# taz.de -- Reaktionen auf Missbrauchsstudie: Kein Ablass für die Geistlichkeit
> Katholischer Klerus versucht es mit Krisenkommunikation: Das beweist er
> nach dem Erscheinen der Studie über Missbrauch in den Bistümern Osnabrück
> und Münster.
(IMG) Bild: Geistlicher Missbrauch: Die katholische Kirche versucht es jetzt mit Betroffenheitsrhetorik
Kommen Missstände ans Licht, greifen die Beschuldigten oft zum
Selbstschutz: Sie igeln sich ein, werfen Nebelkerzen, wehren ab, warten ab.
Die katholische Kirche kann das besonders gut, was sie [1][seit der
Aufdeckung des Missbrauchsskandals] 2010 immer wieder bewiesen hat. Aber
wer schweigt und schönredet, leugnet und lügt, nur dosiert statt
rückhaltlos informiert, verstärkt den Glaubwürdigkeitsverlust, den er
verhindern will. Gute Krisenkommunikation sieht anders aus.
Erwartet wird vielmehr Opfer- und Empathiefokus, korrektives Handeln. Das
weiß auch die katholische Kirche und die Veröffentlichung der [2][Studie
„Macht durch Charisma. Geistlicher Missbrauch in Geistlichen
Gemeinschaften“] gibt ihr die Gegelgenheit, sich krisenmedial zu bessern.
Es geht in der Studie der Uni Münster um den [3][geistlichen und
spirituellen Missbrauch in geistlichen Gemeinschaften]. Untersucht wurde
das Phänomen anhand der „Christusgemeinschaft“ im Bistum Osnabrück und der
„Totus Tuus Neuevangelisierung“ im Bistum Münster. Die vier Auftraggeber
der Studie, neben den beiden Bistümern sind das die Deutsche
Bischofskonferenz und der Orden der Thuiner Franziskanerinnen, kommentieren
das sektenartige und manipulative Gebaren der beiden Gemeinschaften, an dem
sie mitschuldig sind, durchaus sensibel und einsichtig. Es liest sich wie
eine Selbstanklage. Zumindest wirkt es so.
Er sei „erschüttert“, schreibt etwa Dominicus Meier, der Osnabrücker
Bischof. Die Studie habe ihn „als Ordensmann und damit als Mitglied einer
geistlichen Gemeinschaft sprachlos gemacht“. Der geistliche Missbrauch
durch die „Christusgemeinschaft“ sei „verheerend“ gewesen. Das klingt
nahbar, persönlich. So muss es sein.
Auch Heiner Wilmer, vormals Bischof von Hildesheim, mittlerweile von
Münster und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, nennt die
Missbräuche verheerend und erschütternd. „Wir dürfen, ich darf nicht bei
Erschütterung stehen bleiben. Wir müssen, ich muss Konsequenzen ziehen“,
sagt Wilmer. Es gebe im Bistum „keinen Platz für geistliche Gemeinschaften,
die Menschen ihre Freiheit nehmen, die Glauben als Leistungsprinzip
verstehen, die sich selbst als Elite ansehen, die umfassenden Zugriff auf
die Lebensführung ihrer Mitglieder anstreben“. Klare Kante.
Maria Cordis Reiker, die Generaloberin der Thuiner Franziskanerinnen,
[4][die mit der „Christusgemeinschaft“ eng verflochten waren], spricht von
„Beschämung“ und darüber, dass eine damalige Schwester ihrer Kongregation
„solch ein Ausmaß an Verwirrung, an Verletzungen, an zerstörerischen
Eingriffen in Personen und teilweise vernichtenden Glaubensüberzeugungen in
das Leben junger Menschen gebracht hat“. Sie bitte „aufrichtig um
Verzeihung“. Richtig so.
## Und dann sind alle „erschüttert“
Und dann spricht auch Reiker von „Erschütterung“. Hat der Wortvorrat für
derlei Tatbestände wirklich so enge Grenzen? Ist es Absicht, dass alle
Beteiligten „erschüttert“ sind, um Geschlossenheit zu demonstrieren? Ist
das Textbaustein-Sprech und die Nahbarkeit also kalkuliert und
abgesprochen?
Das schriftliche Statement von Beate Gilles, der Generalsekretärin der
Deutschen Bischofskonferenz, wirkt dagegen distanziert, formal. Keine
Erschütterung, keine Verheerung.
Aber alle vier sprechen davon, dass es bereits kirchliche Aufarbeitung
gegeben habe und weitere folgen werde. Viele Absichtserklärungen warten
jetzt also auf Umsetzung. Von Anerkennungszahlungen, wie für Betroffene
sexualisierter Gewalt, ist allerdings nicht die Rede. Hier stiehlt sich die
katholische Kirche aus der Verantwortung.
## Jahrzehntelang nicht unterbunden
Bereits vor der Veröffentlichung der Studie Ende September haben die vier
Mitverantwortlichen in einem gemeinsamen Statement davon gesprochen, dass
es Leid und Schmerz gegeben habe. Das wirkt engagiert, wie das Gegenteil
von Abwehr.
Aber eines darf man nicht vergessen: Intern waren die Vorgänge schon seit
den 1990er Jahren thematisiert worden. Auch als sie dann später öffentlich
wurden – [5][die taz hatte erstmals 2005 über die „Christusgemeinschaft“
berichtet] –, waren sie in der strikt hierarchisch organisierten
katholischen Kirche [6][nicht unterbunden worden].
Die katholische Kirche ließ die „Christusgemeinschaft“ und „Totus Tuus
Neuevangelisierung“ also jahrzehntelang gewähren. Darüber darf die neue
Betroffenheitsrhetorik auch nicht hinwegtäuschen.
6 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Studie-ueber-Missbrauch-in-der-Kirche/!5534954
(DIR) [2] https://www.aschendorff-buchverlag.de/digibib/?digidownload&tid=25270
(DIR) [3] /Gewalt-in-Bistum-Osnabrueck-und-Muenster/!6215348
(DIR) [4] /Nonnen-auf-der-Flucht/!638814&s=Christusgemeinschaft+Thuine&SuchRahmen=Print/
(DIR) [5] /Nonnen-auf-der-Flucht/!638814&s=Christusgemeinschaft+Thuine&SuchRahmen=Print/
(DIR) [6] /Missbrauchsvorwurf/!5132062
## AUTOREN
(DIR) Harff-Peter Schönherr
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