# taz.de -- Neuer Roman von Martina Hefter: Bullshit liegt nicht nur auf der Weide
       
       > Martina Hefters „Nach der Sonne schauen“ ist mehr als ein Racheroman. Er
       > erzählt luftig und leicht von der Sehnsucht, sich von Ressentiments zu
       > emanzipieren.
       
 (IMG) Bild: Landschaften wandeln sich. Menschen auch. Martina Hefter
       
       Ein Setting als Symbol: Wo einst nach Kohle gegraben wurde, gibt es jetzt
       einen See. Aus Millionen Tonnen Abraum in der Leipziger Tieflandsbucht sind
       künstliche Hügel entstanden, eine Art zweite Natur. Martina Hefter lässt
       Iona Bartschok, die Erzählerin ihres neuen Romans „Nach der Sonne schauen“,
       mit höchster Aufmerksamkeit durch eine Gegend streifen, die einen
       tiefgreifenden Wandel erlebt hat.
       
       Auch das Klima hat sich in dieser Region stark verändert. Lange
       Trockenheitsphasen wechseln sich mit Starkregen ab. Immerhin surren die
       Windräder, die filigranen Nachfolger der monströsen Braunkohlebagger. Mit
       der umsichtigen Hauptfigur fragen wir uns als Lesende: Wo hört in dieser
       Landschaft die Natur auf oder beginnt sie schon wieder, was ist künstlich
       und was schon Kunst?
       
       Kaum eine Seite vergeht, ohne dass den Leitmotiven dieser Prosa ein neuer
       Aspekt beigefügt wird. Das geschieht so luftig und leicht, dass man kaum
       merkt, in eine ziemlich handfeste Geschichte hingezogen zu werden.
       
       ## Fäkalwort gesprüht
       
       Iona ist bildende Künstlerin, die sich der Natur und der spekulativen Frage
       verschrieben hat, wie das „Gebiet des ehemaligen Tagebaus Witznitz II“
       dereinst aussehen könnte. „Die Landschaft in fünftausend Jahren“ lautet der
       Titel ihres aktuellen Projekts, das sie in einer ehemaligen Fabrikhalle
       realisieren möchte.
       
       Doch die Arbeit stockt. Statt das Werk voranzutreiben, beschäftigt sie sich
       mit einem digitalen Hund namens Robyn und denkt über einen „Vorfall“ nach,
       der sie nachhaltig erschüttert hat: „Der Vorfall bestand darin, dass Herto
       Straus, ein Leipziger Maler, das Baumhaus, meine über fünfundzwanzig Jahre
       alte Diplomarbeit, in einer Ausstellung der Kunsthalle der Sparkasse mit
       dem Wort Bullshit besprüht hat, mittels einer Spraydose mit oranger Farbe.“
       
       Der prominente Kunstzerstörer hat das Fäkalwort offenbar nicht zufällig
       gewählt. Mit der bös-blödsinnigen Tat sollte die Kollegin persönlich
       getroffen werden, immerhin ist sie auf einer Alm mit Kühen aufgewachsen.
       Herto Straus ist von Konkurrenzneid zerfressen, gibt Interviews im Radio,
       in denen er vollmundig erklärt, „das Baumhaus seiner Jugend nachbauen könne
       jeder“. Schließlich landet der Wüterich vor Gericht und muss Schadensersatz
       leisten.
       
       ## Replik auf Clemens Meyer
       
       Es liegt nahe, diese Geschichte als literarische Replik einer
       Schriftstellerin zu lesen, die 2024 den Deutschen Buchpreis erhielt und
       sich dann mit Herabwürdigungen des [1][ebenfalls nominierten] A[2][utors
       Clemens Meyer] konfrontiert sah. Doch Hefter belässt es nicht bei dieser
       bitter-komisch dargestellten Parallelität der Geschehnisse. Es geht ihr um
       Grundsätzliches, um das verzwickte Verhältnis von Natur und Kultur, wobei
       die Übergänge fließend, die Sphären eng verflochten sind: Zerstörerisch
       kann die Natur sein, die zumeist selbst zerstört ist. Dasselbe gilt für die
       Kräfte in der Kultur.
       
       Kluge und überraschende Gedanken tauchen auch in Szenen auf, in denen das
       Grundthema des Romans in aktuellen Gesellschaftsdebatten gespiegelt wird.
       Das Buch liefert zum Beispiel einen originellen Blick auf misslingende
       Ost-West-Kommunikation. Iona wundert sich nämlich, „dass man als Frau aus
       dem Westen hier schnell als hysterisch oder überängstlich oder übersteigert
       gelte“.
       
       Die seit Jahrzehnten im Osten lebende Westdeutsche stellt fest, „dass man
       mir nicht zuhörte, sondern nur kurz wahrnahm, was ich sagte, mit einem
       Schulterzucken, und dann gab es wohl nichts mehr, was man dem Gespräch
       zufügen konnte“. Die Angst, „als Westdeutsche womöglich etwas Falsches
       gesagt zu haben“, begleitet Iona ständig. Doch sie möchte sich nicht mehr
       auf die üblichen Rollen und Ressentiments festlegen lassen.
       
       ## Momente persönlicher Utopie
       
       Martina Hefter wird im zweiten Teil des nachdenklichen Romans nicht nur
       alpine und gewalttätige Kindheitserfahrungen durchmessen, sie beginnt auch,
       Momente einer persönlichen Utopie angesichts der bedrohten und bedrohlichen
       Außenwelt zu entwickeln. Der Computer-Wauwau, der im digitalen Nirwana
       verschwindet, wird durch einen echten Hund ersetzt. Eine junge
       Tattookünstlerin durchbricht die Einsamkeit der Erzählerin.
       
       Wer die Lyrik und Prosa Martina Hefters kennt, etwa den Gedichtband „In die
       Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen“, wird erkennen, dass die
       Schriftstellerin ihr Lebensthema, die physische und psychische Übergänge
       auszuloten, erneut weiterentwickelt hat. Ioana wird sich von der
       Installationskunst vorerst verabschieden und sich der todgeweihten Tierwelt
       widmen: Ein Gnadenhof wird zum Gegenentwurf für eine gnadenlose Welt.
       
       17 Oct 2026
       
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