# taz.de -- Kunstfestival steirischer herbst in Graz: Die Schnitzelwirtschaft ist eine Geisterbahn
       
       > In Graz findet das Kunstfestival steirischer herbst statt. Es ist weniger
       > provokativ als in den letzten Jahren, aber psychisch unruhig.
       
 (IMG) Bild: „Meshes of the Afternoon“ (1943) von Maya Deren in einer Dachkammer
       
       Schön ist die steiermärkische Stadt Graz, die Genussstadt, wie Google im
       KI-Modus sofort erklärt. Die Chocolaterien reihen sich hintereinander auf
       der Flaniermeile der k.u.k.-Zeit, in den mittelalterlichen Gassen läuft das
       Kürbiskernöl tiefgrün über die Salate der Gastwirtschaften. Barocke
       Zwiebeltürme, neobarockes Opernhaus. Das wirkt alles so hübsch und
       entspannt und wohlhabend. Wie kommt es, dass sich die Grazer:innen eine
       kommunistische Bürgermeisterin samt kostenlosen Nahverkehr in der Altstadt
       leisten? Seit 2021 bekleidet Elke Kahr von der KPÖ das Amt, wurde [1][vor
       wenigen Wochen wiedergewählt.]
       
       Trotzdem kann man der Schönheit nicht trauen. Allein schon, weil direkt
       hinter den Grenzen der Stadt, im südostösterreichischen Bundesland
       Steiermark, der FPÖ-Landeshauptmann Mario Kunasek seit 2024 wieder eine
       völkische, autoritäre Stimmungsmache betreibt. Und schon vorher lag etwas
       in der steiermärkischen Luft: Kriegstreiber Wladimir Putin zog es noch 2018
       – die Krim war längst annektiert – dorthin, um mit der damaligen
       FPÖ-gestützten Außenministerin Karin Kneissl einen Hochzeitswalzer zu
       tanzen.
       
       Etwas spukt also, auch in Graz. Die Plakate des derzeit dort stattfindenden
       Kunstfestivals steirischer herbst, das interessanterweise sowohl von der
       kommunistischen Stadtregierung als auch von der FPÖ-Landesregierung
       gefördert wird, schmuggelten daher jetzt ein gespenstisches Haus ins
       unbekümmerte Stadtbild. Seine schwarzen Umrisse und leeren Fenster sind in
       ein grünes Untergangslicht getaucht. Dieses Haus gibt es wirklich, im
       Stadtteil Gries, wo der Grazer Barock weniger Stuck und mehr Dreck an der
       Fassade hat und auch mal Arabisch oder Paschto gesprochen wird.
       
       Ekaterina Degot, die aus Russland kommende Intendantin des Festivals, hat
       dieses Gebäude in dem migrantisch geprägten Gries – die FPÖ wittert hier
       medienwirksam einen „Bevölkerungsaustausch“ – als Hauptspielstätte
       ausgewählt. Es war mal eine populäre Schnitzelwirtschaft, stand lange leer.
       
       ## Maya Derens Experimentalfilmklassiker
       
       Für den steirischen herbst 2026 ist die Schnitzelwirtschaft zu einer Art
       künstlerischen Geisterbahn geworden. In einer kleinen Kammer unter dem Dach
       läuft Maya Derens Experimentalfilmklassiker „Meshes of the Afternoon“ von
       1943 im Loop. Immer wieder verliert die 1917 im russischen Kaiserreich
       geborene und später in Los Angeles lebende Deren in der surrealistischen
       Erzählung auf den knisternden Schwarz-Weiß-Aufnahmen ihren Schlüssel,
       findet die Haustür nicht mehr, verirrt sich auf Treppenstufen, hat
       plötzlich ein Messer in der Hand, wird selbst bei den simpelsten
       Gewissheiten unsicher, als zöge da jemand anderes die Strippen.
       
       Wahnhaft wird der ukrainische Künstler Nikolay Karabinovych. Er schlüpft in
       die Rolle eines Detektivs, zeigt sein fiktives verlassenes Büro,
       Musikfolterkammer inklusive. Manisch hat Detektiv Karabinovych Artefakte
       aus der UdSSR und frühen Ex-UdSSR zusammengesammelt: Zeitungsausschnitte,
       Modefotografien, Kuckucksuhren. Er sieht in dem 1995 ermordeten russischen
       Fernsehjournalisten Wladislaw Listjew eine Reinkarnation Walter Benjamins
       und zieht Verbindungen zur Heirat des Turbofolk-Stars Ceca mit dem
       serbischen Milizenführer Arkan. In seiner irren Assemblage wird alles zum
       Indiz für die mafiösen Verschränkungen von Wirtschaft, Politik, Pop und
       Porno im heutigen Russland, auch Putins Hochzeitstanz mit Kneissl in der
       Steiermark kommt vor.
       
       Dagegen ist das stete Fiepen aus großen Soundboxen in der Rauminstallation
       „The Quaking and the Shaking of Our Previous Making“ der Britin Heather
       Phillipson im ersten Stockwerk harmlos. Hier ist die Party vorbei, die
       Lichtorgel kreist ins Leere, Blumen welken an der dicht mit Deko behangenen
       Decke in Plastiktüten vor sich hin. Stattdessen ist ein großer Brotlaib in
       der Mitte des Raumes aufgebahrt. Was wird mit der Brotmumie betrauert? Eine
       linksautononme Szene, die es nicht mehr gibt, die Hausbesetzungen und ihre
       illegalen Partys, die nicht mehr stattfinden, weil es alles
       weggentrifiziert, wegkontrolliert und wegfinanzialisiert ist. Man fragt
       sich dann tatsächlich wehmütig, wo dieses gemeinschaftliche Aufbegehren im
       Untergrund geblieben ist, das auch so wichtig ist, damit es auf der
       gesellschaftlichen Oberfläche gut funktioniert.
       
       Unter Degots Intendanz konnten die Ausstellungen des steirischen herbsts
       immer auch ein wenig wehtun: Vor zwei Jahren demontierte sie mit einer
       [2][Schau in der traditionsreichen Grazer Neuen Galerie] den Begriff der
       „Heimat“, vor vier Jahren ließ sie die Künstlerin Zhanna Kadyrova
       Trümmerteile aus dem ukrainischen Kriegsgebiet nach Graz holen. Den Krisen
       an den Nerv gehen, sie zeigen, provozieren, war die Haltung. Dieses Jahr
       ist es anders, äußerlich ruhiger, psychisch aber unruhig.
       
       ## „Red Flags“
       
       Was passiert, wenn die Ängste, die Warnsignale, die man allzu oft
       individuell vernimmt, keinen öffentlichen Ausgang finden? „Red Flags“ ist
       das Festival dieses Jahr betitelt, gemeint sind ebensolche Warnsignale, die
       „Red Flags“. Ekaterina Degot und ihr Team wählten dafür eine Kunst, die
       aufs szenische Erzählen setzt, persönliche Gedanken und Paranoia als
       gesellschaftliches Stimmungsbild erfasst. Und sie verlangen dafür eine
       Öffentlichkeit. Das funktioniert, vor allem in dieser schönen Stadt mit
       ihren schönen Fassaden.
       
       Die Recherchen wurden vom Festival unterstützt.
       
       9 Oct 2026
       
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