# taz.de -- Nobelpreis Physik: Den kosmischen Geisterteilchen auf der Spur
> Der Nobelpreis für Physik geht dieses Jahr an Francis Halzen. Er hat am
> Südpol ein Teleskop gebaut, das neue Blicke ins Universum ermöglicht.
(IMG) Bild: Mit offenen Armen: Francis Halzen in einem Turiner Hotel
Es war, als hätte sich 2010 am Südpol ein neues Fenster in die Tiefen des
Universums geöffnet. Zusammen mit Hunderten Kollegen weltweit hat Francis
Halzen dort ein Teleskop der ganz anderen Art errichtet. Mit diesem suchen
die Wissenschaftler nach hochenergetischen kosmischen Neutrinos, auch
Geisterteilchen genannt.
Diese Boten aus dem fernen Weltraum machen Unsichtbares sichtbar. Sie
erzählen Geschichten von extrem energiereichen Prozessen im Universum: von
riesigen Schwarzen Löchern etwa, sogenannten Blazaren, die aktiv Materie
verschlingen, oder von Sternenexplosionen, auch Supernovae genannt.
Für diese völlig neue Möglichkeit, den Weltraum zu erforschen, erhält am
Dienstag der belgisch-amerikanische Astrophysiker Francis Halzen den
Nobelpreis für Physik, dotiert mit 12 Millionen schwedischen Kronen,
umgerechnet etwa eine Million Euro. Damit ist es der fünfte Nobelpreis, der
an die Forschung zu Neutrinos vergeben wurde.
## Den Geisterteilchen auf der Spur
Ihre Existenz fasziniert die Forschung und stellt sie gleichzeitig wieder
und wieder vor gigantische Rätsel. Anders als bei anderen Elementarteilchen
weiß man nur wenig über sie. Zumal sie schwer nachzuweisen sind und sich
damit tatsächlich fast wie Geister verhalten. Doch sie sind überall. Pro
Sekunde strömen Milliarden von Neutrinos nicht nur durch das Weltall,
sondern auch durch unsere Körper, sie umgeben und durchdringen uns und auch
die Erde – völlig unbemerkt. Denn sie haben [1][kaum Masse], keine Ladung
und interagieren nur ganz selten mit Materie.
Die Geisterteilchen entstehen bei energiereichen Prozessen im Kosmos. Ein
Beispiel dafür ist die Kernfusion in der Sonne, bei der neben Licht immer
auch Neutrinos entstehen.
Bei Sternexplosionen und Schwarzen Löcher entstehen noch viel
energetischere Neutrinos. Weil Neutrinos nicht mit Materie kollidieren und
dadurch abgelenkt oder gestreut werden, verlieren sie keine Informationen
auf ihrer Reise. Wenn man sie misst, kommen sie quasi unverfälscht nach
Milliarden Lichtjahren auf ihrer Reise durchs Universum auf der Erde an.
Dadurch können Forschende eindeutig ihren Ursprungsort rückverfolgen und
auch die Prozesse, während derer sie entstanden sind.
Das Problem ist nur: Die hochenergetischen Geisterteilchen sind selten –
wie aber findet man sie dann?
## Detektoren unterm Eis
Um sie zu detektieren, hat Francis Halzen ein Teleskop der anderen Art
gebaut. Die Vision dafür hatte er bereits 1988. Das Teleskop hat keine
Radioantennen, ist nicht mal in den Himmel gerichtet, und heißt IceCube.
Drei Kilometer tief unter der Eisdecke eingelassen, besteht es aus
Tausenden Lichtsensoren, die einen riesigen Raum von rund einem
Kubikkilometer überwachen, in der Hoffnung, darin eines der seltenen
hochenergetischen Teilchen zu finden.
Tief unter dem Eis gibt es nur wenige Störsignale. Zeitgleich wirkt die
Erde selbst fast wie ein gigantischer Schutzschild, durch das Neutrinos
problemlos hindurchfliegen können, andere Teilchen aber aufgehalten werden.
Wenn ein Neutrino auf einen Atomkern trifft, erzeugt es einen sogenannten
[2][Myonen-Lichtblitz]. Den können die Forschenden im Eis messen und so
nachverfolgen, von wo das Neutrino kam. Um die Wahrscheinlichkeit für das
seltene Ereignis zu erhöhen, ist der Messraum so groß.
[3][2011 war der Bau beendet] und schon bald darauf konnten die Forschenden
erste Neutrinos nachweisen, die weit weg in unserem Sonnensystem entstanden
sein müssen. 2017 konnte IceCube erstmals Neutrinos detektieren, die
vermutlich aus einer fernen Galaxie stammen.
## Es braucht viele
Das Projekt geht weit über eine Person hinaus. Ähnlich wie beim
Teilchenbeschleuniger CERN steht hinter IceCube ein internationaler
Forschungsverbund. Über 450 Menschen aus 14 Ländern und 58 Instituten
forschen mit dem Eisteleskop.
Trotzdem: „Francis Halzen ist die Seele von IceCube“, sagt Elisa Resconi,
Professorin für Experimentalphysik mit kosmischer Strahlung an der
Technischen Universität München und Mitarbeiterin des internationalen
Projekts. Halzen habe sie im Jahr 2000 für IceCube rekrutiert und viele der
jüngeren Generation hinzugeholt. Zumal habe er die Forschenden immer wieder
zusammengehalten. Wer zu Neutrinos arbeitet, sei immer mal wieder
frustriert. Denn vieles weiß man über sie eben noch nicht und immer wieder
müssen neue Methoden, Verfahren und Berechnungen erst erfunden werden.
Mittlerweile arbeiten Halzen und andere Forschende an neuen Standorten für
weitere Teleskope, sozusagen Spin-offs von IceCube. Wichtig sei, dass die
Teleskope an Orten gebaut werden, die relativ ungestört sind und ein großes
Volumen aus durchsichtigem Material haben, sagt Resconi. Ein Ort dafür ist
etwa der Pazifische Ozean. Den Bau plant Resconi, sie schiebt das Projekt
P-One an, kurz für Pacific Ocean Neutrino Experiment. Vielleicht ein neues
Fenster, durch das die Forschenden bald blicken können.
6 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Adefunmi Olanigan
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