# taz.de -- Zerwürfnis im Gemeinderat: Mit der Brechstange
       
       > Im schleswig-holsteinischen Schellhorn setzt ein stellvertretender
       > Bürgermeister Gemeinderäte unter Druck. Sein Ziel: private Bauvorhaben
       > voranbringen.
       
 (IMG) Bild: Falls das Regenwasser mal nicht ablaufen kann, ist in Schellhorn vorgesorgt
       
       Schellhorn besteht aus nur wenigen Straßen mit gepflegten
       Einfamilienhäusern, auf einer Weide an der Hauptstraße grasen Schafe und
       Esel. Das frühere Dorf grenzt an einer Seite so eng an die [1][Nachbarstadt
       Preetz], dass kein Übergang zu sehen ist. Weitere Teile der Gemeinde liegen
       zwischen Feldern, Wiesen und Seen. Es gibt etwas Landwirtschaft und
       Tourismus, viele Einwohner:innen pendeln zur Arbeit nach Kiel.
       
       Doch der Friede trügt: In der Gemeindevertretung, in der ausschließlich
       Mitglieder dreier Wählergemeinschaften sitzen, rumort es seit Längerem.
       Zurzeit prüft die [2][Kommunalaufsicht] einen besonders eklatanten Fall: Es
       geht um den Bau von Mietshäusern, um die versuchte Beeinflussung einer
       Gemeindevertreterin, um einen stellvertretenden Bürgermeister unter Druck
       und um zerstrittene Lager.
       
       „Mich macht es traurig, wie es zurzeit läuft“, sagt Thomas Schult, der
       Bürgermeister von Schellhorn. Den Posten hat er vor gut einem Jahr
       übernommen, nachdem kurz nacheinander zwei andere Ehrenamtliche das
       Handtuch geworfen hatten. Auch mehrere Mitglieder des Gemeinderats sind
       wegen der schlechten Stimmung zurückgetreten. „Dabei haben wir so viel
       vor“, sagt Schult. Die Grundschule erhält eine neue Mensa, das
       Feuerwehrgerätehaus soll ausgebaut werden. „Das ist mehr als genug zu tun
       für uns Ehrenamtliche. Es sollte andere Wege geben, als Streit offen auf
       der Bühne auszutragen.“
       
       So ein Streit auf offener Bühne fand zuletzt Ende September statt.
       Tatsächlich erinnerte die Szene im Untergeschoss des „Landhauses Fillert“
       an einen Theater-Aufbau: Im hinteren Teil des Saals saßen die Gemeinderäte
       an U-förmig aufgestellten Tischen, davor auf Stuhlreihen das Publikum. Zu
       Beginn der Sitzung stand der Schellhorner Einwohner Birger Bastian auf und
       bombardierte Bürgermeister Schult und den neben ihm sitzenden
       Protokollführer, Peter Krebs von der Amtsverwaltung, mit Fragen: „Wie
       bewerten Sie die Tatsache, dass der stellvertretende Bürgermeister versucht
       hat, das Abstimmungsverhalten einer Gemeindevertreterin zu beeinflussen?
       Warum hat die Amtsverwaltung nichts getan? Was passiert, um diese Dinge
       aufzuklären?“
       
       ## „Lege Ihnen den Austritt aus der Gemeindevertretung nahe“
       
       Der Fall, auf den Bastian damit anspielte, hatte sich bereits im Februar
       2025 zugetragen. In einer Mail, die der taz vorliegt, schrieb der
       stellvertretende Bürgermeister Steffen Kaczmarczyk an eine Gemeinderätin
       einer anderen Fraktion: „Am 6. Februar 2025 stimmten Sie als einziges
       GV-Mitglied mit Nein. Unseren Anwalt und uns würden Ihre sachgerechten
       Gründe interessieren.“ Sollte die „sachgerechten Gründe“ nicht bis zu einer
       gesetzten Frist vorliegen, „lege ich Ihnen den umgehenden Austritt aus der
       Gemeinvertretung nahe“.
       
       Abgesehen davon, dass gewählte Abgeordnete nur nach ihrem Gewissen
       abstimmen und sich dafür nicht rechtfertigen müssen, ist dieser Fall
       besonders pikant. Denn die in Rede stehende Abstimmung betrifft Kaczmarczyk
       privat – es geht um den Bau von vier Mietshäusern, die Kaczmarczyk und
       seine Frau finanzieren. In Kaczmarczyks Mail taucht aber das Logo seiner
       damaligen Wählergemeinschaft „Moin Schellhorn“ auf, in der Signatur ist
       seine ehrenamtliche Funktion benannt.
       
       Die Gemeinderätin ging nicht auf die Forderung ein, sie gehört dem Gremium
       weiter an. Sie wollte nicht mit der taz sprechen, aber aus ihrem Umfeld ist
       zu hören, dass sie seit der Mail ungern mit Kaczmarczyk und seiner Frau,
       die ebenfalls im Gemeinderat sitzt, zusammentrifft. Spaß macht ihr das
       Ehrenamt nicht mehr.
       
       Das Schreiben habe damals die Runde im Gemeinderat gemacht, berichtet
       Bürgermeister Schult. Seine Amtsvorgängerin habe Steffen Kaczmarczyk
       klargemacht, dass sie so ein Verhalten nicht dulde. Er habe daraufhin
       versprochen, dass es nicht wieder vorkomme. Kaczmarczyk, der auf eine
       Anfrage der taz nicht reagierte, ist weiterhin stellvertretender
       Bürgermeister.
       
       „Warum kommt das jetzt wieder auf den Tisch?“, fragt Schult. „Wir haben
       gehandelt, und es hat sich etwas verändert.“ Andere im Ort sehen das
       anders: „Diese Spielereien und Drohungen gehen die ganze Zeit weiter“, sagt
       ein ehemaliger Gemeindevertreter.
       
       Birger Bastian berichtet, er habe erst vor kürzlich von der Mail erfahren.
       Der Diplom-Ingenieur lebt und arbeitet in Schellhorn. Er beobachtet die
       Gemeindepolitik seit Längerem mit Sorge: „Hier wird viel zurechtgebogen und
       gemauschelt.“ Wegen seiner offenen Kritik sei er bereits „verschrien, weil
       ich die Ämter nerve“.
       
       Einen Ausdruck der Mail von Kaczmarczyk habe ihm jemand anonym in den
       Briefkasten gelegt, sagt er. Und anders als die betroffene Gemeinderätin,
       die im Februar 2025 nur im engeren Kreis über das Thema sprach, machte
       Bastian den Fall öffentlich. „Mich stört, wenn Leute sich nicht an die
       Regeln halten“, sagte er.
       
       Ihm geht es nicht nur um die Mail, sondern auch um die vier Mietshäuser,
       die Kaczmarczyk und seine Frau bauen. Auch bei deren Genehmigung könnten
       die Regeln nicht eingehalten worden sein, vermutet er.
       
       Die Häuser stehen auf Schellhorner Gebiet, können aber nur über eine Straße
       angefahren werden, die auf dem Grund der Nachbarstadt Preetz liegt. Die
       Stadt hat die schmale, von Bäumen gesäumte Straße zur „Erholungsachse“
       erklärt, zudem fehle eine Regenwasserkanalisation, berichten die Kieler
       Nachrichten.
       
       Neue Häuser, die Autoverkehr und Bodenversiegelung mit sich bringen, sind
       daher aus Preetzer Sicht unerwünscht. Die Stadt verbot zwischenzeitlich
       sogar Baufahrzeugen die Zufahrt. Und sie klagt vor dem Verwaltungsgericht
       gegen den Kreis Plön, der den Bau genehmigt hat. Steffen Kaczmarczyk sieht
       sich als Opfer: „Es ist der Stadt Preetz wichtiger, uns zu schaden, als das
       Verfahren zu betreiben“, sagte er den Kieler Nachrichten. Niemand könne
       etwas gegen neue Wohnungen haben.
       
       Die Entscheidung in diesem Fall steht jetzt an, und Birger Bastian
       befürchtet, dass das Gericht die so gut wie fertigen Mietshäuser
       rückwirkend genehmigt. „Aber wenn solche Sachen durchkommen, können wir
       irgendwann das Baurecht vergessen“, sagt Bastian.
       
       Das Ehepaar Kaczmarczyk zwinge die Stadt Preetz, zu ihren Gunsten und auf
       Kosten der Steuerzahlenden die Straße zu erschließen. Die Schellhorner
       Gemeindevertretung hätte bei der Abstimmung diese Hintergründe nicht
       gekannt, vermutet er. Daher setzt er alles daran, den Fall bekannt zu
       machen.
       
       Im Schellhorner Gemeinderat drang er mit seinen Fragen nicht durch. Statt
       auf die Vorwürfe einzugehen, arbeitete sich die Runde in ihrer Sitzung Ende
       September stoisch durch die Tagesordnung, beriet über Aschenbecher-Aufsätze
       an öffentlichen Mülleimern und den Ausbau des Feuerwehrgerätehauses.
       
       Thomas Schult hält es im Nachhinein weiter für richtig, dass er in der
       Sitzung nicht über die Vorwürfe diskutieren ließ: „Herr Bastian spricht von
       Nötigung der Gemeindevertreterin – aber übt er nicht auch Druck aus, wenn
       er öffentlich solche Fragen stellt?“ Sie würden bei der nächsten Sitzung
       beantwortet, wie es die Gemeindeordnung vorsehe.
       
       Inzwischen ist auch die Kommunalaufsicht, die beim Kreis Plön liegt,
       eingeschaltet. Die Untersuchung laufe noch, sagt Kreis-Sprecherin Nicole
       Heyck. Die Behörde prüft, ob bei der Genehmigung des Bauprojekts alles
       korrekt ablief. Die E-Mail von Kaczmarczyk an die Gemeinderätin bedürfe
       „einer eigenständigen Bewertung“.
       
       Ob Kaczmarczyk in seinem Amt bleiben will und kann, ist derzeit also
       unklar. Genau wie die Frage, ob wieder Friede in Schellhorn einkehrt.
       Bürgermeister Schult glaubt daran: „Ich bin Optimist. Ich will mit allen
       gemeinsam in die Zukunft schauen.“
       
       Peter Krebs, der Leiter der Amtsverwaltung, hat keine richtige Idee, wie
       das gelingen könnte. „Es hängt immer an den beteiligen Personen.“ Er
       bewundere jeden, der sich [3][ehrenamtlich in der Lokalpolitik] engagiere.
       
       Engagiert bleibt auch Birger Bastian, nur eben außerhalb des Gremiums. „Ich
       will nicht, dass Leute mit falschen Versprechen und unter Umgehung der
       Regeln ihre eigenen Interessen durchsetzen.“ Er will weiter genau
       hinschauen.
       
       5 Oct 2026
       
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