeit bei der Überwachung – das alles war
       üblich. Gemeinsame Manöver, wie diese Minenräumübung an der schwedischen
       Küste, sind noch neu. Schweden trat nicht nur der Nato bei – es erhöhte
       auch die [3][Verteidigungsausgaben beträchtlich] und begann, die über
       Jahrzehnte verkleinerten eigenen Streitkräfte wieder aufzubauen. Dazu
       gehört, dass die Zahl der jährlich eingezogenen Wehrpflichtigen stetig
       erhöht wird. Der aktuelle Jahrgang ist nach offiziellen Angaben mit 9.000
       nun der größte seit Jahrzehnten.
       
       ## Manöver wie mit einem ferngesteuerten Auto
       
       Mia gehört dazu: Sie steht an Deck der „HMS Ven“ mit Blick aufs Wasser.
       Land ist in Sicht, grün mit bunten Holzhäusern, eine Szenerie wie bei einem
       schwedischen Spätsommerausflug. Die Rekrutin hantiert mit Joysticks. Es sei
       wie ein ferngesteuertes Auto zu fahren, lacht sie, Jahrgang 2006. Was sie
       da fernsteuert, ist ein großes Unterwasser-Ortungsgerät. Mit Sonartechnik
       und Kamera soll es Infos über Gegenstände am Meeresboden liefern.
       
       Mia lernt das von einer nahezu Gleichaltrigen, die ihren Wehrdienst schon
       abgeschlossen hat und nun als Teil der Mannschaft mitfährt. Lernziel heute:
       Wie sie das wertvolle Ortungsfahrzeug zu seinem Einsatzort bringt – also
       unter Wasser. Danach übernimmt ein technischer Offizier in der
       Einsatzzentrale unter Deck. Ob eine Mine leicht zu entdecken sei, das hänge
       von vielen Faktoren ab: wo sie liegen, wie das Wetter ist, wie der Boden
       beschaffen ist. Selbst das Süßwasser, das in dieser Gegend aus Flüssen in
       die Ostsee fließt, beeinflusse das Sonar-Gerät. Umso wichtiger sei es, die
       unterschiedlichen Verhältnisse an der langen schwedischen Küste
       kennenzulernen, hatte Kommandant Barrestedt eingangs erklärt.
       
       Zum Üben legen sie Attrappen aus. Beobachtet werden auch Steine, Sperrmüll
       und andere militärisch unbedeutende Funde. Dass sie so weit oben im Norden
       noch Minen aus einem der beiden Weltkriege finden, ist hingegen
       unwahrscheinlich. Aber auch die spielen für die schwedischen Streitkräfte
       noch eine Rolle, etwa bei der Teilnahme an einer jährlichen Nato-Übung
       weiter unten in der Ostsee, erzählt Anton Holmberg vor einer Reihe von
       Monitoren in der Einsatzzentrale. Der Kapitän der „HMS Ven“ betont zudem,
       das Minenräumen sei nicht die einzige Aufgabe. In diesen Zeiten, wo auf der
       Ostsee immer wieder Sabotageakte, [4][die russische Schattenflotte] oder
       andere Ungereimtheiten für Unruhe sorgen, seien sie mit dafür zuständig,
       die schwedischen Gewässer insgesamt im Blick zu haben.
       
       ## Neue Sicherheitslage kein Grund zur Freude
       
       Die „MS Ven“ und die „Trossö“ waren an diesem Tag abgestellt für die
       Pressearbeit. Die drei anderen Minenräumboote, darunter das aus Finnland,
       sind mit den Aufklärungsbooten weiter draußen geblieben. Dort üben sie in
       diesen Tagen auch den Umgang mit Drohnenangriffen. Das allerdings unter
       Ausschluss der Öffentlichkeit. Deren Vertreter werden schließlich von einem
       überraschend kleinen Beiboot abgeholt. Schwimmwesten wieder an, aber
       diesmal halten nur menschliche Hände den Ring oben fest, während sich die
       Landratten an einer Strickleiter vom Minenräumboot herunterhangeln. Die
       Beiboot-Kapitänin erledigt ihren Auftrag mit rasendem Tempo, die Gischt
       spritzt. Erst bringt sie die Gäste in die Stadt, danach sich und ihren Chef
       Gustav Thörnblom zurück zur „MS Trossö“.
       
       Vor dem Abschied erzählt Thörnblom, dass die veränderte Sicherheitslage für
       ihn widersprüchliche Folgen hat. Eigentlich sei sie überhaupt kein Grund
       zur Freude. Aber aus beruflicher Sicht sei es doch positiv, weil sie mehr
       Gelegenheit zum Üben und Verbessern ihrer Fähigkeiten bekämen. Ob er auch
       den Eindruck hätte, die Bevölkerung würde ihre Arbeit mehr schätzen als
       früher? „Ja, absolut“, sagt Thörnblom. Dann geht es für ihn zurück zu
       seinem Arbeitsplatz, der während der Übung zugleich sein Zuhause ist. Die
       „HMS Trossö“ ist längst nicht mehr zu sehen von der Innenstadt. Aber sie
       ist da, das wissen die Leute jetzt.
       
       7 Oct 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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