# taz.de -- Nach der Wahl in Lettland: Klarer Sieg bei leeren Kassen
> Die Partei des Ministerpräsidenten Andris Kulbergs gewinnt die Wahl mit
> großem Vorsprung. Die Wahlversprechen umzusetzen wird allerdings
> schwierig.
(IMG) Bild: Selfie im Wahllokal: Andris Kulbergs (rechts) profitierte von seiner Beliebtheit und von Social Media
In Lettland hat die Partei „Vereinigte Liste“ unter der Führung des
amtierenden [1][Ministerpräsidenten Andris Kulbergs] einen überwältigenden
Sieg bei den Saeima-Wahlen (Parlamentswahlen) errungen und dabei den
bisherigen Wahlrekord des Landes gebrochen.
Die Mitte-Rechts-Partei des Ministerpräsidenten wurde von 35 Prozent der
Wähler unterstützt. In der 15. Saeima werden auch die Parteien „Lettland
zuerst“ (13 Prozent), „Souveräne Macht/Union der jungen Letten“ (12
Prozent), „Nationale Allianz“ (9 Prozent), „Die Progressiven“ (8 Prozent)
sowie „Neue Einheit“ unter der Führung von Präsident Edgars Rinkēvičs (6
Prozent) vertreten sein.
Die Wahl stellte allerdings auch einen „Anti-Rekord“ auf – die niedrigste
Wahlbeteiligung, die jemals bei einer Saeima-Wahl verzeichnet wurde. Nur
etwa 800.000 Menschen, also etwa 52 Prozent der Wahlberechtigten, nahmen
daran teil. Soziologen erklären dies unter anderem mit mangelndem Vertrauen
in die politischen Parteien und dem Gefühl, ohnehin keinen Einfluss auf
Entscheidungen nehmen zu können.
Am Wahlabend erklärte der Ministerpräsident, er werde zunächst mit den
derzeitigen Koalitionspartnern – „Neue Einheit“ und der „Nationalen
Allianz“ – über die Bildung der nächsten Koalition sprechen. Alle drei
zusammen kämen auf 60 der 100 Sitze im Parlament.
## Viele Versprechen, wenig Geld
Die „Vereinigte Liste“ (AS) hat ihr Ergebnis gegenüber 2022 mehr als
verdreifacht. Lettische Politikwissenschaftler schreiben den Erfolg
hauptsächlich Ministerpräsident Kulbergs zu, der mit seiner sympathischen
Kommunikation mit den Wählern über die Medien und sozialen Netzwerke
punkten konnte.
Gleichzeitig steht der Ministerpräsident, der sein Amt erst vor vier
Monaten nach dem Rücktritt der damaligen Regierungschefin Evika Siliņa
(Neue Einheit) angetreten hatte, nun vor zahlreichen Herausforderungen.
Kulbergs hat im Wahlkampf versprochen, Steuern zu senken, das Leben
erschwinglicher zu machen und Lettlands starke Haltung im Widerstand gegen
Russland und bei der Unterstützung der Ukraine fortzusetzen. All dies wird
innerhalb des vorgegebenen Haushaltsrahmens nur sehr schwer zu
bewerkstelligen sein.
Schon jetzt fehlen nach Angaben des Finanzministeriums im Haushalt 2027
bereits 28 Millionen Euro, um alle Versprechen der Regierung zu erfüllen.
Zudem müssen weitere 421 Millionen Euro aufgebracht werden, um bereits
beschlossene Maßnahmen der Regierung und der Saeima umzusetzen –
beispielsweise die Gehälter der Lehrkräfte zu erhöhen und zusätzliche
Mittel für das Gesundheitswesen bereitzustellen.
## Hohe Energiepreise und ständige Bedrohungen aus Russland
Auch die Arbeiten am komplexen Eisenbahnprojekt „[2][Rail Baltica]“, dessen
Kosten im Laufe der Zeit immer weiter gestiegen sind, müssen fortgesetzt
werden, während sich die nationale Fluggesellschaft „airbaltic“ noch immer
nicht von ihren finanziellen Schwierigkeiten erholt hat.
In Lettland sind, wie an vielen anderen Orten auch, die Kraftstoffpreise
aufgrund des Krieges im Nahen Osten gestiegen; darüber hinaus sieht sich
das Land weiterhin hybriden Bedrohungen durch seinen Nachbarn Russland
ausgesetzt – darunter die Zunahme [3][illegaler Grenzübgertritte von
Belarus] aus, Drohnen, die am Krieg zwischen Russland und der Ukraine
beteiligt sind und in den Luftraum des Landes eindringen, die Sabotage von
Unterwasser-Kommunikationskabeln in der Ostsee sowie vom Kreml verbreitete
Desinformation.Im September stieg auch der Getreidetransit aus Russland und
Weißrussland durch Lettland stark an, was sowohl in der Öffentlichkeit als
auch in politischen Kreisen heftige Debatten über die Herkunft dieses
Getreides und die Zukunft eines solchen Handels auslöste.
Einen Monat vor den Wahlen verabschiedete die Saeima Änderungen des
Eisenbahngesetzes, mit denen bis zum Ende dieses Jahres ein Einfuhrzoll von
300 Prozent auf den Transit von russischem Getreide erhoben wird;
allerdings wurden in der Saeima auch Forderungen nach einem vollständigen
Verbot des Transits laut.
4 Oct 2026
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(DIR) Ieva Strazdina
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