# taz.de -- Gewalt in Bistum Osnabrück und Münster: Geistliche Gemeinschaften sind kein Safe Space
> Eine neue Studie zeigt, welche besondere Form der Gewalt in Geistlichen
> Gemeinschaften droht. Der spirituelle Missbrauch wurde erstmals
> erforscht.
(IMG) Bild: Geistlicher Missbrauch: Forscher*innen sehen Versäumnisse im Umgang der Verantwortlichen in den Bistümern Osnabrück und Münster
Dass das [1][Bistum Osnabrück einer der Täterorte] des Missbrauchsskandals
ist, dessen Aufdeckung seit 2010 die katholische Kirche erschüttert, ist
nichts Neues. Aber die jetzt veröffentlichte [2][Pilotstudie „Macht durch
Charisma. Geistlicher Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften“] der
Universität Münster zeigt eine weitere Facette der Übergriffe in den
Bistümern Osnabrück und Münster. Es geht um den oft wenig beachteten
geistlichen und spirituellen Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften.
In dem fast vierjährigen Forschungsprojekt hat ein Team um Theologin und
Soziologin Judith Könemann und Historiker Bernhard Frings von der
Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster das Phänomen des
geistlichen Missbrauchs anhand zweier Gemeinschaften untersucht – der
„Christusgemeinschaft“ im Bistum Osnabrück und der „Totus tuus
Neuevangelisierung“ im Bistum Münster.
Dem Bistum Osnabrück wurde bereits 2024 im [3][Abschlussbericht der Uni
Osnabrück „Betroffene – Beschuldigte – Kirchenleitung: Sexualisierte Gewalt
an Minderjährigen sowie schutz- und hilfebedürftigen Erwachsenen im Bistum
Osnabrück seit 1945“] „Fehlverhalten auf allen Ebenen kirchlicher
Tätigkeit“ attestiert. Nun ist es zusammen mit dem Bistum Münster, dem
Orden der Thuiner Franziskanerinnen, in dessen Umfeld die
Christusgemeinschaft in den 1970er Jahren entstanden ist, und der Deutschen
Bischofskonferenz Auftraggeber der neuen Studie zu geistlichem Missbrauch.
Diese Studie fußt auf 117 Interviews mit Betroffenen und
KirchenvertreterInnen und auf Akten der Bistümer und des Ordens. Und sie
weist über die beiden Bistümer hinaus – ist deutschlandweit Vorreiter zu
diesem Thema.
Geistlicher Missbrauch wird hier definiert als „der unzulässige und stets
von machtförmigen Interessen gesteuerte Über- und Eingriff in das
geistliche Leben, in die Spiritualität eines Gegenübers“. Er komme ohne
körperliche Übergriffe aus, stelle aber „gleichwohl eine Verletzung nicht
nur der persönlichen Integrität, sondern auch der leib-seelischen
Gesundheit des Menschen dar“, schreiben die Autor*innen der Studie.
Im Kern bestehe der Missbrauch darin, „durch den Einsatz und im Horizont
einer geistlichen Doktrin und Spiritualität, Macht über das Gewissen und
das Innerste eines Gegenübers zu erlangen“ und darin, „die völlige
Selbstaufgabe, Selbstauslieferung und Unterwerfung des Anderen nicht nur zu
fordern, sondern auch mit dafür geeigneten Mitteln durchzusetzen“.
## Studie arbeitet geistlichen Missbrauch auf
Die Studie arbeitet auf, was in der „Christusgemeinschaft“ im Bistum
Osnabrück und der Gemeinschaft „Totus tuus Neuevangelisierung“ im Bistum
Münster ablief, wie geistlicher Missbrauch grundsätzlich entsteht, welche
Folgen er hat, welche Ausstiegswege es gibt. Sie zeigt auch konkret, wie
die beiden Bistümer mit ihm umgingen.
„Geistliche Gemeinschaften faszinieren nach wie vor viele Menschen“, sagte
die Leiterin der Studie, Judith Könemann, am vergangenen Freitag bei der
Vorstellung der Studienergebnisse im Münsteraner Schloss. Im Publikum saßen
Betroffene und auch hochrangige KirchenvertrerInnen. Entscheidende
Anziehungskraft habe das Charisma der Leitungsfiguren gehabt, die für die
Mitglieder in vielem Vorbild gewesen seien. „Geistlicher Missbrauch muss
sanktionierbarer werden, als Straftatbestand ausgewiesen“, forderte
Könemann.
In der Studie berichteten Könemann, Frings und VertreterInnen des
Projektsbeirats von schwachen Sanktionen und fehlenden bischöflichen
Machtworten, von rigider Normierungspraxis und verpassten Lebenschancen,
von Bagatellisierung und Indoktrination, von Beschämung und Toxizität.
Fange das Charisma an, Selbstzweck zu sein, statt anderen zu nützen, werde
es gefährlich. Geistliche Gemeinschaften seien keine heilen Orte, kein Safe
Space.
Bei der Pressekonferenz meldeten sich Betroffene zu Wort. Sagen Dinge wie:
„Das ist niederschmetternd. Und was passiert? Nichts!“ Die anwesenden
KirchenvertreterInnen schwiegen.
## Druck dürfte sich weiter erhöhen
Die Gemeinschaft „Totus tuus Neuevangelisierung“ im Bistum Münster wurde
mittlerweile aufgelöst. Von der „Christusgemeinschaft“, heißt es,
existieren noch kleinere Gebetskreise – 20 Jahre hatte im Bistum Osnabrück
ein „weitgehend ergebnisloser“ Dialogprozess mit ihr gedauert, so steht es
in der Studie.
Das Bistum Osnabrück dürfte durch diese neuen Enthüllungen weiter unter
Druck geraten. Umfasste es 2021 noch knapp 532.000 Katholikinnen und
Katholiken, waren es 2025 nur noch rund 486.000. Allein in 2022, dem Jahr
des Zwischenberichts zu „Betroffene – Beschuldigte – Kirchenleitung“,
verließen knapp 10.500 Menschen die katholische Kirche, weit mehr als in
den Jahren zuvor. In 2023, 2024 und 2025 blieb die [4][Austrittszahl hoch].
Am 5. Oktober wollen sich die vier Auftraggeber der Studie äußern. In einem
gemeinsamen Vorab-Statement, das das Bistum Osnabrück kurz vor der
Vorstellung der Studie veröffentlichte, schreiben sie, man bedanke sich bei
den Betroffenen für das Teilen ihrer Erlebnisse und Erfahrungen. „Wir sehen
ihr Leid und ihren Schmerz. Ihre Verwundungen halten oft ein Leben lang an.
Wir müssen alles tun, um solches Leid, um geistlichen Missbrauch in Zukunft
zu verhindern.“
Die Verantwortlichen von „Totus tuus Neuevangelisierung“ und der
„Christusgemeinschaft“ hätten alle Vorwürfe zurückgewiesen, sagte hingegen
Könemann. Zu einem Austausch sei es nicht gekommen.
27 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Sexualisierte-Gewalt-im-Bistum-Osnabrueck/!6037079
(DIR) [2] https://www.aschendorff-buchverlag.de/digibib/?digidownload&tid=25270
(DIR) [3] https://bistum-osnabrueck.de/wp-content/uploads/2017/01/Abschlussbericht_Gesamtdokument.pdf
(DIR) [4] /Kirchen-in-der-Krise/!6163165
## AUTOREN
(DIR) Harff-Peter Schönherr
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(DIR) Bistum Osnabrück
(DIR) Reden wir darüber
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